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RASSELNDE RÄUBERBANDE

Sie kamen aus dem Osten, eroberten erst Deutschland, dann Europa und Amerika. Seit mehr als 20 Jahren spielt Rammstein mit dem Feuer – und provoziert die Welt.

 

© Bryan Adams

Es war einmal eine Zeit, als Deutschland noch geteilt war in einen bunten Westen und einen grauen Osten, da lebten sechs junge Männer hinter dem Eisernen Vorhang und träumten von einem Leben auf großen Bühnen. Sie alle einte die Leidenschaft für Musik. Nach der Wende, gescheiterten Partnerschaften und Reisen in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten fanden sie in Berlin zueinander und begannen, gemeinsam zu musizieren. Das Projekt „Rammstein“ war geboren. Das war 1994.

Sechs Platten, 18 Millionen verkaufte Tonträger, 700 Konzerte und unzählige Tonnen verbrannter Bärlappsporen für das Bühnenfeuerwerk später gelten die Jungs aus dem ehemaligen Osten als einer der erfolgreichsten deutschen Musikexporte, als Sinnbild für Krach und Pyromanie, für Poetik und Märchenhaftes, für Begierde und menschliche Abgründe, für Deutschtum und Selbstironie. Rammsteins Konzerte sind legendär, ihre Videos und Alben mehrfach ausgezeichnet, David Lynch und Rob Cohen haben Filme mir ihren Songs unterlegt, ein Asteroid trägt ihren Namen und im Ausland lernen Menschen Deutsch mit ihren Songtexten.

Ein Grund für den internationalen Ruhm – und das, was wohl am stärksten polarisiert – ist ihr Spiel mit Klischees, das die Band mit Bravour beherrscht. „Rammstein verkörpert ein Bild, das die Welt von Deutschland hat. Wir sind wie Berufsdeutsche“, sagt Gitarrist Paul Landers. Genau das macht die Band aus. „Wir scheuen uns nicht zu zeigen, dass unsere Identität in unserer Arbeit eine Rolle spielt.“ Und so waren die ersten Gesangsversuche auf Englisch schnell vom Tisch. Die Poesie aus der Feder des Sängers

Till Lindemann, der Klang der deutschen Sprache und die rauen Töne: „Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht“, erinnert sich Schlagzeuger Christoph Schneider.

Auf der Bühne gibt sich die Band düster, martialisch und schwitzend, aus Till Lindemann sprudeln die typisch kehligen und rollenden Laute. Die Band stampft, die Band marschiert, zwischendurch etwas simulierter Po-Sex, etwas Milch als Sperma für die tobende Menge, etwas Peng-Peng und Feuerwerk – fertig sind die Provokation und die perfekte Bühnenshow. „Wir triggern bestimmte Instinkte, die im Entertainment funktionieren. Wenn du die Show siehst, ist das wie ein guter Film, der dich abholt und für eine kurze Zeit woanders hinbringt“, beschreibt es Gitarrist Richard Kruspe.

PROVOKANTE FEHLTRITTE

Beim Kratzen an Tabus ist Rammstein einige Male über das Ziel hinausgeschlittert – etwa, als sie für ihr Video zu „Stripped“ Ausschnitte aus Leni Riefenstahls Nazi-Propagandafilm „Olympia“ verwendete. Ein Fauxpas, das versteht die Band heute auch. „Wir sind damals etwas ungestüm in verschiedene Fettnäpfchen getrampelt. Die sind in Deutschland aber auch leicht zu finden“, sagt Paul Landers. Den Stempel der deutschtümelnden Band sind sie nie wieder richtig losgeworden. „Wir haben in vielen, vielen Interviews versucht zu erklären, wer wir sind, aber es wird immer einige geben, die uns falsch verstehen wollen“, sagt Kruspe.

Und Rammstein wären nicht Rammstein, wenn sie damit nicht spielen würden. „Ich sehe die Band als Kunst und uns als Künstler, da darf man alles. Wir sind keine Partei, wir wollen nichts Böses, sondern nur unterhalten“, so Schneider. Kruspe ergänzt: „Rammstein ist eine Marke, die funktioniert und cool ist.“

Vom Erfolg dieser Marke ist die Band auch 21 Jahre später noch überrascht. „Wir haben niemals geahnt, dass Rammstein einmal so ein Riesenprojekt sein würde“, sagt Schneider. Für ihr Werk erntet die Band nicht nur bei Fans, sondern auch bei Musikern Schulterklopfen. „Wenn Queen-Gitarrist Brian May auf dich zukommt und dir sagt, du bist toll, dann fühlt man sich als alte Ostpocke einfach gut“, erzählt Landers stolz.

Ihre Geschichte, die für Außenstehende klingt wie ein Nach-Wende-Märchen, hat die Band über die Jahre aber auch zermürbt, mehrmals standen sie kurz vor dem Aus. Sechs starke Köpfe in einer Band – das ist ein Segen für die Kreativität und ein Fluch für den Konsens. Die Zusammenarbeit habe oft nichts mit Leichtigkeit zu tun, so Christoph Schneider. „Jedem von uns hat Rammstein auch viel Leid beschert. Es war viel Kampf, viel Auseinandersetzung, viel Herzschmerz.“ Deshalb auch die langen Pausen zwischen den Alben – notwendige Entwöhnungskuren. Bis zu vier Jahre vergehen zwischen zwei Alben. „Selbst diese Zeit ist mitunter zu knapp. Bestimmte Reizthemen kommen sofort hoch und nach einer Woche könnte man den anderen direkt wieder an die Gurgel gehen – oder sie küssen“, sagt Richard Kruspe.

Dennoch: Von Trennung kann keine Rede sein. Rammstein ist und bleibt. „Wir sind wie eine Art Räuberbande, in der erwachsene Männer auch im hohen Alter noch abhängen können, ohne dass es komisch wirkt“, beschreibt es Paul Landers.

NICHT ZU BREMSEN

Anfang September haben sich die Sechs zum ersten Mal nach fast zweijähriger Pause in Berlin getroffen und überlegt, wie es weitergeht. Wird es ein neues Album geben? Eine neue Tour? Das halten sie sich offen. Wichtig für die Band sei, nicht auf der Stelle zu treten. „Das ist wie beim Autofahren. Wenn du Beschleunigung spürst, ist das schön. Ich weiß nicht, was passieren würde, wenn Rammstein anfängt zu bremsen.“ Dann wäre das ostdeutsche Märchen von sechs Jungs, die sich aufmachten, die Musikwelt zu erobern, vielleicht abrupt zu Ende.

Jessika Knauer für das ARTE Magazin

 

 

ARTE Plus

MADISON SQUARE GARDEN

Das Konzert in der legendären New Yorker Arena im Jahr 2010 war für Rammstein ein Höhepunkt in ihrer Karriere. Die 18.000 Karten waren nach 20 Minuten ausverkauft. 50 Konzerte hat die Band seither in Nordamerika gespielt.

Von der DDR in den Westen: Rammstein hat eine tiefe Verbindung zu Amerika. Der Dokumentarfilm zeigt bisher unveröffentlichtes Material von den ersten Gehversuchen in den USA bis zum Konzert im Madison Square Garden.

 

 

ARTE Programmhinweis

Ein Abend mit Rammstein

Rammstein in Amerika: Dokumentarfilm

Samstag, 24.10. | 21.45

Rammstein: „Live at Madison Square Garden“ Konzert

Samstag, 24.10. | 23.15

 

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Kategorien: Oktober 2015