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Typisch Frankreich: Leise rieselt das Salz

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin begibt sich im kalten Monat Dezember auf die Spur des Streusalzes.

© Martin Haake

© Martin Haake

Weihnachtszeit, Winter­zeit. Der erste Schnee verzaubert Wald und Flur. Wie verzuckert erwachen Dörfer und Städte. Es ist der Beginn der alljährlichen Rutschpartie! Verknackste Knöchel, blaue Flecken – allerorts fordern unfrei­willige Pirouetten auf vereisten Geh­wegen und Straßen ihren Tribut.

1,5 Millionen Tonnen Streusalz werden in Deutschland vorsorglich jeden Winter im Schnitt verteilt, in Frankreich sind es eine Million. Sind unsere Nachbarn also viel umwelt­bewusster und grüner? Pas du tout! In Frankreich schwören die Bürger auf das Chlorid, sie streuen, sobald der erste Schnee fällt, ihre Trottoirs, ihre Straßen. In Deutschland ist es Privatpersonen in den meisten Kommunen verboten, die Bürgersteige mit Salz zu enteisen.

Doch warum verbraucht Deutsch­land dann mehr Streusalz als Frankreich? Ganz einfach: Hierzulande friert es öfter. Während in Paris das Thermometer im Schnitt nur zwölf Mal im Jahr unter die Null rutscht, schafft das Berlin allein in den zwölf Tagen nach Silvester – und das ist erst der Anfang.

51 Prozent des weltweit herge­stellten Salzes landen auf den Straßen. Und die Franzosen, die feinköstlichen Meister der Salzgewinnung, die in der Küche die zarte Struktur des Fleur de Sel mit der einer Schneeflocke vergleichen, schätzen im Winter die grobe Machart der ungereinigten Kristalle. Das Faible fürs Streuen unserer Nachbarn zeichnet sich schon früh ab: Anfang des 20. Jahrhunderts kippte man im Winter in Paris Salz auf die Straßen. Das Eis schmolz, aber die Hufe der Kutschpferde litten, auch die Brücken rosteten schneller. Mehr als 100 Jahre später setzen die Franzosen trotzdem noch auf den kor­rosiven Stoff, sobald es friert. Dagegen wurde Auftausalz in Deutschland erst in den 1960er Jahren im Straßenver­kehr genutzt. Heute hat es bundesweit einen schlechten Ruf: Durch das Chlorid verschiebt sich der pH­Wert des Tau­wassers in den Säurebereich. Pflanzen können schlechter Nährstoffe und Wasser aufnehmen und infolgedessen absterben. Auch die Tierwelt leidet. Der Salzgehalt im Grundwasser steigt, das Trinkwasser wird belastet.

Für den Deutschen, der öffentlich gerne und laut „öko“ ruft, ist das tabu. Nun ja, zumindest vor der eigenen Haustür: Dort, wo der mühsam vertiku­tierte Rasen sprießt und die sorgfältig beschnittenen Bäume grünen, soll es bitteschön nur Sand oder Split sein.

Auf der Autobahn hält der Deutsche dagegen die Fahne der Autofahrernation hoch und will als freier Bürger seine freie Fahrt frei von Schnee und Eis genießen. Unsere Nachbarn halten es beim Streuen einfach überall wie beim Kochen: Noch eine Prise wird schon nicht schaden.

Julien Wilkens

 

ARTE Programmhinweis

Karambolage
Sonntags um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage

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unter arte.tv/edition

Kategorien: Dezember 2015