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Der stille Weltstar

Er ist ein musikalischer Präzisionsarbeiter, ein Meister ohne Allüren: Riccardo Chailly. Nun tritt er an der Mailänder Scala an. ARTE ist dabei.

© Gert Mothes

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Nennen Sie mich Riccardo! So grüßt er im Schal und Pullover. Freundlich. Mit Hang zum Understatement – trotz seiner Prominenz. Seinen „Good-Guy“-Charakter löst Dirigent Riccardo Chailly auf Anhieb ein. Der 62-Jährige ist ein stiller Star und dennoch ständig im Gespräch, wenn es um die wichtigsten Posten des Musikbetriebs geht: Gerade wurde er noch als Kandidat für die Nachfolge von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern gehandelt. Dann als Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra designiert, als Nachfolger von Claudio Abbado. Und jetzt übernimmt er den Posten als Musikdirektor der Mailänder Scala – sein Vorgänger war Daniel Barenboim. Mit Guiseppe Verdis Oper „Giovanna d’Arco“, die am 15. Februar 1845 im Teatro alla Scala einst uraufgeführt wurde, wird er die Saison eröffnen. Anna Netrebko singt die komplexe Titelrolle. ARTE überträgt die Aufführung am 7. Dezember live. Zu groß sind diese Fußstapfen für Riccardo Chailly nicht. Schließlich wurde er dieses Jahr von der internationalen Jury des Online-Musikportals Bachtrack zum „Besten Dirigenten 2015“ gekürt. „Kein Konzert, keine Oper, die er dirigiert, ist eine bekannte Erfahrung“, begründet Jurymitglied Neil Fisher, Musikkritiker der britischen Zeitung „The Times“, die Wahl.

Riccardo Chailly zeigt sich von dieser Auszeichnung durchaus geehrt, dankt aber nur höflich und kurz, wie ein „Soldat der Musik“, als der er sich versteht. „Ich bin kein typischer Italiener“, lacht der gebürtige Mailänder. Öffentlich zur Schau gestellte Emotionen sind nicht seins, auf der Bühne wären sie auch fatal: Jede große Komposition sei ein präzis aufeinander gebautes Räderwerk. Wachsam für jedes Detail gilt es deshalb zu sein, für jede noch so kleine Unregelmäßigkeit. „Seine Technik ist exzellent; in jeder Sekunde weiß er, was er will. Der Klang ist geschlossen, kompakt. Alles sehr präzise“, bestätigen seine Musiker. Den analytischen Blick verdankt er seinem Vater, dem Opernkomponisten Luciano Chailly (1920– 2002). „Von klein auf hörte ich ihn am Klavier komponieren. Ein großer Perfektionist. Nur langsam nahmen seine Werke Gestalt an, Takt für Takt.“ Auch Riccardo versuchte sich später im Komponieren, brachte es aber nur „auf Parodien auf Opern“, wie er schmunzelnd erzählt.

Den eigentlichen Ausschlag zu einem Leben für die Musik gab ein anderes Erlebnis. „Ich war elf“, erzählt Chailly. „Mein Vater war Direktor für klassische Musik beim italienischen Sender RAI und hatte dort einen Termin. Er setzte mich in die letzte Reihe des Saals mit den Worten: ‚Du bleibst hier und benimmst dich! In einer Stunde hole ich dich ab.‘ Es lief gerade eine Orchesterprobe mit dem jungen Zubin Mehta. Plötzlich war da eine Klangwolke, die mich total überflutet hat, meinen Körper, meine Seele, alles. Wie Magie! Da war mir klar, da will ich hin.“

Doch der Vater stellte sich dagegen. Jahrelang. Nichts konnte ihn überzeugen, erzählt Chailly, „weder mein Klavierspiel noch mein Erfolg als Schlagzeuger in einer Free-Jazz-Gruppe, die wir ‚The Nameless‘ nannten. Er wollte mich schützen. Er hatte viele Musiker scheitern sehen.“

Als der Sohn nicht lockerließ, suchte der Vater ihn durch unerbittlichen Harmonie- und Kontrapunktunterricht zu demotivieren. „Drei Monate die reinste Hölle, die mir später aber sehr halfen“, wie sich Chailly erinnert. Er suchte sich andere Lehrer, fand in Dirigent Claudio Abbado einen geistigen Vater und wurde, kaum 19 Jahre alt, dessen Assistent an der Mailänder Scala.

„Claudio war geduldig und großzügig. Sein Arbeitszimmer stand immer offen.“ Chailly lernt sehr rasch. Bereits 1978 wird er selbst an der Mailänder Scala sein offizielles Debüt mit Verdis „I Masnadieri“ geben, 1982 an der Metropolitan Opera in New York und ein Jahr später an der Wiener Staatsoper.

Nur knapp 30 Jahre ist er, als er 1983 Chef des West-Berliner Rundfunkorchesters wird, das er bis kurz vor der Wende 1989 führt. Ein wichtiges Zwischenspiel legt er am Teatro Communale in Bologna ein, wo er mit der Verfilmung von Verdis „Macbeth“ und einer Produktion von Wagners „Ring“ Aufsehen erregt. Die 16 Jahre als Chef des Concertgebouw in Amsterdam machen ihn so populär, dass selbst die Taxifahrer der Stadt ihn kennen. In den vergangenen elf Jahren prägte er als Gewandhauskapellmeister das Leipziger Musikleben. Kontinuierliche Arbeit und langfristige Bindung an ein Orchester sind Chailly stets wichtiger gewesen als das Leben eines Jetset-Maestros. Familiäre Stabilität in seiner inzwischen über 30-jährigen Ehe mit Innendesignerin Gabriella Terragni ebenso.

Nur die Geschwindigkeitssucht scheint zu diesem Mann mit dem gemütlichen Bart nicht zu passen. Sein Faible für Motorräder kostete ihn 1985 fast das Leben. Ein schwerer Herzanfall im Jahr 2008 ließ ihn auch das riskante Jetski- und Speedboat-Hobby aufgeben.

Für Mahlers 8. Sinfonie, die er in Luzern im Gedenken an Claudio Abbado aufführen wird, habe er einen Traum, witzelt Riccardo Chailly: Er fährt im Speedboat und das Orchester fliegt in einem Parasail-Fallschirm hinterher. „Ich kann mir keine bessere Vorbereitung auf eine Mahler-Symphonie vorstellen: 90 Meter in der Luft und nur das Rauschen des Windes um einen herum.“

Teresa Pieschacón Raphael

ARTE OPER

Live aus der Mailänder Scala: „GIOVANNA D’ARCO“ von Giuseppe Verdi
Montag, 7.12. | 21.50

concert.arte.tv

Kategorien: Dezember 2015