Jesus und der Islam

Das Verhältnis der Religionen ist von Polemik und Krieg geprägt. Die Koranforschung gibt nun Hoffnung. Eine Dokureihe auf ARTE.

Getty Images © Ashraf Amra/Anadolu Agency

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Die Bibel und der Koran stimmen in vielen großen Erzählungen überein. Die Geschichte von Moses beispielsweise, der das Volk Israel aus Ägypten rettete, ist in der Heiligen Schrift der Juden und Christen wie auch in der Heiligen Schrift des Islam enthalten. Auch der Bericht über Jesu jungfräuliche Geburt als fleischgewordenes „Wort Gottes“ findet sich in den Evangelien des Neuen Testaments wie in der Arabischen Verkündigung des Propheten Mohammed.

Und doch sind sich seit weit über tausend Jahren muslimische, christliche und jüdische Leser in einem einig: Es ist schwierig, den Koran vollständig mit der hebräischen Bibel und den Evangelien in Einklang zu bringen. So bauen Abraham und Ismael im Koran zusammen ein „Haus“ – wahrscheinlich ist die Kaaba in Mekka gemeint – und annullieren dadurch die in der hebräischen Bibel so zentrale und ausschließliche Betonung des einen „Hauses Gottes“, des Jerusalemer Tempels. Weiterhin verneint der Koran nicht nur die Vergebung der Sünden durch den Kreuzigungstod Jesu – das den Tempelkultus aufhebende Jerusalemer Opfer in der christlichen Tradition –, sondern sogar die Tatsache der Kreuzigung selbst und damit das Fundament der christlichen Theologie.

Die Behauptung der Juden, Jesus getötet zu haben, sei falsch, lautet das koranische Diktum. Aber haben sich denn „die Juden“ überhaupt für den Tod Jesu

verantwortlich erklärt? Zur Zeit Jesu war die Autorität zur Exekution Verurteilter ja fest in römischer Hand.

Wirft man einen tieferen Blick in die Geschichte, findet sich in den unzensierten Manuskripten der jüdischen Schrift neben der Thora, dem babylonischen Talmud, ein – historisch höchst zweifelhafter – Bericht, nach dem Jesus von den rabbinischen Autoritäten der Hexerei und Volksverhetzung angeklagt und hingerichtet worden sei. Dieser Bericht war im 7. Jahrhundert der koranischen Urgemeinde offensichtlich bekannt und es ist vor allem diese talmudische Behauptung, die der Koran verneint. Die ursprüngliche Bedeutung ging jedoch im Laufe der Zeit – zumindest teilweise – verloren und ist ein plakatives Lehrstück, wie Fehlinterpretationen entstehen.

Seit jeher sind viele der muslimischen, christlichen und jüdischen Kultur Arabiens vertraut. Die dar- aus entstehende Diskrepanz zwischen den drei großen monotheistischen Traditionen bestimmt noch heute die Polemik zwischen ihren Anhängern. So heißt es auf jüdischer und besonders auf christlicher Seite, Mohammed hätte sich den Ko- ran weitgehend ausgedacht, basierend auf seiner unzureichenden Bibelkenntnis und unter Einfluss häretischer Lehren. Muslimische Gelehrte wiederum werfen Juden und Christen vor, den göttlichen Text verändert zu haben oder falsch zu lesen. Schließlich stehe im Koran: Diese „Leute des Buches“ hätten an ihren eigenen Schriften „tahrif “ betrieben, also das Lesen „verfälscht“.

Das gegenseitige Miss- und Unverständnis ist mehr als nur ein Streit der Gelehrten, es stellt das Hintergrundrauschen blutiger Konflikte dar. Die Errichtung des ersten Kalifats im 7. Jahr- hundert, die Kreuzzüge im 11., 12. und 13. Jahrhundert, der Irakfeldzug des Westens im 20. und die daraus entstandene Schreckensherrschaft des sogennanten „Islamischen Staates“ im 21. Jahrhundert wurden allesamt mit Polemiken gerechtfertigt. Die neuere Forschung, deren Resultate zum „Kreuzigungsvers“ des Korans in der Dokureihe „Jesus und der Islam“ auf ARTE zusammengefasst werden, zeichnet ein ganz anderes Bild davon, wie sich der Koran zur Bibel verhält. Danach kennt sich die Urgemeinde des Korans in vielen biblischen Traditionen äußerst gut aus. Und sie weiß um die Art und Weise, wie Juden und Christen ihre Bibel lesen und leben.

Der Koran reagiert somit auf die Thora und auf das Evangelium nicht in steriler, bibelwissenschaftlicher Isolation, sondern auf die Gesamtheit der biblischen Kultur der Juden und Christen im nordwestlichen Arabien, im sogenannten Hedschas. Einige schein- bare Unterschiede – wie etwa die Umstände der Geburt und des Todes Jesu – können so bei genauer Betrachtung des kulturellen Hintergrunds als Verwandtschaft zwischen Koran und jüdischer und vor allem christlicher Tradition neu verstanden werden.

So waren etwa die Erzählungen aus den Kindheitsevangelien über die Jugend Marias einst Teil der anerkannten christlichen Tradition und sind auch in den Koran eingeflossen. Mit der späteren Rückbesinnung auf die kanonischen Evangelien hat sich die christliche Tradition dann jedoch von den Kindheitsevangelien getrennt. Auch die jüdische Tradition entfernte sich vom Koran, so zum Beispiel durch die mittelalterliche Zensur der Geschichte der Hinrichtung Jesu. Und obgleich manch westlichem Theologen die Rolle Jesu als Gesetzesgeber im Koran fremd erscheint: Im spätantiken Christentum ist sie sehr wohl belegt.

Ein historisch differenziertes Bild ergibt sich, wenn man den arabischen Koran im Dialog mit der aramäischen Tradition der Juden und Christen des Nahen und Mittleren Ostens liest. Die sprachliche Barriere zwischen den beiden Kulturen zu verstehen und in beiden Richtungen passieren zu können, ist die große Herausforderung, um den Koran nicht nur als heilige Schrift der Muslime, sondern auch als historische und religionskritische Quelle von unschätzbarem Wert verstehen zu können. Die Tatsache, dass es genau die jahrtausendealte christlich-aramäische Kultur ist, die in den letzten Jahren im Irak und in Syrien von sich auf den Koran berufenden Räuberbanden zerstört wird, gibt diesem Grenzgang einen tragischen aktuellen Bezug.

Erst seit einigen Jahrzehnten erkennt die neuere Forschung, dass der Koran die Entwicklung der Theologie einer frühislamischen Gemeinde widerspiegelt, die sich mit dem Juden- und Christentum im Gespräch befindet, sich aber gegen beide Gruppen auch zunehmend abgrenzt. Im Zuge der Forschung wird immer deutlicher, dass der Koran den Schlüssel zu einem verlässlichen – wenn auch manchmal durch Polemik und Kritik bestimmten – Bild des Juden – und Christentums des spätantiken Nordwestarabiens beinhaltet. Denn mithilfe des Korans können bedeutende historische Übereinstimmungen nachgezeichnet werden: Zum einen überlappt sich die im Koran festgehaltene Tradition der Christen Arabiens mit dem aus aramäisch-syrischen Quellen bekannten Christentum. Zum anderen beinhaltet das im Koran reflektierte jüdische Material eine deutliche Affinität mit den Schriften der rabbinischen Quellen Palästinas und Babyloniens. Dabei werden im Koran rabbinische und vor allem christologische Lehrsätze oft durch Veränderungen „koranisiert“, also an den theologischen und sprachlichen Rahmen sowie die Auslegung des Korans angepasst, und so manches Mal für offene oder auch subtile Kritik an Juden oder Christen verwendet.

Kein Wissenschaftler, der in der ARTE-Dokureihe „Jesus im Islam“ zu Wort kommt, maßt sich an, den Koran wirklich so hören zu können, wie er der islamischen Urgemeinde als Erstes erklang. Doch die faszinierende Reise in die Vergangenheit der Religionen lässt uns ein reiches jüdisches, christliches und nicht zuletzt koranisches Erbe zumindest ansatzweise neu wertschätzen und erlaubt uns im historischen Verständnis vielleicht auch, etwas zwischenmenschliche Hoffnung zu schöpfen.

Holger Zellentin

 

 

ARTE DOKUREIHE

 JESUS UND DER ISLAM

Folge 1: Die Kreuzigung im Koran
Dienstag, 8.12. | 20.15

Folge 2: Die Leute des Buches
Dienstag, 8.12. | 21.10

Folge 3: Der Sohn Marias
Dienstag, 8.12. | 22.00

Folge 4: Das Exil des Propheten
Mittwoch, 9.12. | 22.20

Folge 5: Mohammed und die Bibel
Mittwoch, 9.12. | 23.15

Folge 6: Die Religion Abrahams
Donnerstag, 10.12. | 21.45

Folge 7: Das Buch des Islam
Donnerstag, 10.12. | 22.40

arte.tv/jesusundderislam

Kategorien: Dezember 2015 · Non classé