magazin

Magisches Königreich

Wie ein Zauberer erschuf WALT DISNEY seine Zeichentrickwelten. ARTE erzählt die bewegte Geschichte des Filmemachers.

Getty Images © Hart Preston/The Life Picture

Getty Images © Hart Preston/The Life Picture

Ein Reh. Mitten im Büro. Auf staksigen Beinen steht es im Raum und streckt den Kopf in die neugierige Runde. Später, so berichtet

Comicexperte Andreas Platthaus in seiner Disney-Biografie „Von Mann & Maus“, wird es dort, in den Walt-Disney-Filmstudios, getötet und analysiert. Schließlich war es nicht mehr als ein anatomisches Studienobjekt für „Bambi“. Das Perfektionsstreben des im Grunde tierlieben Walt Disney forderte ganz reale Opfer. Eine Tatsache, die damals nicht an die Öffentlichkeit drang, genauso wenig wie der Fakt, dass seine geschwungene Unterschrift nicht von ihm stammt, sondern von einem seiner Mitarbeiter entworfen wurde. Auch seine berühmteste Figur Micky Maus – eine kurzohrige Version ihres Vorgängers „Oswald, the Lucky Rabbit“ – stammte nicht aus seiner Feder, sondern von seinem Freund, dem Comiczeichner Ub Iwarks.

Walt Disney wusste wohl, dass sein eigenes künstlerisches Können seinen hohen Ansprüchen nicht genügte. Nach 1926 hatte er für keinen seiner Trickfilme mehr eine Zeichnung angefertigt. Und doch oder gerade deswegen war er Anfang der 1930er Jahre der berühmteste Mann im Zeichentrickgeschäft: Er hatte ein exzellentes Team aufgebaut und seine Werke wie auch sein Image perfekt in Szene gesetzt.

Walt Disney lebte den amerikanischen Traum: das Einfache, das Gewitzte und Lebensfrohe
– eine Beschreibung, die auch auf sein Alter Ego Micky Maus zutrifft. Doch er hatte eine harte Kindheit: Seine Eltern waren mittellos. Regelmäßig wurde er vom Vater mit dem Ledergürtel gezüchtigt. Die siebenköpfige Familie lebte zunächst auf einer Farm in Marceline (Missouri)
– die Vorlage für Entenhausen –, dann zog sie nach Kansas City. Dort erhielt Disney mit 13 Jahren seinen ersten Zeichenunterricht. Die Fantasiewelten, die er später kreiert, so wird es oft interpretiert, seien eine Reaktion auf seine wenig kindgerechten Jahre, die Suche nach einer besseren Welt.

Beruflich verdiente Disney sein Geld zunächst als Reklamezeichner, ab 1922 entwarf er Filmcartoons und gründete dann als 22-Jähriger mit seinem Bruder Roy die „Disney Brothers“. Walt war ein innovativer Geist mit unermüdlicher Energie und von der Zukunft des Zeichentricks überzeugt.

Er brachte Tiere zum Sprechen und machte sie zu Identifikationsfiguren. Nach dem Sensationserfolg des ersten Micky-Maus-Films (1928) war „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937) als weltweit erster abendfüllender Zeichentrickfilm ein weiterer Meilenstein. Drei Jahre hatten 750 Künstler daran gearbeitet. Das Werk rührte das Publikum zu Tränen. Disney war ein Zauber gelungen, zahlreiche Kunststücke folgten.

Mit Disziplin, Perfektion und Hingabe schaffte es Walt Disney nach ganz oben. Eigenschaften, die er auch seinen Angestellten abverlangte. 1941 bekam er deren Unmut in einem erbitterten Streik zu spüren. Einige seiner wichtigsten Zeichner verließen das Unternehmen. Doch mit seiner Autorität stand er unerschütterlich an der Spitze. Als er Anfang der 1960er Jahre gefragt wurde, ob er für das Bürgermeisteramt von Los Angeles kandidieren wolle, soll er erwidert haben: „Wieso sollte ich Bürgermeister werden, wenn ich schon König von Amerika bin?“ Schließlich herrschte er über eine Traumfabrik von Trickfilmfiguren und ein Unterhaltungsimperium aus TV-Shows, Vergnügungsparks und Comic-Heftchen.

Der Medienmogul Walt Disney, der mit 26 Oscars den Rekord hält, hatte sich seinen eigenen Thron gebaut. Er konnte die Menschen mehr als jeder Politiker beeinflussen. Bis tief in deren Träume und Fantasien hinein.

Katrin Ullmann

 

ARTE  DOKUMENTARFILM

WALT DISNEY – DER ZAUBERER
Sonntag, 27.12. | ab 20.15

arte.tv/waltdisney

Kategorien: Dezember 2015