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Köttbullar statt Kryptonit

Der Held von heute ergattert einen Sitzplatz in der Bahn, wechselt erfolgreich den Telefonanbieter und findet sogar den Ausgang im Möbelhaus.

© Jessine Hein

© Jessine Hein

Früher habe ich mich oft gefragt, warum meine Eltern geradezu erschreckend normal, unbedeutend und angepasst waren, während ich schon als Kind ganz andere Anlagen zeigte. Erst als Erwachsener wurde mir klar, dass ich ursprünglich vom Planeten Krypton stamme. Meine wirklichen Eltern haben mich in einer Raumkapsel auf die Erde geschickt, als sie merkten, dass ihr Heimatplanet draufgeht. Ich trug eine blaue Breitcordhose und einen gelben Pullover mit V-Ausschnitt. Das war üblich auf Krypton und das ist wohl auch der Grund, warum der Planet untergegangen ist. Meine Eltern waren natürlich nicht die Einzigen, die den Untergang vorhersahen; viele Familien, die es sich leisten konnten, packten ihre Kinder in Raumschiffe und schickten sie auf andere bewohnte Planeten. Soviel ich weiß, kam nur noch ein weiterer Junge von Krypton auf die Erde. Er wurde in Kansas in der Nähe von Smallville gefunden und vom Ehepaar Kent großgezogen. Er entwickelte erstaunliche Superkräfte und wurde Journalist. Mein Leben verlief ähnlich, mein Raumschiff landete allerdings in Ostwestfalen. Das Ehepaar Zippert fand mich auf dem Parkplatz einer Steinhägerfabrik und nahm mich bei sich auf. Ich wuchs in Bielefeld auf und wurde ebenfalls Journalist.

HELD DES ALLTAGS

Superman hat mich noch nie jemand genannt, aber ich erinnere mich, dass mich eine Frau mal als Superarsch bezeichnet hat. Es könnten auch noch mehr Frauen gewesen sein. Mein Gedächtnis funktioniert leider nicht so super. – Doch zurück zu den Superkräften! Ehrlich gesagt, ich würde auch lieber Flugzeuge aus der Luft holen und Schienen verbiegen können. Und ich habe es auch mal probiert, doch seitdem habe ich Bandscheibenprobleme. Meine Eltern lagerten unter meinem Kinderzimmerbett eine Schachtel Kryptonit, die ihnen mein Gegenspieler, der teuflische Dr. Oberwahrenbrock, zur Aufbewahrung gegeben hatte. Sie wussten nicht, dass sie mir damit meine Supersuperkräfte raubten.

Doch dafür sind mir viel bessere Superkräfte geblieben. Denn heutzutage kommt es nicht darauf an, Schnellzüge mit einer Hand zu stoppen, das macht die Bahn schon selber. Der Supermann des 21. Jahrhunderts ist ein Held des Alltags: Er schafft es, beim Telefonanbieterwechsel die alte Nummer mitzunehmen oder eine Blisterverpackung ohne Blutbad zu öffnen. Ich habe beispielsweise noch niemals Mahngebühren bezahlt. Das liegt daran, dass ich die erstaunliche Fähigkeit habe, Rechnungen sofort zu begleichen. Außerdem finde ich auf jeder Speisekarte sofort das beste Gericht, oft sogar die einzige essbare Speise – eine Fähigkeit, die mir oft das Überleben gesichert hat. Leider glauben andere Menschen meinen Empfehlungen nicht immer und bestellen doch das Schnitzel.

RETTER DER MENSCHHEIT

In der Bahn bekomme ich immer einen Sitzplatz, egal zu welcher Tageszeit ich unterwegs bin und egal wie schlafend sich jemand stellt. Und ich weiß im Voraus, wer die größten Krawallschachteln sein werden. Ich sehe voraus, dass die unscheinbare Dame, die völlig harmlos „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ liest, gleich einen Anruf erhalten und dann alle im Umkreis von zehn Metern eine halbe Stunde lang zu Tode nerven wird. Ich setze mich neben einen sehr dicken Mann, der Sudokus löst, der zwar ein Viertel meiner Sitzfläche beansprucht, aber dafür nicht telefonieren wird. Meine größte und wichtigste Superkraft entfaltet sich bei Ikea. Ich habe nämlich die außergewöhnliche Fähigkeit, nicht durch die Möbelabteilung im 1. Stock laufen zu müssen, um zwei Stunden und sechs Köttbullar später die Duschvorhänge im Selbstbedienungsbereich im Erdgeschoss zu erreichen. Da ich weiß, wo die Nordwestpassage ist, gehe ich direkt in die Badabteilung, greife mir den Duschvorhang und bin in drei Minuten wieder draußen. Ich kann das aber auch mit jedem anderen Artikel. Dadurch habe ich bestimmt mehrere Wochen Lebenszeit gewonnen, die ich gewinnbringend zur Rettung der Menschheiteinsetzenkann.

Hans Zippert für das ARTE Magazin

ARTE Soirée:
 Ein Abend mit Superman

SUPERMAN (Actionfilm
)
Sonntag, 8.11. um 20.15 Uhr

SUPERMAN, DER HELD ALLER HELDEN (Dokumentarfilm)
Sonntag, 8.11. um 22.30 Uhr

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Kategorien: November 2015