“SO VIEL MAFIA STECKT IN DEUTSCHLAND“

Die italienischen Clans waschen hierzulande ihr Drogengeld, unbehelligt von der Öffentlichkeit. Das Gesetz bindet den Ermittlern die Hände.

 

DPA

Es fallen 54 Schüsse, sechs Menschen sterben in einer Nacht. Die Szene erinnert an die Mafiaserie „Gomorrha“, die ab 8. Oktober auf ARTE läuft. Doch sie spielt in Duisburg, im August 2007. Die Morde sind trauriger Höhepunkt einer Fehde zwischen verfeindeten ’Ndrangheta-Familien. Seitdem ist es ruhig geworden um die Mafia. Nicht weil sie sich zurückgezogen hat, sondern weil sie hier ihr Geld wäscht.

„In Deutschland herrscht die Devise: kaufen statt morden“, sagt die Mafiaexpertin und Buchautorin Petra Reski. Vor allem im Baugewerbe und über Beteiligungen an Unternehmen und Immobilien fließe das Geld, das größtenteils aus dem Drogenhandel stamme, in den Wirtschaftskreislauf. Die brutalen Machtkämpfe führten die Clans in Kalabrien, Sizilien und Kampanien. „Die Mafia passt sich stets der Gesellschaft an, in der sie lebt.“ Öffentlichkeit, wie nach der Schießerei in Duisburg, schade dem Geschäft. Die Folge: Das Problem Mafia wird hierzulande unterschätzt. „Dabei ist die Mafia in Deutschland extrem aktiv. Das Geld, um das es geht? Kommt aus Deutschland. Und die Profite? Werden auch in Deutschland gemacht. Das zu ignorieren, ist ein großer Fehler“, sagt Roberto Saviano. Auf den Recherchen des italienischen Journalisten basiert die Serie „Gomorrha“.

LUKRATIVE GESCHÄFTE

Die Cosa Nostra, die Camorra und seit einigen Jahren vor allem die kalabrische ’Ndrangheta haben sich in Deutschland etabliert. Im Lagebericht des Bundeskriminalamts zur Organisierten Kriminalität heißt es, die Anzahl italienisch dominierter Gruppen steige. Um wie viel Geld es tatsächlich geht, ist in einem Gewerbe, das von Verschwiegenheit lebt, schwer zu sagen.

Petra Reski schätzt, dass rund 50 Milliarden Euro im Jahr in Deutschland gewaschen werden. Ermittler sprechen von einer „Mafia der weißen Kragen“, weil sie als Unternehmen auftritt, nicht als folkloristischer Familienverband wie noch vor

50 Jahren. „Man muss sich das vorstellen wie bei einem transnationalen Wirtschaftsunternehmen. Da sind Rechtsanwälte, Notare, Briefkastenfirmen auf Karibikinseln“, erklärt Bernd Finger, der ehemalige Chefermittler des Berliner Landeskriminalamts für Organisierte Kriminalität.

LEICHTES SPIEL

Das System Mafia hat die italienischen Grenzen also längst verlassen. Und in der Bundesrepublik haben die Kriminellen vergleichbar leichtes Spiel: Anders als in Italien gilt die Beweislastumkehr bei der Geldwäsche. Dort kann die Polizei Geld aus dubiosen Quellen konfiszieren und der Verdächtige muss beweisen, dass er es legal erlangt hat. In Deutschland müssen die Beamten nachweisen, dass ein bestimmtes Vermögen illegal erworben wurde – und durch welche Straftat.

„Dadurch hat es die Organisierte Kriminalität hierzulande sehr leicht“, sagt der Ermittler, der nach den Mafiamorden von Duisburg im Jahr 2007 eine deutsch-italienische Taskforce ins Leben rief und so den Ruf als Deutschlands oberster Mafiajäger erlangte. Ein weiterer Unterschied: In Italien ist schon die Zugehörigkeit zur Mafia gesetzlich verboten, in Deutschland nicht. Hier muss jedem Täter die Vorbereitung zu einer konkreten Straftat bewiesen werden.

SUBTILE DROHUNGEN

 Um nicht zu viel Aufsehen zu erregen, agieren die deutschen Ableger der italienischen Clans unter dem Radar der Ermittlungsbehörden. „Ich kenne viele italienische Opferfamilien, die sich in Deutschland gut geschützt fühlen. Doch die haben Eltern, Kinder und andere Angehörige in Italien. Denen wird dann von einem Mitglied der Mafia eine eindeutige Botschaft überbracht. Das ist eine ganz subtile Bedrohungslage“, sagt der Ermittler, der auf 43 Jahre im Polizeidienst zurückblickt.

Nur ein wachsendes Bewusstsein für die Mafia könne einen Unterschied machen: „Es wird sich nichts ändern, solange die Mafia in Deutschland als ein rein italienisches Problem gesehen wird: ,Mafia ist schrecklich, aber hey, wir haben damit nichts am Hut!ʻ“, sagt Reski. Und nicht nur das: „Viele deutsche Politiker halten die Investitionen mafiöser Unternehmer – also die Geldwäsche – für ein Konjunktur-Ankurbelungsprogramm.“

 

Julien Wilkens für das ARTE Magazin

 

ARTE Plus

HINTERGRÜNDE

ANFÄNGE

Die Mafia hat eine 150 Jahre alte Tradition in Italien. Mit dem Anwerben von Gastarbeitern in den 1960er Jahren gelangen die ersten Mafiosi nach Deutschland.

EINNAHMEN

Das meiste Geld macht die italienische Mafia mit Drogenhandel und illegaler Müllentsorgung. Dazu kommen Betrug, Erpressung, Glücksspiel.

GELDWÄSCHE

In Deutschland betreibt die Mafia u. a. Baufirmen über Strohmänner. Sie investiert in Immobilien und Restaurants.

ZENTREN

Vor allem Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen gelten als Hochburgen der italienischen Mafia.

 

 

ARTE Krimiserie

Folge 1: Der Unsterbliche

Donnerstag, 8.10. | 21.00

Folge 2: Das erste Mal

Donnerstag, 8.10. | 21.55

Folge 3: Poggioreale

Donnerstag, 15.10. | 21.00

Folge 4: Schwarz und Weiß

Donnerstag, 15.10. | 21.50

Folge 5: Kleingeld

Donnerstag, 22.10. | 21.00

Folge 6: Russisch Roulette

Donnerstag, 22.10. | 21.50

Folge 7: Die Festung

Donnerstag, 29.10. | 20.55

Folge 8: Keine Wahl

Donnerstag, 29.10. | 21.40

Folge 9: Der gute Soldat

Donnerstag, 5.11. | 21.00

Folge 10: Alles wird gut

Donnerstag, 5.11. | 21.45

Folge 11: Die alte Garde

Donnerstag, 12.11. | 21.00

Folge 12: Krieg

Donnerstag, 12.11. | 21.50

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Kategorien: Oktober 2015