Der Mann hinter James Bond

Der britische Schriftsteller Ian Fleming erfand die Figur des charismatischen Spions mit der Lizenz zum Töten. Seine Erlebnisse beim Militär nahm er als Vorlage.

© The Cecil Beaton Studio Archive at Sotheby’s

© The Cecil Beaton Studio Archive at Sotheby’s

Er ist ein Spion, ein Frauenheld mit trockenem, britischem Charme, ein Mann, der sich gern einen guten Drink gönnt – oder auch zwei. Die Rede ist nicht von James Bond, sondern von seinem Erfinder:

Ian Fleming. Insgesamt zwölf Romane und neun Kurzgeschichten schrieb er über den britischen Spion mit der legendären Agentennummer 007.

Als im Jahr 1962 der erste Bond- Film „Dr. No“ in die Kinos kommt, ist der 54-jährige Ian Fleming der bestbezahlte Thriller-Autor der Welt, verdient am Verkauf seiner Bücher und Filmerlösen. Seitdem schreibt James Bond Leinwandgeschichte. Am 5. November kommt nun „Spectre“ in die deutschen Kinos, der 24. Film aus der Reihe. Es ist der teuerste 007-Streifen aller Zeiten, mit einem Budget von mehr als 270 Millionen Euro.

Seit „Casino Royale“ (2006) spielt Daniel Craig den Geheimagenten. Der Film hat den ersten Roman Flemings in die Gegenwart geholt, es gibt mehr Action, Bond spielt Poker statt Baccara. Doch der Charakter, der ist geblieben. „David Craig kommt in ‚Casino Royale‘ der Figur von James Bond aus den Romanen am nächsten“, sagt Stephanie Pannen, die die Originalwerke in einer Neuauflage 2012 komplett ins Deutsche übersetzt hat. Im Gegensatz zu den Filmen ist der literarische Bond kein unverwundbarer Superheld. Wenn er verprügelt wird, muss er zum Arzt. „Das Buch ‚Casino Royale‘ beschreibt in einem ganzen Kapitel, wie sich James Bond im Krankenhaus von Folter erholt“, beschreibt die Expertin. Er habe Angst, dass er nie wieder mit einer Frau schlafen könne.

Genau wie sein Charakter hat Ian Fleming wenig übrig für Konventionen und Hierarchien: Wegen Frauengeschichten fliegt er von der Elite-Schule Eton College. Die Militärakademie Sandhurst verlässt der Sohn aus der Londoner Oberschicht aus ähnlichen Gründen. Es folgen ein paar Jahre bei der Nachrichtenagentur Reuters und eine Stelle an der Börse. Später beschreibt sich Fleming als den schlechtesten Wertpapierhändler der Welt. Für ihn ist der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 die Chance für einen beruflichen Neuanfang. Er arbeitet sechs Jahre im Marine-Nachrichtendienst, entwickelt unzählige Ideen, um durch Spionagetechniken den Krieg gegen Deutschland zu gewinnen. So schlägt der junge Fleming vor, eine Leiche mit gefälschten Geheimdokumenten an die spanische Küste treiben zu lassen. Die falschen Papiere, die eine Invasion der Alliierten in Griechenland und Sardinien beschreiben – und nicht wie geplant in Sizilien – landen auf dem Schreibtisch von Adolf Hitler. Der Diktator schickt eine Panzerdivision nach Griechenland und lässt Sardinien aufrüsten.

Wie später seine Figur Bond setzt Fleming auf smarte Spionage und Informationsbeschaffung statt auf reine Schlagkraft. Ab 1943 leitet er die 30. Assault Unit, eine Sondereinheit der Royal Marines, die hinter feindlichen Linien Dokumente besorgen soll. Sein Vorgesetzter Admiral John Godfrey gilt als Vorbild für die Rolle von „M“, dem Leiter des britischen Geheimdienstes MI6 in Flemings Bond-Romanen. „Er hat mich zu diesem widerlichen Charakter gemacht“, beklagte sich der Militär nach Flemings Tod.

Während des Krieges besucht Fleming eine Militärkonferenz auf der Karibikinsel Jamaika. Er verliebt sich sofort in das tropische Klima. Einem Freund soll er auf dem Rückflug gesagt haben, dass er sich dort niederlassen wolle. 1946 kauft er auf dem nördlichen Teil der Insel ein Stück Land, erbaut einen Bungalow und tauft das Haus auf den Namen „Goldeneye“. Es ist eine Hommage an die „Operation Golden Eye“, bei der er für den Marine-Nachrichtendienst sicherstellen sollte, dass Großbritannien im Falle eines Einmarsches der Wehrmacht in Spanien weiterhin mit Gibraltar hätte kommunizieren können.

Über seine Geschichten sagte Fleming in einem TV-Interview einmal: „90 Prozent meiner Romane über James Bond beruhen auf tatsächlichen Begebenheiten und eigenen Erfahrungen.“ Auch die wenig emanzipierten Bond-Girls entstammen seiner Feder. „Die Frauen in den Romanen verlieben sich alle sofort in den Agenten, versuchen, ihn zu verführen. Doch während seiner Aufträge geht 007 nicht auf sie ein“, erklärt die Bond- Expertin und Übersetzerin Pannen. Davor und danach hingegen lässt sich der Held auf einige Liebschaften ein. „James Bond ist eine Art Wunscherfüllung von Fleming“, so Pannen. Der Name aber war Zufall: Auf der Suche nach einem prägnanten Zweiklang blieb sein Blick an einem Buch eines Ornithologen hängen. Sein Name war James Bond.

Im Jahre 1952 heiratet Fleming seine Geliebte Anne, zusammen haben sie einen Sohn, Caspar. Fleming erzählt ihm die selbst erdachte Geschichte eines magischen Autos, das einen eigenen Willen hat, fliegen und schwimmen kann: „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“. Die Erzählung rund um die Familie Pott schreibt er Anfang der 1960er Jahre auf, von Herzleiden geschwächt. Sein einziges Kinderbuch erscheint posthum.

Ian Fleming stirbt im August 1964 im Alter von nur 56 Jahren. Seine Figur James Bond aber ist unsterblich: Der Spion, der Frauenheld, der Mann, der einen guten Drink schätzt – er rettet seit 63 Jahren die Welt.

Julien Wilkens für das ARTE Magazin

 

ARTE Soirée : Ian Fleming – Der Mann, der James Bond erfand

Gestatten: Fleming, Ian Fleming Porträt
Samstag, 7.11. | 22.05

Mein Name ist Fleming. Ian Fleming (Folge 1–4)
Serie Samstag, 7.11. | ab 23.40

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Kategorien: November 2015