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“WIR, DIE VÖLKER“

Die Vereinten Nationen setzen sich seit 70 Jahren für den Weltfrieden ein. Ein Gastbeitrag von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon.

 

Kinky Illustrators © Dick Roland

 

Als der Koreakrieg ausbrach, war ich sechs Jahre alt.

Ich habe heute noch vor Augen, wie mein Dorf in Flammen stand und meine Familie in die Berge flüchtete. Wir fragten uns, ob die Welt da draußen

unser Leiden überhaupt kümmerte. Daher ist mir der Einsatz der Vereinten Nationen besonders in Erinnerung: Sie brachten Lebensmittel und bewahrten uns vor dem Hungertod, die UNESCO spendete Schulbücher und UN-Soldaten aus vielen Ländern stellten unter Einsatz ihres Lebens wieder Frieden und Sicherheit her.

Die Vereinten Nationen können im 70. Jahr ihres Bestehens mit Stolz zurückblicken: Gemeinsam mit vielen Partnern ist es gelungen, den Kolonialismus abzuschaffen, die Apartheid zu beenden, den Frieden in Konfliktzonen zu sichern sowie ein umfangreiches Werk aus Verträgen und Gesetzen zu schaffen, mit dem die Menschenrechte gestärkt werden. Tag für Tag setzt sich die UN für Millionen Menschen ein, indem sie Kinder impft, Flüchtlinge beherbergt, Friedenstruppen entsendet, die Umwelt schützt und demokratische Wahlen sicherstellt. Jeden Tag kämpfen wir für die Rechte aller Menschen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, Religion oder Nationalität, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. Unsere Mitarbeiter dringen in entlegene und gefährliche Regionen vor, um Menschen in Not zu helfen; unsere Mediatoren vermitteln zwischen verfeindeten Nationen und Fraktionen, um Konflikte friedlich beizulegen.

DEN KRIEG VERHINDERN

Die Vereinten Nationen wurden gegründet, um einen erneuten Weltkrieg zu verhindern – und haben diese zentrale Aufgabe bislang erfüllt. Dennoch ist die aktuelle geopolitische Situation

von Konflikten, Ausbeutung und Verzweiflung geprägt: Noch nie gab es nach dem Zweiten Weltkrieg so viele Flüchtlinge, Vertriebene und Asyl-suchende wie heute. Gewalt gegenüber Frauen ist eine Schande für alle Gesellschaften. Statt humanitäre Nöte zu lindern, fließen weiterhin enorme Summen in Rüstung. Zugleich werden die Folgen des Klimawandels zunehmend spürbar. Und obgleich die Welt nach dem Holocaust und erneut nach den Genoziden in Ruanda und Srebrenica „Nie wieder!“ rief, verüben Extremisten weiterhin grausame Verbrechen.

Seit Gründung der UN haben sich die Gesellschaft und die internationalen Beziehungen infolge Globalisierung, Verstädterung, Migration, demografischem Wandel und technischem Fortschritt stark verändert. Doch die Vision des Weltfriedens und die Werte der UN-Charta – Würde, Gleichberechtigung, Toleranz, Freiheit – bleiben bestehen.

DIE WELT VERÄNDERN

Das 70-jährige Jubiläum fällt in ein Jahr, in dem bedeutsame Weichen für unsere gemeinsame Zukunft gestellt werden. Ermutigt durch die Fortschritte bei den Millenniumszielen haben sich die UN-Mitgliedsstaaten soeben auf ein neues Programm geeinigt: „Unsere Welt verändern – Programm für nachhaltige Entwicklung bis 2030“. Kern der Agenda sind 17 dezidierte Nachhaltigkeitsziele. Im Dezember 2014 hatte sich die internationale Gemeinschaft überdies dem Ziel verschrieben, dem Klimawandel und seinen gravierenden Auswirkungen gemeinsam zu begegnen, damit die Welt eine sichere Zukunft hat. Wir sind die erste Generation, die zu Lebzeiten die Armut auf der Erde beenden kann – und zugleich die letzte Generation, die die schlimmsten Folgen der Erderwärmung verhindern kann.

In einer Welt, in der die Grenzen zwischen national und international schwinden, werden die Herausforderungen Einzelner zu Herausforderungen aller. Das geschieht manchmal allmählich, oft aber auch plötzlich. Die Vereinten Nationen sind die Hoffnung und die Heimat aller Menschen. In Zukunft müssen wir noch enger zusammenarbeiten, denn unsere Schicksale sind zunehmend miteinander verflochten. „Wir, die Völker“ heißt es in der Präambel der UN-Charta – und dem sind wir verpflichtet. Die nachfolgenden Generationen zählen darauf, dass wir alles dafür tun, die Weichen für die Zukunft richtig zu stellen.

 

Ban Ki-Moon für das ARTE Magazin

 

ARTE Plus

KURZBIOGRAFIE

Ban Ki-MoonBan Ki-moon erlebte den Koreakrieg in den 1950er Jahren und die Hilfsaktionen der Vereinten Nationen als kleiner Junge. „Seit meiner Kindheit

weiß ich, welch großen Unterschied die UN im Leben eines Menschen machen kann.“ Seit 2007 ist er Generalsekretär der UN, dem völkerrechtlichen Zusammenschluss von 193 Staaten.

 

 

ARTE Programmhinweis

Mission Weltfrieden – 70 Jahre UNO

UNO: Letzter Halt vor dem Abgrund

Dienstag, 13.10. um 21.50 Uhr

Milleniumsziele: Der Fall Mosambik

Dienstag, 13.10. um 22.50 Uhr

 

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Kategorien: Oktober 2015