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„Sprache ist Heimat“

Ein Leben für die Kunst: Der Schauspieler ARMIN MUELLER-STAHL wird 85 Jahre. Eine Hommage zum Geburtstag auf ARTE.

© Gene Glover

© Gene Glover

Wer glaubt, ein Schauspieler, der in Hollywood und Deutschland gleichermaßen bekannt ist, sei abgehoben, der irrt. Entspannt sitzt Armin Mueller-Stahl in einem Sessel und rührt in seinem Cappuccino. Der Charakterdarsteller, den man aus Filmen wie „Die Flucht“, „Eastern Promises“ oder „Die Buddenbrooks“ kennt, ist älter geworden. Und jung geblieben. Mit dem ARTE Magazin spricht er über das Handwerk der Schauspielerei und sein Bauchgefühl beim Malen.

ARTE: Herr Mueller-Stahl, am 17. Dezember werden Sie 85 Jahre alt. Wie alt fühlen Sie sich?

Armin Mueller-Stahl: Das ist ganz unterschiedlich. An manchen Tagen fühle ich mich wie 120, an anderen bin ich fit wie mit 50.

ARTE: Bringt das Alter auch Vorteile mit sich?

Armin Mueller-Stahl: Natürlich werden die Schrauben ab einem gewissen Alter lockerer. Aber ich denke auch bewusster über die Zukunft nach, die mir noch bleibt. Ich genieße „pur“, ohne das Gefühl zu haben, woanders etwas zu verpassen. In jungen Jahren ist das ja oft so.

ARTE: Sie wurden fünf Mal für Ihr Lebenswerk geehrt. Was geht einem da durch den Kopf ?

Armin Mueller-Stahl: Dass ich mich fast dafür entschuldigen muss, noch am Leben zu sein! Aber Spaß beiseite. Ich freue mich natürlich auch darüber.

ARTE: Stimmt es, dass Sie nicht gern auf dem roten Teppich stehen oder Interviews geben?

Armin Mueller-Stahl: Das mochte ich noch nie besonders. Ich weiß, dass es zu meinem Beruf gehört, und gebe mir hin und wieder innerlich einen Ruck. Aber diesen Ruck gebe ich mir nicht gerne.

ARTE: Sie waren Konzertgeiger, als Sie sich entschlossen, doch Schauspieler zu werden. Warum?

Armin Mueller-Stahl: Das war eine Verbeugung vor meinem Vater, der am 1. Mai 1945 wahrscheinlich von den Deutschen erschossen wurde. Er wollte Schauspieler werden, konnte sich seinen Traum jedoch nie erfüllen.

ARTE: Sie sagen selbst, die Schauspielerei sei Ihnen nicht in die Wiege gelegt worden.

Armin Mueller-Stahl: Das stimmt. Ich wollte wieder zurück zur Musik, wollte Dirigent und Komponist werden. Doch dann gab mir der damalige Intendant der Berliner Volksbühne Fritz Wisten eine Charakterrolle. Und damit hatte ich leider einen Riesenerfolg.

ARTE: Leider?

Armin Mueller-Stahl: So bin ich bei der Schauspielerei geblieben. Sie war mein Handwerk, mit dem ich am schnellsten die Brötchen auf den Tisch brachte. Heute würde ich vielleicht andere Prioritäten setzen: Musik und Malerei an erster Stelle, dann das Schreiben und danach erst das Schauspielern.

ARTE: Was geben Ihnen die Malerei, die Musik und das Schreiben?

Armin Mueller-Stahl: Beim Schreiben benutze ich den Kopf. Malerei und Musik entstehen aus dem Bauch heraus. Sie sind in gewisser Weise ein Verdummungsprozess, haben rein gar nichts mit klarem Denken, sondern nur mit Gefühlen zu tun. Und das genieße ich sehr. Momentan am meisten, wenn ich male. Die Malerei verleiht mir Flügel.

ARTE: Seit einiger Zeit nehmen Sie keine Filmrollen mehr an und sagen „So, wie die Schauspielerei heute funktioniert, kann ich sie nicht ernst nehmen“. Inwiefern?

Armin Mueller-Stahl: Schauspielerei beginnt am Theater. Dort wird noch wirkich etwas gelernt. Viele Seriendarsteller werden heute berühmt, ohne ihr Handwerk zu beherrschen. Ihr Spiel berührt mich nicht.

ARTE: War das früher anders?

Armin Mueller-Stahl: Ja. Mit einem Sir Laurence Olivier oder einer Vivien Leigh können die ganzen Hollywood-Blondinen einfach nicht mithalten. Das war noch so gekonnt. Und dadurch auch emotional bewegend.

ARTE: Sind Filme also schlechter geworden?

Armin Mueller-Stahl: In gewisser Weise schon. Es gibt zudem immer mehr Streifen, die voller Special Effects sind. Special Effects haben aber meistens nichts mit Geschichten zu tun. Sie sind wie Pralltriller in der Musik – eine nette Verzierung, aber alleine nicht zu gebrauchen. Aber selbstverständlich gibt es auch heute noch Regisseure, die wissen, wie man gute Geschichten erzählt.

ARTE: Gibt es noch Regisseure vom Kaliber eines Rainer Werner Fassbinders, für den Sie in den 1980er Jahren vor der Kamera standen?

Armin Mueller-Stahl: Spontan fallen mir sofort Terrence Malick, Woody Allen und Jim Jarmusch ein. Alle drei haben verrückte und spannende Ideen. Ich glaube, Leute wie Fassbinder wird es immer geben. Glücklicherweise.

ARTE: Mit Fassbinder drehten Sie den Erfolgsfilm „Lola“.

Armin Mueller-Stahl: Ich war wie eine Vaterfigur für ihn. Er war ja ein ziemlicher Stinkstiefel, aber vor mir hatte er Respekt. Wahrscheinlich weil ich keine Furcht vor ihm hatte. Er trug jedes Mal einen Glencheck-Anzug, wenn er mit mir drehte. Sonst lief er immer mit verlotterten Jeans herum.

ARTE: In der DDR begannen Sie Ihre Schauspielkarriere und waren dort zunächst sehr beliebt. Später erhielten Sie Morddrohungen. Wie denken Sie heute an diese Zeit zurück?

Armin Mueller-Stahl: Obwohl ich oft mit der DDR im Clinch lag, hege ich heute keinerlei Hassgefühle. Ich gebe noch ab und zu Konzerte im Osten. Oft kommen danach Leute zu mir, die mit mir und meinen Filmen groß geworden sind. Diese Begegnungen sind so warmherzig, dass ich eine Art versöhnende Rückkehr in die DDR verspüre.

ARTE: Mit fast 60 Jahren wanderten Sie in die USA aus. War dies ein weiterer Schritt zur Freiheit?

Armin Mueller-Stahl: Amerika ist wirklich ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Auch wenn die Trennlinie zwischen Mut und Dummheit damals nicht ganz klar war. Denn wer geht als 60-jähriger Zausel ohne Englischkenntnisse in ein Land, um dort Karriere zu machen? Aber es ging gut.

ARTE: Heute haben Sie die deutsche und die US-Staatsbürgerschaft. Wo sind Sie zu Hause?

Armin Mueller-Stahl: Ich lebe immer noch in beiden Ländern, muss aber zugeben, dass für mich Sprache Heimat bedeutet. Und ich schreibe und denke nach wie vor auf Deutsch.

ARTE: Fühlen Sie sich denn trotz des zunehmenden Fremdenhasses aufgrund der Flüchtlingsströme in Deutschland wohl?

Armin Mueller-Stahl: Diese Entwicklungen machen mir tatsächlich Angst. Sätze wie „Die Fremden sollen dort bleiben, wo sie zu Hause sind“, sind einfach nur dumm und primitiv. Wir Deutschen fahren gerne in fremde Länder und zu fremden Kulturen. Und dann wollen wir Menschen aus anderen Ländern nicht bei uns haben? Das ist falsch.

ARTE: Ist die Flüchtlingskrise zu meistern?

Armin Mueller-Stahl: Daran glaube ich, ja. Amerika zum Beispiel besteht nur aus Ausländern, die dort hingekommen sind. Das ist eine Bereicherung und macht ein Land nicht ärmer. Deutschland hat 80 Millionen Einwohner. Wenn zwei Millionen dazukommen,ist das ja wohl zu verkraften.

Lydia Evers

ZUR PERSON

ARMIN MUELLER-STAHL

Der 1930 im ostpreußischen Tilsit (heute: Sowetsk) geborene Schauspieler war in der DDR, der BRD und später in Hollywood erfolgreich. Er wurde zwei Mal für den Oscar nominiert und fünf Mal für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Heute widmet er sich hauptsächlich der Malerei.

Filmografie (Auswahl)

„Lola“ (1981), „Bittere Ernte“ (1985), „Utz“ (1992), „Shine“ (1996), „Die Manns – Ein Jahr- hundertroman“ (2001), „Eastern Promises“ (2007), „Die Buddenbrooks“ (2008)

 

ARTE SOIRÉE

HOMMAGE AN ARMIN MUELLER-STAHL

Nackt unter Wölfen
Drama
Montag, 14.12. | 20.15

Utz
Drama
Montag, 14.12. | 22.15

Die Flucht
Drama
Montag, 14.12. | 23.50

arte.tv/arminmuellerstahl

Kategorien: Dezember 2015