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TYPISCH FRANKREICH: DAS TRADITIONSMESSER OPINEL

 

© Martin Haake

Scharfer Kult. Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin folgt zur Wandersaison im Oktober dem lebenslangen Begleiter jedes Franzosen: dem Traditionsmesser Opinel.

Bis nach Santiago de Compostela sind es Tausende schweißtreibende Kilometer. Der Jakobsweg ist eine körperliche und geistige Herausforderung. Wenn es darauf ankommt, zieht der Deutsche sein multifunktionales Schweizer Taschenmesser mit weißem Kreuz auf rotem Grund aus der Tasche – inklusive Mini-Schere, Nagelfeile und Pinzette zum Herausnehmen, die nie benutzt wird, aber irgendwie doch immer verloren geht.

Der Franzose braucht einzig sein Opinel. Eine Klinge, der Griff aus Buchenholz, genau eine Funktion: schneiden. Und das seit 125 Jahren. Anno 1890, dem Jahr übrigens, nach dem auch das erste klappbare Modell der Schweizer Armee benannt ist, erfand der 18-jährige Joseph Opinel das Messer in den französischen Savoyen. Seitdem ist es zum Kulturgut Frankreichs avanciert. Jedes Kind kennt es: „mon premier Opinel“, das Einstiegsmodell mit abgerundeter Klingenspitze. Über 300 Millionen Mal wurden die Messer in der ganzen Welt verkauft. Das

Opinel hat sogar den Schweizer Alleskönner überholt und auch Deutschland erobert. Schon 1985 wählte das Victoria and Albert Museum in London das

Opinel unter die 100 am besten designten Objekte der Welt – zusammen mit der Rolex und dem Porsche 911.

Das Design des Opinels mag zeitlos sein, doch man sieht ihm die Streifzüge mit seinem Besitzer bald an: Auf dem Buchengriff formt sich recht schnell eine Patina in Fingerform, die garantiert rostende Klinge bekommt braune Spuren und mit ihr das darauf eingravierte Markenlogo der „gekrönten Hand“. Und wie wäscht man so ein Messer aus Holz und Stahl? Eben: gar nicht!

Der echte Connaisseur steckt das dreckige Messer in den Boden und wischt dann lässig den Schmutz ab. Die drehbare Sicherungsschelle, die „virole“, die das Zurückklappen auf die Finger verhindern soll, ist komplett verklemmt von Rost, Erde oder Sand, die Kohlenstoffstahlklinge stumpf. Der Deutsche wird nach dem Pilgermarsch sein Messer, das er immer gewissenhaft gewaschen und abgetrocknet hat, in perfektem Zustand in die Schublade legen. Der Franzose behält sein Arbeitswerkzeug, das „outil“, in der Hosentasche. Wenn der Enkel dann fragt, wie der Jakobsweg war, kann der Franzose erzählen, woher die Erde stammt, die in der „virole“ steckt. Erklären, wie mit ihm das Messer gealtert ist. Er wird sagen, dass jeder Schnitt, jeder Schritt auch, seine Spuren hinterlässt. Er wird seinem Enkel so die Liebe für dieses so wunderbar unperfekte Opinel mitgeben.

Dem Deutschen bleibt sein sauberes Messer, glänzend, aber doch glanzlos – mit Zahnstocher, Dosenöffner und fehlender Pinzette.

Julien Wilkens für das ARTE Magazin

 

ARTE Programmhinweis

Karambolage

Sonntags um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ ist in der ARTE EDITION erschienen. Weitere Informationen

unter arte.tv/edition

 

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Kategorien: Oktober 2015