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GÉRARD TISCHT AUF

Der französische Schauspieler und Gourmet Gérard Depardieu begibt sich für ARTE auf eine kulinarische Reise durch Europa.

 

© Jo Magrean

Der kalte Atlantikwind peitscht ungebremst über die Insel Batz vor der Küste der Bretagne. Hier entfaltet die Natur ihre ganze Kraft. Die Einwohner leben von dem, was ihnen das Meer und die Erde gibt. Gérard Depardieu, der Oger, der Riese des französischen Schauspiels, sitzt schräg auf der Radkappe eines roten Traktors, blickt über Felder und ruft: „Ich liebe diese Insel, sie riecht nach Kartoffeln, nach Fenchel. Sie riecht nach Leben.“

Sein Leben, das sind die Extreme: die großen Klassiker im Theater, die tiefsinnigen Rollen, aber eben auch die klamaukhaften Kassenschlager im Kino. Da ist die Hochkultur beim Auftritt, das Rüpelhafte im Auftreten. Der Schauspieler, der mehrere Sternerestaurants in Paris besitzt, ist ein Feinschmecker, der gerne viel isst.

Zusammen mit seinem Freund und Küchenchef Laurent Audiot bereist Gérard Depardieu Europa. Er sucht nach dem besten, weil ursprünglichsten Essen. „Einfache Erzeugnisse, menschliche Kontakte und die Regionen, die wir erkunden, begeistern uns immer wieder“, sagt der Schauspieler einleitend in der ARTE-Dokureihe „Schlemmen mit Gérard Depardieu“.

APD Ecosse GD LA et langoustines -© Les Films d'Ici 2_online

ARTE France © Les films d’ici

Das reisende Duo singt eine Ode an das ländliche Leben, an die Weiten der Bretagne, diese Region an der Peripherie Frankreichs. Aber auch Schottland, das Baskenland, Neapel und Norditalien besuchen sie auf ihrer gastronomischen Tour. Sie treffen auf Bauern, Züchter, Fischer, Brauer, Jäger, auf Menschen, die sich ihrer Heimat und den kulinarischen Traditionen verschrieben haben.

Die Dokureihe zelebriert zugleich diejenigen, die ihre Entscheidungen selbstbestimmt treffen: Zu Besuch bei einem traditionellen Apfelweinhersteller fragt Depardieu den Cidre-Brauer Eric Baron, wie er zu seinem Beruf kam. Er habe Soziologie in der Stadt studiert, erzählt Baron, doch eines Tages habe er seinem Vater beim Apfelwein geholfen. „Als ich die Hände in den Apfeltrester gelegt habe, da hat es mich echt gepackt.“

Wie der Apfelweinhersteller ist auch Depardieu Autodidakt, hat mit 13 Jahren die Schule abgebrochen und ist durch Zufall mit 16 Jahren beim Theater gelandet. Er glaubt an das, was er anfassen kann, an das Essen in seiner puren Form. „Kochen ist eine moralische Sache“, tönt er in seinem vollen, tiefen Bariton. „Man muss das Authentische herausarbeiten, mit sparsamen Mitteln, damit die Aromen und der Geschmack sich voll entfalten können.“

Das bedeutet auch ungefiltertes Probieren: Bei Ebbe zieht Depardieu an der Küste des Atlantiks Algen zwischen Steinen im Wasser hervor, beißt ab. „Sehr pfeffrig“, sagt er. In Schottland sind es Langusten, die der Schauspieler so frisch wie nur möglich kostet: lebendig. „Es ist sehr wichtig, den Fisch roh zu probieren, bevor man ihn kocht“, kommentiert Küchenchef Laurent Audiot.

Gérard Depardieu lässt während seiner kulinarischen Reise keinen Platz für eine romantisierte, verklärte Vorstellung des Essens: Wer ein Steak essen will, muss töten. Er steht in seiner vollen Kraft in einem Rinderstall in der Toskana und verkündet: „Dich werden wir gleich essen!“

In Parma im Norden Italiens schlendert der Schauspieler durch eine Halle, in der Tausende Schinken zum Trocknen aufgehängt sind. Er zieht die Luft mit Gewalt in seine Nase – und man kann im Gesicht dieses Mannes ablesen, wie sich die Aromen des Fleisches und des Salzes in seinen Nebenhöhlen entfalten.

ARTE France © Les films d'ici

ARTE France © Les films d’ici

Die Dokureihe zeigt zwei Gourmets, die ihrer Liebe zum Essen frönen. Für sie ist Essen Kultur und Kunst. Über eine abgehangene italienische Rinderhälfte sagt Depardieu: „Weiß wie Marmor, aus Muskeln gehauen, diese Fleischstatuen könnten auch im Louvre stehen.“ Ein Stück braten sie über Feuer, innen rosa, außen kross. „Für mich ist Essen Leben“, sagt Depardieu. Durch das Essen kommt er immer wieder auf sein bewegtes Leben zu sprechen, für das ihn viele kritisieren. Weil er flache Filme für Millionenpublikum machte. Weil er zu viel trank. Weil er im Steuerstreit mit Frankreich einfach die russische Staatsbürgerschaft annahm. Der Jahrhundertschauspieler Gérard Depardieu erlaubt einen intimen Blick auf sein ambivalentes Leben abseits des Films und der Bühne.

Über seinen Vater, den er liebevoll „le Dédé“ nennt, sagt er: „Jeder kopiert seine Eltern. Guck mal bei mir, mein Vater trank.“ Als der Charakterdarsteller bei einem traditionellen Crêpier die typisch dünnen französischen Pfannkuchen probiert, erzählt er: „Ich mochte die Crêpes meiner Mutter, ich habe mir dann einen ganzen Topf Marmelade draufgeschüttet. In meiner Familie ist jeder Diabetiker. Nur ich nicht. Weil ich von den Russen behandelt werde.“

Beim Schlemmen plaudert Gérard Depardieu ungehemmt. Der Gourmet kommt beim gegrillten Schweinerücken auf seine Kindheit zu sprechen, bei süßen Crêpes auf seine Wahlheimat Russland. Kritik lässt er nicht zu, er lacht sie einfach weg.

 

Julien Wilkens für das ARTE Magazin

 

 

ARTE Dokureihe

Gérard tischt auf

Folge 1: Bretagne

Montag, 12.10. | 19.30

Folge 2: Schottland

Dienstag, 13.10. | 19.30

Folge 3: Baskenland

Mittwoch, 14.10. | 19.30

Folge 4: Norditalien

Donnerstag, 15.10. | 19.30

Folge 5: Neapel

Freitag, 16.10. | 19.30

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Kategorien: Oktober 2015