Frank Sinatra – Die Stimme Amerikas

Er nahm 1.300 Lieder auf, stand mehr als ein halbes Jahrhundert am Mikrofon. „The Voice“ ist einer der größten Entertainer des 20. Jahrhunderts.

Getty Images © John Dominis/The Life Picture

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Ein bisschen Hybris, ein bisschen Charme: „Jetzt kommt die Nationalhymne, aber Sie können sitzen bleiben“, sagt Frank Sinatra. Dann stimmt er seinen Song „My Way“ an. Es ist 1974. Sein Weg, sein Leben, sein Gesang, sie geben den Pulsschlag der USA im 20. Jahrhundert an.

Seinen Beinamen „The Voice“, „die Stimme“, muss er sich erarbeiten: Francis Albert Sinatra wächst als Kind italienischer Einwanderer auf der ärmeren Seite des Hudson Rivers auf, in Hoboken, New Jersey. Auf der anderen Seite liegt das große, aufregende New York. Sein Vater Anthony boxt für kleines Geld unter falschem Namen, seine Mutter Natalie, genannt Dolly, ist Hebamme und als Wahlkreisleiterin der Demokraten in Hoboken recht einflussreich. „Ich wusste nie, ob sie mich schlagen oder umarmen würde“, sagt Sinatra später. Manchmal prügelt sie ihr einziges Kind mit einem Stock, kauft ihm anderntags aber teure Anzüge und Süßigkeiten. „Sie prägte sein Verhältnis zu Frauen“, sagt James Kaplan, Autor einer zweiteiligen Biografie über Sinatra.

Mit nur 15 Jahren verlässt er die Schule, singt mit einem Megafon in den Bars der Stadt. Jugendliche versuchen, Münzen hineinzuwerfen. Sein großes Vorbild ist Bing Crosby. Das Konterfei des Bassbaritons hängt in Sinatras Zimmer. „Ich werde besser als Crosby“, verkündet er damals.

Er ist 19 Jahre alt am 8. September 1935, dem Tag, an dem seine Karriere beginnt. Mit „The Hoboken Four“ gewinnt der schmächtige Frank beim bekannten Radiowettbewerb „Major Bowes Amateur Hour“ einen sechsmonatigen Showvertrag. Nach drei Monaten auf Tour bricht Sinatra ab. Nicht weil er von den Bandkollegen ständig verprügelt wird. Sondern weil er mehr erreichen will. „Ich wusste, dass ich der Beste sein muss“, sagt Sinatra in einem TV-Interview. Er nimmt Gesangsunterricht, trinkt und raucht vor Auftritten weniger, macht täglich Stimmübungen. Anfang 1940 wechselt der damals 24-Jährige zur Big Band von Tommy Dorsey. Vom Posaunisten, den er als Vaterfigur verehrt, lernt er seinen erbarmungslosen Perfektionismus. Und arbeitet an seinem Ruf: 1942 bezahlt er jungen Frauen fünf Dollar, um im Publikum zu schreien. Das Sexsymbol des Swings ist geboren.

Am 7. Dezember 1941 greift Japan den US-Marinestützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii an. Hunderttausende Männer ziehen in den Zweiten Weltkrieg. Ehefrauen und Mütter fürchten um die Soldaten und Matrosen. Der Puls Amerikas setzt für einen Schlag aus. Frank Sinatra singt das langsame, melancholische „I’ll Never Smile Again“. Er ist der Tröster der Nation.

Innerhalb der Streitkräfte aber ist der Sänger verhasst. „Er hatte den Ruf eines Drückebergers“, sagt Biograf James Kaplan. Viele glauben, dass er dank seines Prominentenstatus nicht eingezogen wird. Dabei bewahrt ihn sein seit der Geburt perforiertes Trommelfell vor dem Kriegsdienst. „Die Soldaten hatten das Gefühl, Frank hätte sich nicht nur vor der Einberufung gedrückt, sondern vergnüge sich zu Hause mit ihren Frauen. Und wahrscheinlich war da was dran“, so Kaplan.

Frankie-Boy ist ein Schürzenjäger. „Bis er zu alt war zum Rummachen, war er keiner einzigen Frau in seinem Leben treu. Er musste immer die nächste Eroberung machen“, sagt Kaplan. Als Sinatra 1946 seiner Frau Nancy in einem Cadillac das Fahren beibringt, findet sie ein Diamantarmband im Handschuhfach – und sieht dies später am Handgelenk von Schauspielerin Marilyn Maxwell. „Ich hoffte, dass er eines Tages die Routine mit mir genießen würde“, sagt seine damalige Frau Nancy Sinatra später. Die Ehe hält noch fünf weitere Jahre. Zeit für seine drei Kinder hat er kaum. „Er war so oft weg, dass die schönen Momente, Frank Sinatras Sohn zu sein, erst später kamen“, bemerkt der Musiker und Entertainer Frank Sinatra Jr.

Auch mit seinen Verbindungen zur Unterwelt kokettiert „Ol’ Blue Eyes“, der Schönling mit den kristallblauen Augen. „Frank war kein Mafioso, aber er bewunderte ihre Härte“, so Kaplan. Das holt ihn 1962 ein: Der linksliberale Sinatra, der sich nach dem Krieg für die Demokraten ausspricht, lädt John F. Kennedy nach Palm Springs in Kalifornien ein. Doch wegen seiner möglichen Verbindungen zur organisierten Kriminalität kommt der US-Präsident bei Bing Crosby unter, Sinatras Nemesis, dazu noch Republikaner. „Er war so wütend, dass er sich einen Vorschlaghammer nahm und den für den Präsidenten erbauten Helikopterlandeplatz zerstörte“, sagt der Sinatra-Experte.

Hart zu sich, zu seinen Musikern, aber mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit: Nach dem Krieg setzt er sich in „The House I Live In“ für Minderheiten ein, sagt vor einer Gruppe Kindern: „Religion macht keinen Unterschied – außer vielleicht für einen Nazi oder jemand Dummen. Gott hat uns alle gleich erschaffen.“ Eine liberale Botschaft im Amerika der Rassentrennung, in dem separate Eingänge für Schwarze Normalität sind.

Anfang der 1950er lässt ihn das konservative Amerika fallen, nachdem er sich von seiner Frau Nancy scheiden lässt und den Hollywoodstar Ava Gardner heiratet. Er ist pleite, verliert seinen Plattenvertrag. Zu einem Konzert in Chicago kommen nur noch 120 Zuschauer. Doch dann gelingt ihm, was das Branchenblatt „Variety“ „das größte Comeback im Showbiz“ nennt: Für seine Rolle als Soldat Angelo Maggio in „Verdammt in alle Ewigkeit“ gewinnt er einen Oscar und den Ruf als ernstzunehmender Schauspieler.

Die 1950er und 1960er Jahre sind die Sinatra-Jahrzehnte: „Songs for Swingin’ Lovers“ und „In the Wee Small Hours“ sind Verkaufsschlager. Zusammen mit Dean Martin, Sammy Davis Jr., Peter Lawford und Joey Bishop revolutioniert er als „Rat Pack“ das Entertainment – und prägt das Bild des Unterhaltungsmekkas Las Vegas. Ende der 1960er nehmen in Woodstock freie Liebe und Drogen den Platz von Swing, Whisky und Zigarren ein. Doch Sinatra singt weiter. Er nimmt am 30. Dezember 1968 seinen Welthit „My Way“ auf, der beginnt mit: „And now, the end is near And so I face the final curtain.“ Sein letzter Vorhang fällt am 14. Mai 1998. „The Voice“ verstummt im Alter von 82 Jahren. Frank Sinatras Weg – er bestimmte das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

Julien Wilkins

ARTE Schwerpunkt

HAPPY BIRTHDAY FRANK SINATRA!

Frank Sinatra – Die Stimme Amerikas
Dokumentarfilm Sonntag, 13.12. | 21.50

Durch die Nacht mit … Till Brönner und Jonathan Jeremiah
Kulturdoku Sonntag, 13.12. | 23.25 und Mittwoch, 23.12. | 00.10

Pal Joey
Musicalfilm Mittwoch, 23.12. | 14.00

Frank Sinatra – All or Nothing at All (1+2)
Dokumentarfilm Mittwoch, 23.12. | ab 20.15

 

Kategorien: Dezember 2015