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Typisch Frankreich: Unter fremden Decken

Unter fremden Decken. Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin wirft im November einen Blick unter die strammgezogenen französischen Bettdecken.

© Martin Haake

© Martin Haake

Es ist ein beklemmendes Gefühl. Das weiße Tuch drückt auf die Atmung, die Gliedmaßen stecken fest, die Bewegung ist eingeschränkt. Was nach Zwangsjacke klingt, ist die Beschreibung eines deutschen Paares nach der ersten Nacht in einem traditionellen französischen Bett. Eingepfercht liegt es auf engen 1,40 Metern, ein einziges, großes Laken und eine durchgängige Wolldecke. Beide sind zwischen Bettgestell und Matratze festgeklemmt. Eine gewöhnungsbedürftige Lage.

In Frankreich nennt sich das „le lit bordé“, was eigentlich unübersetzbar ist, „eingesäumtes Bett“ trifft es noch am ehesten. Mit wohligem Gefühl erinnern sich Franzosen an ihre Kindheit, als die Mutter abends kam und das Laken so stramm zog, dass es wie eine feste, liebende Umarmung die ganze Nacht Sicherheit gab. Das prägt. Ein Leben lang. Und so lockern Franzosen im allabendlichen Ritual leicht den oberen Teil des Lakens, steigen ins Bett und zurren dann liegend alles wieder fest. Den Deutschen ist diese Kunst fremd.

Zu Gast in Frankreich zwängen sie sich wie Schlangenmenschen vom Kopfende her ins Laken, schieben ihre Beine ins Bett wie Bäcker die Baguettes in den Ofen. Sie stecken fest und vermissen ihre King-Size-Betten, 1,80 bis zwei Meter, zwei getrennte Matratzen, zwei Daunendecken – fluffig und warm.

Freudig überrascht blickt dagegen ein französisches Pärchen zu Gast in Deutschland ins Schlafgemach. Vergnügt legen sie sich unter die ungespannten Daunendecken, drehen sich zueinander und erschaudern. Zwischen ihnen klafft etwas Grauenhaftes: die Besucherritze! Wie unromantisch, diese Trennung zwischen Liebenden! Schlimmer noch, wie diese Deutschen sie schließen: mit bettgewordener Ingenieurskunst, mit der „Liebesbrücke“, die in den Spalt gelegt wird.

Dass sich Deutsche und Franzosen so unterschiedlich betten, geht laut Ethnologen auf lange Traditionen zurück.
In südlichen Ländern schlief man früher unter dünnen Leinendecken in ungeheizten Räumen – meist angezogen. In den kälteren nördlichen Ländern domestizierten unsere frierenden Vorfahren dagegen vor über 1.000 Jahren die Eiderente. Mit deren wärmenden Daunen füllten sie fortan Kissen und Decken.

Diesen Komfort wissen heute immer mehr Franzosen zu schätzen. Nach Jahrhunderten eingeklemmt in ihren Laken entdecken sie die Daunendecke für sich. Doch gleich, ob unter dünnem Laken oder dickem Plumeau: Im Gegensatz zu vielen deutschen Paaren schlafen unsere Nachbarn meistens zu zweit unter einer einzigen Decke. Und merken, dass das festgezurrte „lit bordé“ noch einen weiteren, unübertroffenen Vorteil hat: Der eine klaut dem anderen nicht immer im Schlaf die Decke…

Julien Wilkens für das ARTE Magazin

 

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Kategorien: November 2015