Am Ende bleibt die Stille

Indonesien, 1965: Militärs und Paramilitärs töten Hunderttausende vermeintliche Kommunisten. Unter den Opfern ist auch Adi Rukuns Bruder. In „The Look of Silence“ konfrontiert er die Mörder mit ihren Verbrechen – und trifft auf Schweigen.

ZDF © Lars Skree

ZDF © Lars Skree

Adi Rukun spricht in leisen Tönen über ungeheuerliche Dinge. Der Indonesier ist die Hauptfigur im Dokumentarfilm „The Look of Silence“ und mit dem Regisseur Joshua Oppenheimer auf Stippvisite in Berlin. „Ich bin gestern Abend hier spazieren gegangen“, sagt der 46-Jährige und zieht mit der Hand einen Halbkreis über die Grenzen des schattigen Hinterhofes hinweg. „Bei den Gedanken an Berlins Vergangenheit habe ich Gänsehaut bekommen. Wie kann ein Mann nur so brutal sein und so viele Menschen umbringen?“ Es ist sein erster Besuch in der deutschen Hauptstadt und im einstigen Machtzentrum Hitlers. „Hier sind unvorstellbare Verbrechen geschehen“, sagt er in seiner sanften Stimme. „Auch in meiner Heimat hat es Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegeben.“

Zwischen 1965 und 1966 ermordeten die Schergen des indonesischen Militärs etwa 500.000 bis eine Million vermeintliche Kommunisten und ebneten so den Weg zu General Suhartos 30-jähriger Diktatur. Adi Rukuns Bruder Ramli wurde im Januar 1966 an einem Flussufer hingerichtet. Rukun selbst kam dort, im nördlichen Sumatra, zwei Jahre später zur Welt. Ohne Ramlis Tod hatte es wohl nie einen Adi Rukun gegeben. „Nach seinem Tod hatte sich meine Mutter einen weiteren Sohn gewünscht“, sagt er. „Sie hat mir immer gesagt, dass ich Ramli sehr ähnlich sehe.“ Schon als Kind erzählte sie ihm vom grauenvollen Ende des unschuldigen Bruders. Im Schulunterricht jedoch war nur von den Provokationen der „Kommunisten“ die Rede.

„Seitdem ich erlebt habe, wie diese Phase der Geschichte im Schulunterricht dargestellt wird, habe ich mich gefragt, was man dagegen tun kann“, sagt Rukun. „Damals dachte ich bereits, es wäre gut, wenn man einen Film drehen könnte. Damit mehr Leute von dieser Lüge erfahren – und damit sie er- fahren, dass es eine Lüge ist.“ Dann lernte er den Regisseur Joshua Oppenheimer kennen, als dieser 2003 für „The Act of Killing“ recherchierte – seinen oscarnominierten Dokumentarfilm über die Täter der Massaker. „Es war, als wäre ein Traum wahr geworden. Es war Zufall und Segen.“ Als Oppenheimer erstmals zu Besuch kam, war Adi Rukun Mitte 30 und arbeitete von Haus zu Haus ziehend als Optiker. Anfangs wollte er den Amerikaner nur „ausnutzen“, um seine Filmidee zu realisieren. Aber schon bald verband die beiden Freundschaft.

DER WUNSCH NACH REUE

Rukun begleitete die Dreharbeiten zu „The Act of Killing“ bis zum Schluss. Immer wieder schaute er sich das Filmmaterial an – vor allem die Interviews mit den Mördern, unter denen auch jene seines Bruders waren. Sah, wie sie mit ihren Taten prahlten und sie nachspielten. Vor laufender Kamera wollte er sie zur Reue zwingen. Aber Oppenheimer wiegelte ab – zu gefährlich. Doch Rukun ließ nicht nach. Er zeigte einen von ihm gedrehten Film- ausschnitt, in dem sein greiser, blinder Vater voller Furcht durch das Haus der Familie irrt – getrieben von seinem unheilbaren Trauma, ausgelöst durch Ramlis ungesühnten Tod. „Adi erklärte: Ich möchte nicht, dass meine Kinder in diesem Gefängnis der Angst landen“, sagt Oppenheimer. „Das berührte mich sehr und ich erwiderte, ich würde noch mal nachdenken.“

Rukun hielt an seinem Vorhaben fest und so lenkte der Filmemacher schlussendlich ein. Noch vor der Fertigstellung von „The Act of Killing“ begannen Rukun und er mit der Arbeit an dem neuen Film. „Ich sagte Adi, es habe noch nie einen nicht fiktionalen Film gegeben, in dem Opfer oder deren Verwandte Tätern, die noch an der Macht sind, auf ihrem Terrain begegnen“, erzählt Oppenheimer. „Weil das einfach zu gefährlich ist.“

VON MUT UND TORHEIT

Seit dem Erscheinen von „The Act of Killing“ erhält Oppenheimer regelmäßig Morddrohungen. Doch schon vorher war ihm bewusst, wie gefährlich „The Look of Silence“ werden könnte. Aus diesem Grund siedelte Rukuns Familie noch während der Arbeiten an dem Film innerhalb Indonesiens um. Rukun arbeitet weiterhin als Optiker, plant aber, Menschenrechtsaktivist zu werden. „Ich würde Ihnen gerne sagen, dass Adi töricht ist“, sagt Oppenheimer. „Aber, wissen Sie, ich bin ein Feigling, und Feiglingen kommen mutige Leute oft töricht vor.“ Rukun habe etwas Außergewöhnliches vollbracht. „Er hat mich dazu gebracht, einen Film zu drehen, der ohne ihn ganz anders geworden wäre.“

Rukun selbst spielt seine Leistung und die Gefahren, die er einging, herunter. „Jeder Mensch in Indonesien hat die Verantwortung, diese Verbrechen aufzuklären und die Ungerechtigkeiten publik zu machen“, sagt er. Nur wenn Opfer und Täter sich auf eine Version der Vergangenheit einigen können, hat das Land, das sich seit der Absetzung Suhartos im Jahr 1998 in Richtung Demokratie bewegt, eine echte Zukunft.

Paradoxerweise führte Rukuns Versuch, das Schweigen der Opfer zu brechen, zu mehr Schweigen – auf beiden Seiten. „Am Anfang, als ich mir die Filmaufnahmen der Täter anschaute, habe ich sie gehasst,“ sagt Rukun. „Aber als ich diese Leute direkt traf, hatte ich Mitleid. Sie waren alt und versuchten, ihre Schuldgefühle zu verdecken. Ich spürte, diese Leute hatten Angst, die Wahrheit zu sagen.“ Mehrmals zeigt der Film, wie die Täter im Zuge Rukuns geduldiger, bohrender Fragen nervös und abweisend werden – und wie sie schließlich verstummen. Und er zeigt Rukun, der angesichts des Leugnens und der Lügen manchmal vor Wut, manchmal vor Fassungslosigkeit, manchmal vor Trauer verstummt.

Oppenheimer hatte Rukun vor einem solchen Patt zwischen ihm und den Tätern gewarnt. Schließlich haben die Täter, die er selbst über Jahre begleitet hatte, nie das kleinste Zeichen von Reue gezeigt. Zwar hoffte er, durch das Aufzeichnen dieser verschiedenen Formen des Schweigens, das verloren gegangene gesellschaftliche Vertrauen und, wie er sagt, „den Blick der Toten“ filmisch darzustellen. Doch er gibt zu, Rukun sei nach jeder im Schweigen endenden Konfrontation „tief enttäuscht“ gewesen, dass ein Schuldbekenntnis ausblieb. „Mein persönliches Ziel, dass diese Leute Reue zeigen oder sich entschuldigen, habe ich nicht erreicht. Nein, manche fühlten sich sogar weiterhin wie Helden“, sagt Rukun. Doch während indonesische Militärs noch aktiv versucht hätten, Vorführungen von „The Act of Killing“ zu verhindern, seien Ende 2014 3.500 Leute zur offiziellen Premiere von „The Look of Silence“ in Jakarta gekommen. Sehr viel mehr haben den Film seitdem gesehen.

„Große Medien in Indonesien berichten über den Film. Das war vorher undenkbar. Wir haben das Schweigen der letzten 50 Jahre gebrochen.“ Das wäre ein gutes Fazit, doch Rukun wäre nicht Rukun, wenn er nicht hinzufügen würde, dass ähnliche Verbrechen auch in anderen Ländern verschwiegen werden: „Auch hier wurden die Täter noch nicht bestraft.“

 

ARTE Plus: Kurzbiographie

JOSHUA OPPENHEIMER

Der US-amerikanische Filmemacher wurde 1974 in Texas geboren. 2001 kam er für ein anderes Projekt zum ersten Mal nach Indonesien und traf dort auf Hinterbliebene des Massenmords. Mit seinen mehrfach ausgezeichneten Filmen „The Act of Killing“ (2012) und „The Look of Silence“ (2014) hat er es geschafft, eine Diskussion über den indonesischen Völkermord zu entfachen.

 

Gerrit Wiesmann für das ARTE Magazin

 

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Kategorien: November 2015