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Da Vinci an der Loire

Das Schloss Chambord gilt als einer der beeindruckendsten Loire-Bauten. ARTE geht in einem Dokumentarfilm den Rätseln seiner geometrischen Schönheit nach.

Getty Images © Hoffmann Photography

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Sie waren sein wertvollster Besitz: Notizhefte mit Aufzeichnungen und Ideen, drei Gemälde, darunter die Mona Lisa („La Gioconda“). 1516 machte sich Leonardo da Vinci damit auf seine letzte Reise über die Alpen. Der Ritterkönig Franz I. (1494– 1547) hatte den Gelehrten eingeladen, in Frankreich zu residieren. Der ARTE- Dokumentarfilm „Pracht und Prunk an der Loire: Schloss Chambord“ zeigt am 5. Dezember, wie da Vincis Visionen und architektonische Entwürfe den Monarchen beim Bau des Schlosses beeinflusst haben müssen. Archäologen und Historikern gibt das Schloss Rätsel auf: Warum sind die Mauern im befriedeten Frankreich des 16. Jahrhunderts dick wie Verteidigungswälle? Warum ist die Symmetrie des Schlosses, die sich um eine doppelläufige Wendeltreppe herum bildet, an einer Stelle gebrochen? Und warum steht das Schloss an diesem Ort, der damals noch ein Sumpf war? Bis heute dauert die Spurensuche. Denn die Archive des Baus sind verschollen.

Fest steht: Chambord verbindet italienische Moderne mit älteren französischen Traditionen. „Franz I. mochte die mittelalterliche Literatur mit ihren erfolgreichen Rittern, die ihre Tage in Burgen verbrachten“, sagt Historiker Thierry Crépin-Leblond, Direktor des Nationalmuseums der Renaissance in Ecouen. In diese Tradition will der König seine Herrschaft einschreiben und lässt das Schloss auf den Fundamenten einer Burg zwischen Tours und Orléans errichten, die laut Aufzeichnungen von 1504 schon zu Zeiten Ludwigs XII. dort stand – mitten im Morast, aber mit einem enormen Wildbestand für den passionierten Jäger Franz I.

Wenn der König seinen Blick in die Moderne richtet, so heißt das im 16. Jahrhundert: nach Italien. Franz I. hatte 1515 an der Spitze einer 40.000 Mann starken Armee das Herzogtum Mailand erobert. Zu diesem Zeitpunkt ist Leonardo da Vinci ein betagter Mann. Seine Zeitgenossen bewundern nun Michelangelo und Raffael. Doch Franz I. verehrt das Genie der Renaissance, lädt ihn nach Frankreich ein, überlässt ihm ein Schloss in Amboise und zahlt ihm eine üppige Pension.

Der König genießt bei den häu­figen Besuchen die Gespräche mit Leonardo da Vinci über Naturwis­senschaft, Hydraulik, revolutionäre symmetrische Architektur. In den Manuskripten des italienischen Vordenkers finden Forscher Tausende Entwürfe, darunter den einer Treppe mit vier separaten Aufgängen. „Diese Idee lag der mittleren Wendeltrep­pe von Chambord wohl zugrunde“, vermutet der Pariser Architekturhisto­riker Jean Guillaume. Beweise für das Engagement Leonardo da Vincis in Chambord wurden nie gefunden. Es ist bis zum heutigen Tag nur eine Annahme der Historiker.

Denn noch vor Baubeginn 1519 stirbt da Vinci in Amboise und wird dort beerdigt. Über 30 Jahre wurde danach am Schloss Chambord gear­beitet und das anfänglich offenbar symmetrische Konzept aufgebrochen: Es wurden Räume für die Bediensteten hinzugefügt, eine Kapelle für den zu­tiefst christlichen Franz I. gebaut, ein eigener königlicher Flügel errichtet. Nach fast einem halben Jahrtau­send arbeiten Historiker, Archäologen und Architekten weiterhin daran, die Geheimnisse dieses prächtigen Loire­ Schlosses zu lüften. „Chambord ist ein Enigma mit philosophischen, politi­schen und mystischen Intentionen“, sagt der heutige Schlossherr Jean d’Haussonville.

Julien Wilkens

HINTERGRUND

DIE SCHLÖSSER DER LOIRE

Entlang der Loire stehen auf 450 Kilometern Länge zwischen Orléans und der Atlantikküste über 400 Schlösser. Im 15. und 16. Jahrhundert regierten die Könige Karl VII., Ludwig XI., Karl VIII., Ludwig XII. und Franz I. von hier aus, sie werden deshalb auch Loire-Könige genannt.

DOKUMENTARFILM

Pracht und Prunk an der Loire: Das Schloss Chambord
Samstag, 5.12. um 20.15 Uhr

Kategorien: Dezember 2015