magazin

Bewegte Metropolen

Über vier Jahrhunderte hinweg haben Paris und Berlin konkurriert, sich inspiriert und Seite an Seite zu Städten von Weltrang entwickelt. Geschichten einer Nachbarschaft.

© Ingeborg Schindler

© Ingeborg Schindler

ZEIT FÜR GRÜNE KUNST: Im Barock entstehen in Frankreich und Deutschland prächtige Gärten zum Spielen und Lustwandeln.

Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts ist das goldene Zeitalter von Versailles, das Ludwig XIV. über einen Zeitraum von fast 40 Jahren vom Jagd- zum Residenzschloss ausbauen lässt. Der angrenzende Park, der zeitgleich erneuert wird, ist ein großartiges Zeugnis barocker Gartenbaukunst – mit ornamentalen Hecken und Rabatten, einem Boskett mit hübsch gestutzten Bäumen, einem Wald für die Jagd, einer Orangerie, Statuen und Fontänen. Und überall finden sich Anspielungen auf die Herrlichkeit des Sonnenkönigs. Im vergleichsweise unbedeutenden Preußen schenkt Friedrich I. – damals noch brandenburgischer Kurfürst – 1695 seiner Gattin Sophie Charlotte das Dorf Lietzow. Nach Versailler Vorbild lässt sie dort ein kleines Lustschloss bauen und den ersten barocken Garten in Deutschland anlegen. Nach ihrem Tod erhält das Schloss seinen heutigen Namen: Charlottenburg. Das Mausoleum im Zentrum des Gartens entsteht erst ein gutes Jahrhundert später als letzte Ruhestätte für Königin Luise. Sophie Charlotte und Friedrich I. selbst sind in der Hohenzollerngruft des Berliner Doms beigesetzt.

LEBEN HINTER MAUERN: Anfangs nur zur Verteidigung errichtet, dienen die Stadtmauern später einem anderen Zweck.

In Preußen besteigt Friedrich Wilhelm I. 1713 den Thron, wegen seines Faibles für
alles Militärische auch Soldatenkönig genannt. Ab 1734 lässt er eine neue Stadtmauer um Berlin errichten. Anders als ihre Vorgänger dient sie jedoch nicht dem Schutz, sondern der Einnahme von Zöllen – und als Barriere, um das zum Teil zwangsrekrutierte Königsregiment an der Flucht zu hindern. Entlang der Pariser Stadtgrenze entsteht etwa 50 Jahre später die 24 Kilometer lange Mauer der Generalpächter. Wie ihr Berliner Pendant dient sie der Überwachung des Handels. Statt einfacher Zollhäuser baut Architekt Claude-Nicolas Ledoux 43 monumentale Toranlagen im Stil griechischer Propyläen, von denen heute noch vier erhalten sind: die Rotonde am Parc Monceau, die Barrière du Trône, die Barrière d’Enfer und die Rotonde de la Villette, die Imposanteste von allen. Für
ein Berliner Wahrzeichen sind Ledoux’ Bauwerke eine Art Blaupause. 1788 wird das Brandenburger
Tor als repräsentativer Neubau für die Berliner Zollmauer erschaffen.

LANG UND BREIT: In den Städten sorgen große Prachtstraßen für eine neue Ordnung und moderne Strukturen.

Unter Napoleon III. bricht in Paris ab Mitte des
19. Jahrhunderts eine städtebauliche Revolution aus. Zusammen mit dem Architekten Georges- Eugène Haussmann will er die Stadt in die Moderne führen. Um das Knäuel aus mittelalterlichen Straßen und Wegen zu entwirren und die großen Plätze miteinander zu verbinden, legen sie zahlreiche breite Alleen an – darunter die heutige Avenue Foch. Sie ist eine der zwölf großen Straßen, die in Sternform auf den Triumphbogen im Zentrum des Place Charles de Gaulle zulaufen. Mit etwa 120 Metern in der Breite übertrumpft sie selbst die berühmten Champs Élysées. 100 Jahre später wird die Avenue Foch zum Vorbild für die ostdeutsche Stadtplanung. Die vollkommen zerstörte Frankfurter Allee, 1949 zum Geburtstag Josef Stalins in Stalinallee umbenannt, avanciert zur neuen Prachtstraße. Im Gegensatz zu Paris zieren die Straße jedoch keine Villen, sondern Häuser für das Volk, die aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs im sogenannten „Zuckerbäckerstil“ gebaut werden. Im Zuge der Entstalinisierung verschwinden 1961 sowohl der Name der Straße als auch das Stalindenkmal über Nacht.

EIN SCHÖNES SPEKTAKEL: Pariser und Berliner entdecken ihre Freude am Amüsement und an leichter Unterhaltung.

Nach dem Aufblühen der Zirkuskultur in England und Frank- reich macht sich Ernst Jakob Renz mit seinem Circus Olympic ab Mitte des 19. Jahrhunderts europaweit einen Namen. Im späteren Stammhaus im Alten Friedrichstadt-Palast können sich Schaulustige ab 1879 an Dressuren, Artistik, Clownerien und Pantomime erfreuen. Auch nach dem Ende der Renz’schen Ära im Jahr 1897 bleibt der Friedrichstadt-Palast eine beliebte Adresse für die Abendgestaltung. Die Pariser Bohème zieht es in der Belle Époque zunehmend nach Montmartre, wo sie sich bei einem Gläschen Absinth in den Varietés und Tanzlokalen des Viertels vergnügt. Zu den bekanntesten Etablissements zählt das Moulin Rouge, das 1889 – im selben Jahr wie der Eiffelturm – eingeweiht wird und das den Cancan als Schautanz etabliert. Häufiger Gast ist der Künstler Henri de Toulouse-Lautrec. Seine Werbeplakate für das Moulin Rouge sind noch heute populär.

VISIONEN UND GRÖSSENWAHN: Architekten denken die Zukunft der Städte neu. Manches bleibt für immer ein Entwurf auf Papier.

Die 1920er Jahre: Der junge Architekt Le Corbusier begegnet der Überbevölkerung in Paris mit seiner städtebaulichen Vision „Plan Voisin“. Ein großer Teil der Viertel Le Marais und Les Halles soll einem weiträumigen Areal aus 26 Hochhäusern weichen. Eine schockierende Utopie! Auf deutscher Seite träumt Hitler von einer neuen Welthauptstadt. Ab 1937 soll sein Architekt Albert Speer Berlin
zu Germania umbauen – mit gigantomanischen Ausmaßen. Die Siegessäule wandert im Zuge der Umbauten auf den Großen Stern und gewinnt etwa sieben Meter an Höhe. Die Große Halle, ein 320 Meter hoher Koloss, soll 180.000 Menschen Platz bieten. Doch die Realisation wird durch den Krieg gestoppt. Von den Plänen zeugt heute nur noch wenig – wie Speers Laternen auf der Straße des 17. Juni und das Ernst-Reuter-Haus.

Jessika Knauer für das ARTE Magazin

ARTE Dokureihe

Nachbarschaftsgeschichten: Paris/Berlin
Folgen 1–4
Samstag, 7.11. und 14.11. | ab 20.15

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: November 2015