Leise Invasion

Norwegen stellt den Energieexport ein. Die EU und Russland verbünden sich gegen das Land. Occupied, die von Jo Nesbø erdachte Polit-Serie, ab 19. November auf ARTE.

ARTE France © Aksel Jermstad

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Eine fiktive Serie führt zu realen diplomatischen Verstimmungen. In dem von Krimiautor Jo Nesbø erdachten Zehnteiler „Occupied – Die Besatzung“ hat sich Norwegen in einer nahen Zukunft entschieden, die Produktion und den Export fossiler Brennstoffe komplett einzustellen. Nach gescheiterten diplomatischen Bemühungen wird der Premierminister Jesper Berg (Henrik Mestad) entführt, ein Vertreter der Europäischen Union erklärt ihm per Videobotschaft: Die EU hat mit Russland einen Pakt geschlossen, das russische Militär wird in Norwegen die Wiederaufnahme der Ölproduktion bewachen. Der einzige Zeuge der Entführung: Journalist Thomas Eriksen (Vegar Hoel).

Der Premier hat die Wahl, das Protektorat zu akzeptieren oder einen Krieg gegen einen überstarken Gegner zu führen. Russland, in Person der Botschafterin Irina Sidorova (Ingeborga Dapkunaite), verkündet immer neue Einschnitte in die Souveränität des demokratischen norwegischen Staates. Monat für Monat übernimmt der Nachbar aus dem Osten ungefragt immer mehr Staatsaufgaben. Nesbø nennt es eine „Invasion mit dem Samthandschuh“.

„Jo Nesbø kam 2009 mit der Idee auf uns zu“, sagt Marianne Grey von Yellow Bird, die die Serie in Koproduktion mit ARTE realisierte. „Als wir mit den Dreharbeiten anfingen, war das alles eine sehr unwahrscheinliche Story.“ Doch dann häuften sich die Berichte über eine russische Beteiligung in der Ukrainekrise. Schon vor der Erstausstrahlung kritisierte die russische Botschaft in Oslo die Serie, weil Moskau als Aggressor beschrieben werde. In einem Statement bedauerte die Vertretung des Landes, „dass die Macher der Serie sich entschlossen haben, die norwegischen Zuschauer zu verschrecken mit einer nicht-existenten Bedrohungslage aus dem Osten, in bester Tradition des Kalten Krieges.“ Aber ist die Geschichte komplett realitätsfern?

Die Ausgangslage der Serie mit einem Norwegen, das sich regenerativen Energien verschreibt, ist real: Vor wenigen Wochen erst beschloss der Finanzausschuss des Parlaments in Oslo einstimmig, dass der norwegische Staatsfonds Beteiligungen an Energie- und Bergbauunternehmen abstoßen solle, die mehr als 30 Prozent ihres Geschäfts mit Kohle machen. Der größte Fonds der Welt soll sauberer werden. Zudem besitzt Norwegen die Hälfte der europäischen Wasserspeichermöglichkeiten und das größte Windenergiepotenzial in Europa. Die Zeichen für eine Abkehr von fossilen Brennstoffen sind also gegeben. Bis 2020 soll ein Hochspannungskabel den Staat mit Deutschland verbinden, heißt es beim Auswärtigen Amt. Gleichzeitig ist Norwegen heute der weltweit fünftgrößte Öl- und Europas zweitgrößter Gaslieferant: Die Europäische Union ist vom Export aus Oslo immer stärker abhängig: Der Anteil an Gas aus Russland sinkt, der Prozentsatz des Rohstoffimports aus Norwegen steigt.

Der skandinavische Staat ist kein EU-, aber NATO-Mitglied, steht unter dem Schutz der Vereinigten Staaten. Kampfflieger des Atlantikpakts steigen auf, wenn russische Bomber auch nur in die Nähe des norwegischen Luftraums kommen. Hier behilft sich die Serie mit einem dramaturgischen Kniff: Die USA sind aus der NATO ausgetreten.

Die Idee für die Serie hat ihre Ursprünge in der Ahnengeschichte von Jo Nesbø. „Die Familie seines Vaters hat für die Nazis gekämpft, die seiner Mutter im Widerstand“, erklärt die Produzentin Grey. Nesbø habe es beschäftigt, wie Menschen heute mit einer fremden Besatzung umgehen würden. Bei „Occupied“ verändert sich für die meisten nichts, sie behalten ihre Arbeit, können ihre Familien ernähren. Einige profitieren sogar vom wirtschaftlichen Aufschwung. Andere organisieren den Widerstand.

Nervenaufreibende zehn Folgen lang stellt die Serie „Occupied“ dem Zuschauer die Frage: Würden Sie eine Besatzung akzeptieren oder für Ihr Land kämpfen?

Julien Wilkens für das ARTE Magazin

 

ARTE Serie

OCCUPIED – DIE BESATZUNG

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Kategorien: November 2015