„Bach ist Kopf und Herz“

Barockmusik oder Heavy Metal? Sopranistin Anna Prohaska liebt beides. Das Interview zum Klassik-Schwerpunkt auf ARTE.

Foto: © Alfred Steffen Illustration: © Julian Pieper

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Warm eingepackt kommt Anna Prohaska zum Interviewtermin im Arte Luise Hotel in Berlin. Am Vorabend noch sang sie die Rolle der Susanna in Mozarts „Le nozze di Figaro“. Die letzte von insgesamt acht Aufführungen in der Staatsoper im Schillertheater. Wie Hochleistungssport sei der Beruf, sagt sie. Müde wirkt die 32-jährige Sopranistin jedoch kein bisschen. In der vierteiligen ARTE-Dokureihe „Epochen der Musikgeschichte“ kommt sie als Expertin zu Wort. Bei einem Earl Grey mit Milch spricht sie über die großen Komponisten der klassischen Musik und die Klischees einer Operndiva.

ARTE: Frau Prohaska, stimmt es, dass Sie Bonbons im Mund oder Kostüm verstecken, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Anna Prohaska: Ja, das stimmt. Bei längeren Singpausen ist es wichtig, dass der Mund nicht trocken wird. Also verstecke ich die Bonbons zum Beispiel in der Hosen- oder Brusttasche oder direkt im Mund. Verschluckt habe ich mich noch nie!

ARTE: Vom Barock über die Klassik und die Romantik bis hin zur Moderne – welche Ära hätten Sie als lyrische Sopranistin gerne hautnah erlebt?

Anna Prohaska: Ganz klar den Barock – auch wenn das mit Sicherheit nicht die hygienischste Zeit war. Denken Sie einmal an die Läuse in den Perücken! Aber von Bach oder Händel ein Stück oder eine Rolle auf den Leib komponiert zu bekommen, stelle ich mir toll vor.

ARTE: Der Pianist Francesco Tristano sagt, Barock sei wie Rock ’n’ Roll. Ist da was dran?

Anna Prohaska: Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass Barockmusik viel mit Jazz zu tun hat. Melodien und Akkorde werden über einem Grundbass, dem Basso continuo, variiert. „Summertime“ von George Gershwin und „Music for a While“ von Henry Purcell kann man auf ähnliche Weise verstehen. Würde man Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ oder eine seiner Opern-Arien mit elektronischen Instrumenten besetzen, käme bestimmt auch etwas Rockiges dabei heraus.

ARTE: Sie sagen, einen Komponisten wie Johann Sebastian Bach gibt es nur einmal im Universum. Was macht ihn so einzigartig?

Anna Prohaska: Bachs Musik ist einerseits hoch zerebral und komplex, wie seine Fugen und Präludien. Andererseits gehen Arien wie „Erbarme dich“ aus der „Matthäus-Passion“ oder „Liebster Gott“ aus der Kantate 179 wie eine Art emotionaler Pflock mitten ins Herz. Diese Gleichwertigkeit von Kopf und Herz gibt es für mich nur bei Bach.

ARTE: Welche Komponisten hätten Sie gerne persönlich kennengelernt?

Anna Prohaska: Neben Bach hätte ich gerne einmal Händel beim Arbeiten über die Schulter geschaut. Er war der Pop-Komponist seiner Zeit. Mit Schubert hätte ich mich über Literatur unterhalten und ihn gefragt, ob ihm seine Musik für manche Gedichte, die er vertonte, nicht zu schade war.

ARTE: Ist seine Musik simpler als die von Bach?

Anna Prohaska: Strukturell scheint die Musik simpler. Schubert hat in seinem kurzen Leben aber unglaublich tiefe Musik geschrieben. Er schaffte es, durch Modulationen entweder die Sonne aufgehen oder die Welt untergehen zu lassen.

ARTE: Die Uraufführung von Igor Strawinskys „Le Sacre du printemps“ 1913 löste einen Skandal aus, weil die Musik so anders war als alles, was es bis dahin gab. Ginge so etwas heute noch?

Anna Prohaska: Musikalisch ist es heutzutage schwierig, Menschen zu schockieren. Das ist noch am ehesten durch eine provokante Inszenierung möglich. Wobei selbst nackte Leute oder Sex auf der Bühne mittlerweile nicht mehr tabu sind. Da bleibt nicht mehr viel übrig!

ARTE: Kann sich die klassische Musik dann überhaupt noch weiterentwickeln?

Anna Prohaska: Ich glaube nicht, dass man das Rad neu erfinden kann. Moderne Komponisten wie Toshio Hosokawa, Wolfgang Rihm oder Jörg Widmann spielen mit traditionellen Formen, brechen sie auf und fügen sie wieder zusammen. Das finde ich spannend, zumal das Publikum die Musik wiedererkennt und gleichzeitig neu kennenlernt.

ARTE: Sie hören auch gerne Heavy Metal, Rock und Dark Wave. Was gefällt Ihnen an diesen Genres?

Anna Prohaska: Ich mag das Düstere, Melancholische, Emotionale. Generell bin ich gut gelaunt und fröhlich. Fast schon harmoniesüchtig. Diese Art von Musik ist ein guter Gegenpol.

ARTE: Könnten Sie sich vorstellen, in eine dieser Stilrichtungen zu wechseln?

Anna Prohaska: Mit der falschen Technik beim Heavy Metal würde ich mir wahrscheinlich ziemlich schnell die Stimme kaputt machen. Aber Gruppen wie Nightwish oder Within Temptation integrieren klassischen weiblichen Gesang in ihre Songs. Eine Zusammenarbeit – als „Genre-Gast“ – könnte ich mir gut vorstellen.

ARTE: Es gibt immer mehr junge Klassikkünstler, die im Gothic- oder Rocker-Look auf die Bühne gehen. Woher kommt dieser Imagewandel?

Anna Prohaska: Der Klassikbetrieb war lange Zeit sehr konservativ. Auftoupierte Haare und Abendkleider, die aussahen wie Geburtstagstorten, waren normal. Gothic-Stiefel und Lederhosen wirken auf mich wie eine Gegenreaktion auf die alten Konventionen. In ein paar Jahren wird sich das wieder beruhigen. Es nervt mich allerdings, dass die Klassikszene immer mehr auf das Äußere von Künstlern achtet.

ARTE: War das früher anders?

Anna Prohaska: Heute sind eine gute Figur und ein schönes Gesicht oft wichtiger als musikalisches Talent. Wenn Künstler zwar gut aussehen, ihnen aber die Ausstrahlung auf der Bühne fehlt, wird eine Inszenierung höchstens zweidimensional, nicht aber drei- oder vierdimensional. Und das ist schade.

ARTE: Ist es schwierig, sich als junge Frau im Klassikbetrieb zu behaupten?

Anna Prohaska: Es hat auf jeden Fall eine Weile gedauert, bis ich mich durchsetzen konnte. Männer gelten als selbstbewusst, wenn sie sagen, was sie wollen. Frauen dagegen wird dann oft unterstellt, zickig und divenhaft zu sein. Vielleicht liegt das daran, dass wir höhere Stimmen haben.

ARTE: Und wie divenhaft sind Sie wirklich?

Anna Prohaska: Ich erfülle nicht gerade das Klischee einer Operndiva: Pelzmantel, Chauffeur und Starallüren. Ich fahre mit der S-Bahn, trage eine Lederjacke und verkehre nicht in den teuersten Restaurants der Stadt. Außerdem ist mir sehr wichtig, nicht überheblich zu sein und alle – vom Präsidenten bis zur Putzfrau – mit gleichem Respekt zu behandeln.

ARTE: Sie haben schon mit großen Künstlern wie Daniel Barenboim und Claudio Abbado gearbeitet. Wer steht heute auf Ihrer Wunschliste?

Anna Prohaska: Ganz oben steht der Dirigent John Eliot Gardiner. Er ist Spezialist für Alte Musik, sprich: Renaissance und Barock. Ich würde auch gerne eine Orchester-CD mit früher deutscher Romantik aufnehmen und mich der französischen Musik etwa von Claude Debussy widmen – ein bisschen weg vom Barock, aber nicht zu weit.

ARTE: Die Dokureihe „Epochen der Musikgeschichte“ verwendet animierte Illustrationen, die die Klassikszene ein wenig jünger und hipper wirken lassen. Das Publikum bei Konzerten ist jedoch meist älter. Woran liegt das?

Anna Prohaska: Klassische Musik spricht einfach eher ein älteres Publikum an. So wie Popmusik eher ein jüngeres anspricht. Das finde ich nicht schlimm. Jeder soll einen schönen Abend nach seinem Geschmack verbringen. Und natürlich gehen auch viele junge Leute in Klassikkonzerte. Man sollte das nicht mit einer Untergangsstimmung belegen. Der Publikumsnachwuchs stirbt schon nicht aus!

Lydia Evers

ARTE􏰀 Schwerpunkt

Epochen der Musikgeschichte

Epochen der Musikgeschichte (1–4)
Dokureihe
ab Sonntag, 10.1. | 17.40

Jean-Philippe Rameau, Meister der Barockmusik
Porträt
Sonntag, 10.1. | 22.40

J.S. Bach: h-Moll-Messe
Konzert
Sonntag, 10.1. | 00.15

Mission Mozart: Lang Lang und Nikolaus Harnoncourt
Musikdoku
Sonntag, 17.1. | 23.45

Nikolaus Harnoncourt dirigiert Mozart
Konzert
Sonntag, 17.1. | 00.40

Haydns Schöpfung
Konzert
Sonntag, 17.1. | 01.55

Wagnerwahn
Dokumentarfilm
Sonntag, 24.1. | 23.40

Hilary Hahn interpretiert Brahms
Konzert
Sonntag, 24.1. | 01.10

Strawinsky in Hollywood
Porträt
Sonntag, 31.1. | 00.15

Fazil Say spielt Ravel und Gershwin
Konzert
Sonntag, 31.1. | 01.05

Kategorien: Januar 2016