Arme Kirche, reiche Kirche

Marode Dorfkirchen, prachtvolle Altäre. Der Kontrast zwischen der französischen und der deutschen Kirche könnte größer nicht sein. Ein ARTE-Dokumentarfilm über die Einnahmen derjenigen, die das rechte Maß predigen.

Illustration: © ARTE Magazin Studio

Illustration: © ARTE Magazin Studio

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mehr als zehn Milliarden Euro nehmen die katholische und die evangelische Kirche zusammen pro Jahr an Kirchensteuern ein. Damit finanzieren sie Pfarrdienst, Religionsunterricht und den Erhalt der Kirchen. Zudem leisten sie mit Kindergärten, Altenheimen und humanitärer Hilfe im Ausland einen konstituierenden Beitrag zum gemeinschaftlichen Wohl. Ohne Zweifel, die Kirche in Deutschland ist reich. Eine Milliarde Euro beträgt allein das jährliche Budget des Erzbistums Köln – das ist mehr als der Haushalt des Vatikans.

In Frankreich sind solche Summen unvorstellbar. Der Glaube ist eine private Angelegenheit, Laizismus ist der französischen Gesellschaft wichtig: Es gibt keinen Religionsunterricht in Schulen, nicht einmal eine staatliche Erfassung der Konfessionen. Die Zahlen zur Religionszugehörigkeit – in Frankreich gibt es nur sehr wenige Protestanten – werden allein von Umfrageinstituten ermittelt. Kreuze im Klassenzimmer sind undenkbar, seit 2004 ist sogar das ostentative Tragen von religiösen Symbolen in öffentlichen Schulen verboten.

Im Jahr 1905 wurde die Kirche vom Staat entmachtet und alle bestehenden Gotteshäuser verstaatlicht. „Die rund 36.000 Dorfkirchen gehören den Kommunen. Dafür könnte die katholische Kirche kaum selber aufkommen“, sagt Jean-Pierre Moisset, Kirchenhistoriker an der Universität Bordeaux, im ARTE-Dokumentarfilm „Die Kirche und das Geld“. Dazu kommen 87 Kathedralen, die dem Zentralstaat gehören.

VOM VERFALL BEDROHT

Manche Städte lassen nicht genutzte Kirchen verkommen, weil sie nicht zahlen können oder wollen. Das französische Kulturministerium schätzt, dass in den nächsten 15 Jahren mehr als 5.000 Gotteshäusern der Abriss droht. Und das nicht nur auf dem Land. Die Stadt Paris ist Eigentümerin von 96 Kirchen – und sieht ein Instandsetzungsbudget von jährlich zehn Millionen Euro vor. Das reiche gerade einmal für die Sanierung einer einzelnen Kirche, bemängeln Kritiker.

Eine Kirchensteuer gibt es in Frankreich nicht. Die Kirche im Hexagon muss sich selbst finanzieren. Die Mittel kommen zu einem Drittel aus dem Kirchgeld, einer steuerfreien Spende, zu einem Drittel aus der Kollekte bei Messen,Hochzeiten und Taufen. Das letzte Drittel stammt aus Erbschaften, Finanzanlagen und veräußerten Immobilien. Zusammengenommen hat die Kirche damit Einnahmen von jährlich weit unter einer Milliarde Euro – ein knappes Zehntel dessen, was ihren rechtsrheinischen Pendants Jahr für Jahr zur Verfügung steht. Um zum Spenden anzuregen, schaltet die katholische Kirche in Frankreich Fernsehwerbung. Ein wichtiges Argument: Wir sind arm. „Ihr Pfarrer verdient nur rund 1.000 Euro im Monat“, heißt es dort. Das ist wenig in einem Land, in dem der staatliche Bruttomindestlohn bei monatlich 1.450 Euro liegt.

Sogar das weltbekannte Lourdes kämpft mit Finanzierungsproblemen. Die Diözese im Ort am Fuße der Pyrenäen, der im 19. Jahrhundert durch Marienerscheinungen zum Wallfahrtsort geworden ist, finanziert sich vor allem durch den Verkauf von Kerzen. Jedes Jahr werden dort 750 Tonnen Wachs verbrannt. „Wir haben ein Budget von 30 Millionen Euro, aber unsere Ausgaben sind viel höher“, sagt Tierry Castillo von der Diözese Tarbes und Lourdes. „Wir müssen aufpassen, dass wir finanziell nicht ins Minus rutschen.“ Dafür haben die Verantwortlichen eine Internet-Offensive gestartet. Wer nicht persönlich nach Lourdes pilgern kann, dem bietet die Kirche eine moderne Art der Andacht: Gläubige können online Kerzen kaufen, die dann vor Ort abgebrannt werden. Die größte Kerze wiegt 70 Kilogramm und kostet 400 Euro.

Die finanziellen Schwierigkeiten, mit denen die französische Kirche zu kämpfen hat, sehen Geistliche sogar als Chance: „Ich spüre die Großzügigkeit der Franzosen“, sagt Kardinal Philippe Barbarin, Erzbischof von Lyon. „Es hat die Verantwortung der Christen verstärkt. Ich glaube, dass das gut für uns ist.“

DIREKTE ZAHLUNGEN VOM STAAT

In Deutschland zahlt der Staat den zwei großen Glaubensgemeinschaften trotz der gewaltigen Einnahmen durch Kirchensteuern jährlich noch mehrere Hundert Millionen Euro. Grundlage sind Verträge aus dem 19. Jahrhundert, als die Kirchen enteignet wurden. Insgesamt 15 Milliarden Euro, rechnet der Politologe und Kirchenkritiker Carsten Frerk vor, habe die Bundesrepublik seit ihrer Gründung an die Kirchen bezahlt. Aus diesen Geldern würden die meisten Bischöfe bezahlt.

Ihr Einkommen ist an die Besoldung der Landesbeamten gekoppelt: Sie verdienen, vom Staat festgelegt und je nach Größe ihres Bistums, bis zu 13.000 Euro im Monat. Es ist ein kompliziertes Konstrukt, zeigt der ARTE-Dokumentarfilm, und es führt am Ende dazu, dass jeder Steuerzahler, egal ob Kirchgänger oder nicht, das bezahlt, was deutsche Bischöfepredigen.

Julien Wilkins

 

ARTE THEMA

Die Kirche und das Geld
Dokumentarfilm
Dienstag, 12.1., um 20.15 Uhr

Kategorien: Januar 2016