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NOTORISCH PERFEKT

Martin Scorsese stand oft auf der Kippe. Heute weiß er, aus welchem Stoff Erfolge sind. ARTE zeigt in einem Schwerpunkt ausgewählte Werke des Meisterregisseurs.

 

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© Brigitte Lacombe

YOU´RE LOOKIN AT ME? Diese Frage hat weltweit Kinogeschichte geschrieben. Wie Robert De Niro alias Travis Bickle da in „Taxi Driver“ vor dem Spiegel steht, dieser harsche Satz, dieser durchgeknallte Blick, das Klicken des Bolzens: Aggression und Obsession pur. Es ist eine geniale Szene, erdacht von einem, der für seinen neurotischen Perfektionismus berüchtigt ist. „Man kann nicht behaupten, dass Martin Scorsese ein normaler Bürger ist, wirklich nicht“, sagt Kameramann Michael Ballhaus, der sieben Filme mit ihm gedreht hat.

GRANDIOSES REPARTOIRE

Film ist seine Passion, als Regisseur, als Zuschauer – und als Sammler. Für die BBC-Auftragsproduktion „Eine Reise durch den amerikanischen Film“ etwa wollte Martin Scorsese kein Honorar, eine Filmkopie von „A Kid for two Farthings“ von Carol Reed aus dem Jahr 1955 war ihm als Gegen-leistung lieber. Mehr als 50.000 DVDs und Videos stapeln sich in seinem New Yorker Produktionsbüro.

Scorsese hat wohl mehr Filme gesehen als jeder andere Regisseur oder Filmkritiker, rezitiert Passagen einer Geschichte oder bemerkenswerte Szenen aus dem Stegreif. Und er schöpft in seinen Produktionen aus diesem Repertoire. Anspielungen und Zitate aus Filmklassikern sind in seine kreative Sprache eingeschrieben. Auch deutsche Titel gehören zu seinem Fundus wie der poetisch erzählte Film „Unter den Brücken“ (1945) von Helmut Käutner, der ihn unfassbar rührte. „Ich musste weinen“, gestand er.

Eine Emotion, die seinen Hauptfiguren verwehrt bleibt. Gewalt und Glaube, Gier und Leidenschaft, Sünde und Erlösung sind seine Themen. Seine Charaktere sind zerrissene, einsame Gestalten, ihre Gefühle gelenkt auf Gewalt und Selbstzerstörung. Ob Travis Bickle, der desillusionierte Vietnam-Veteran in „Taxi Driver“, der New Yorker Kleinmafioso Henry Hill in „Goodfellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ oder Jake LaMotta, die Kampfmaschine im Boxerfilm „Raging Bull“: Sie alle wollen nach oben und dazu ist ihnen jedes Mittel recht.

Martin Scorseses Helden lassen ihren Gefühlen und ihrer Wut freien Lauf. Sie fluchen und kämpfen, trinken und koksen. Sie verraten ihre Ideale, ihre Freunde und ihre Familie. Und das im typischen Scorsese-Stil: lange Kamerafahrten, grelle Blitzlichtschnitte, Zeitraffer, Zeitlupe, fast schon mythische Standbilder sowie der geschickte Einsatz von Musik. Der Blick in den Spiegel findet sich in vielen Filmen als wiederkehrendes Motiv.

Mafioso Henry Hill aus „Goodfellas“ sei ihm viel näher als Howard Hughes, die Titelfigur von „Aviator“, sagt Scorsese. Filme, in denen er seine Biografie, seine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen verarbeitet, gelten als seine besten. Im New Yorker Stadtteil Little Italy ist er aufgewachsen. Er beschreibt ihn als mittelalterliche Festung mit eigenem Lebensstil und eigener Moral, ein Stadtteil, in dem Waffen zum Alltag gehörten. Zugleich bedeutete allein der Gedanke, sonntags nicht zur Heiligen Messe zu gehen, ewige Verdammnis.

Das Spannungsfeld zwischen den moralischen Werten der katholischen Kirche und den Gesetzen der New Yorker Gangsterwelt beschäftigte ihn schon früh: „20 oder 25 Jahre lang hörte ich die Diskussionen darüber, was richtig und was falsch ist, und dass man in einem Dschungel lebt. Es ging um Würde, Ehre und Respekt – es war ein ständiger Balanceakt.“

KIRCHE ODER KINO

Im Kindesalter wurde auch seine Leidenschaft fürs Kino geweckt. Um dem asthmakranken „Marty“ die Zeit zu vertreiben, nahm ihn sein Vater, selbst ein Filmfan, oft mit ins Kino. Als Alternative blieb nur der Gang in die Kirche. Einige Zeit wollte der junge Scorsese sogar Priester werden, letztlich studierte er an der University of New York Filmgeschichte.

Bis zur Anerkennung seines Lebenswerks mit dem „AFI Life Achievement Award“ des American Film Institute (AFI) war es ein weiter Weg. Immer wieder stand seine Karriere auf der Kippe. Nach seinen Anfangserfolgen mit „Alice lebt hier nicht mehr“ und „Taxi Driver“ haftete ihm über Jahre das Image an, Kassengift zu produzieren, auch wenn

Kritiker manche Filme wie „The King of Comedy“ zu seinen besten zählen. 1978, seine Musical-Hommage „New York, New York“ war an der Kinokasse gerade durchgefallen, kam der totale Zusammenbruch. Die selbstzerstörerische Mischung aus exzessiver Arbeit, Kokain und verschreibungspflichtigen Arzneimitteln forderte in den folgenden Jahren immer wieder ihren Tribut und ließ ihn auch privat scheitern. Bis zu seinem erfolgreichen Gangsterdrama „Goodfellas“ 1990, das Kritiker als Schlüsselfilm bezeichnen, hatte er bereits vier Ehen hinter sich. Seit er 2007 für den Thriller „The Departed“ vier Oscars bekam, ist der „Außenseiter“ Martin Scorsese endgültig angekommen.

TREUES FILMTEAM

Zu seinem Erfolg maßgeblich beigetragen hat auch sein treues Team hinter der Kamera: Die mehrfache Oscar-Preisträgerin Thelma Schoonmaker ist als Cutterin seit „Raging Bull“ (1980) eine der tragenden Säulen seines Filmuniversums. Neben Michael Ballhaus zählt Kameramann Robert Richardson zu den festen Größen in seiner Filmografie, ebenso wie die Drehbuchautoren Paul Schrader und Mardik Martin.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert dreht Scorsese nun schon Filme, Dokumentationen und TV-Produktionen. Er wolle nur Filme machen, „an denen mir wirklich liegt“, sonst lieber verhungern, sagte er einmal. Und auch in der digitalen Ära hält der „New Hollywood“-Rebell diesen Anspruch hoch. Zum ersten Mal sei es dank bezahlbarer Kamera-, Schnitt- und Tontechnik möglich, mit wenig Budget gute Filme zu machen, schrieb der 72-Jährige 2014 in einem offenen Brief an seine 14-jährige Tochter Francesca. Das Wichtigste aber sei, „dass man sich seiner Arbeit ganz verschreiben, alles geben und jenen Funken bewahren muss, der einen zwingt, den Film überhaupt erst drehen zu wollen. Diesen Funken muss man mit seinem Leben verteidigen.“

Ein hehrer Anspruch. In Realität ist Scorsese Pragmatiker. Er hatte immer den festen Willen, im System Hollywood zu bestehen. Er nahm Auftragsarbeiten an und bearbeitete auch Stoffe, die ihm völlig fremd waren. „Es dauerte lange, bis die Künstlerseele gelernt hatte, wie man Geld verdient und Preise erntet“, schreibt Filmkritiker Tom Shone im 2014 erschienenen Bildband „Martin Scorsese, sein Leben, sein Werk“.

OPULENTE WERBEFILME

Auch Aufträgen aus der Werbebranche ist er nicht abgeneigt. 70 Millionen US-Dollar ließ sich dieses Jahr der Casinokonzern Melco-Crown Entertainment einen Kurzfilm mit Robert De Niro und Leonardo DiCaprio kosten. Es ist der teuerste Werbefilm aller Zeiten. Und der erste Dreh, in dem die beiden Hollywoodstars gemeinsam für Scorsese vor der Kamera stehen. Der Altmeister selbst spielt einen Regisseur, der zwei Schauspieler für ein Casting konkurrieren lässt.

Martin Scorsese ist ein Allrounder. Er lässt sich auf kein Genre und keinen Stoff reduzieren. Auch im hohen Alter arbeitet er noch im Akkord – und im Spagat zwischen idealistischem Anspruch und kommerziellem Imperativ. „Was ist der Preis dafür, in Hollywood zu arbeiten? Wird man zu einer gespaltenen Persönlichkeit?“, fragt er sich. Es ist wohl ein Kompromiss, wie so vieles im Leben: Einen Film für Hollywood – und einen für sich selbst.

Herta Paulus für das ARTE Magazin

 

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Scorseses Darsteller

DIE PROFIS

Acht Mal stand Robert De Niro für Scorsese vor der Kamera. Für Leonardo DiCaprio ist es derzeit bei „The Devil in the White City“ der sechste Dreh. Harvey Keitel und Joe Pesci

haben mehrfach mit ihm gearbeitet.

DIE FAMILIE

In kleineren Rollen spielt regelmäßig die Familie mit: Mutter Catherine Scorsese verkörperte fast drei Jahrzehnte die italienische Mama. Vater Charles trat in Statistenrollen auf, eine Tradition, die von Scorseses Töchtern Cathy, Domenica und Francesca fortgesetzt wird.

 

 

 

ARTE Programmhinweis

Martin Scorsese: Goodfellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia Drama

Sonntag, 18.10. | 20.15

Eine Reise durch den amerikanischen Film (1+2) Dokureihe

Sonntag, 18.10. | ab 22.30

Zeit der Unschuld Liebesdrama

Montag, 19.10. | 20.15

Hexenkessel Krimidrama

Montag, 19.10. | 22.25

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Kategorien: Oktober 2015