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„ALLES ENDET IN GRAUSAMKEIT“

Erpressung, Drogen, Mord. Bestsellerautor Roberto Saviano im Interview über das Geschäft der Mafia und die vielfach prämierte Serie „Gomorrha“. Die Free-TV-Premiere auf ARTE.

 

ZDF © ZDF/Emanuela Scarpa

 

Gennaro muss schießen. Auf einen Unschuldigen, auf einen Junkie. Gennaro ist der verzogene Sohn von Don Pietro, dem Boss der Mafiafamilie Savastano. Jetzt soll er ein Mann werden, indem er tötet. Er schießt, trifft, doch der andere stirbt nicht. Gennaro weint. Er will den Unbekannten nicht umbringen. Das übernimmt Ciro, sein bester Freund und die rechte Hand des Mafiabosses Pietro Savastano.
Die zwölfteilige Serie „Gomorrha“, die auf dem gleichnamigen Buch von Bestsellerautor Roberto Saviano basiert, zeichnet ein unbarmherziges, weil realistisches Bild der italienischen Mafia. Seit dem Erfolg seines Buches über die Camorra vor knapp zehn Jahren steht der italienische Journalist Saviano unter Polizeischutz, er und seine Familie verstecken sich. Alle paar Monate muss er seinen Aufenthaltsort ändern. Den genauen Ort für das Interview mit dem ARTE Magazin in München nennt er erst einen Tag vor dem Treffen.

ARTE: Herr Saviano, die TV-Serie „Gomorrha“ ist sehr dunkel, sehr pessimistisch, sehr brutal. Wie viel davon ist echt, wie viel Fiktion?

ROBERTO SAVIANO: Die Handlung ist absolut realistisch und basiert auf meinen Recherchen. In einer Folge wird zum Beispiel ein Mädchen gequält – eine wahre Geschichte. In einer anderen Folge trinkt ein Mafioso den Urin seines Bosses, der in ein Glas gepinkelt hat. Auch das ist wirklich passiert. In einer weiteren Szene sitzen kleine Jungs um einen Tisch herum und reden darüber, ob es besser ist, durch eine Kugel in den Kopf oder ins Herz zu sterben. Das ist ihre Realität.

ARTE: Kritiker sind begeistert, die Serie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, ist in über 130 Länder verkauft worden. Ist das organisierte Verbrechen immer noch so ein spannendes Thema oder ist die Produktion einfach
gut gemacht?

ROBERTO SAVIANO: Jede Folge funktioniert ähnlich wie ein in sich geschlossener Film. Durch eine intime Kameraführung, den Einbezug vieler Laiendarsteller und sehr vieler Details präsentieren wir dem Zuschauer eine reale Welt, von der er ein Teil sein könnte und die mit jeder Folge auf beklemmende Weise näher rückt. Unser Ziel war, über diese zwölf Stunden das Gute völlig zu eliminieren.

ARTE: Heißt das: Alle sind böse?

ROBERTO SAVIANO: Ganz genau. Alle sind böse. Es gibt absolut nichts, woran man sich festhalten kann.

ARTE: Ist das realistisch? Auch die Mafiosi haben zueinander emotionale Beziehungen. Die Hauptfigur der Serie hat Familie, eine Tochter, die geliebt wird.

ROBERTO SAVIANO: Ja, aber es gibt keine positiv besetzten Figuren. Keinen Richter, der Gerechtigkeit will, keinen Polizisten oder Kommissar, der so mutig wäre, etwas aufzudecken. Sie alle sind verstrickt, sind Teil dieses Systems. Natürlich gibt es Gefühlsregungen, kurzfristige Freundschaften, es geht ja um Menschen. Und als Zuschauer fühlt man im ersten Moment auch mit einem Protagonisten mit, doch schon im nächsten löst sich das wieder auf. Alles endet immer und überall in Schmerz und Grausamkeit.

ARTE: Das klingt sehr fatalistisch.

ROBERTO SAVIANO: Ja, aber ich lege Wert darauf, dass es nicht meine Sicht der Dinge ist. Es ist die Welt, wie die Mafia sie sieht, ihr Lebensentwurf. Ich mache ihn nur sichtbar. Die Polizei ist Teil des Problems und eine Zivilgesellschaft gibt es nicht.

Zur ARTE-Sendung Gomorrha (01): Der Unsterbliche 3: Mafiaboss Pietro Savastano (Fortunato Cerlino) und seine Frau Immacolata (Maria Pia Calzone) stehen an der Spitze eines riesigen Imperiums. © ZDF/Emanuela Scarpa Foto: ZDF Honorarfreie Verwendung nur im Zusammenhang mit genannter Sendung und bei folgender Nennung "Bild: Sendeanstalt/Copyright". Andere Verwendungen nur nach vorheriger Absprache: ARTE-Bildredaktion, Silke Wölk Tel.: +33 3 881 422 25, E-Mail: bildredaktion@arte.tv

ZDF © ZDF/Emanuela Scarpa

ARTE: Das organisierte Verbrechen stößt auf großes Interesse. Besteht denn auch ein Bewusstsein für die Tragweite des Problems?

ROBERTO SAVIANO: Ich glaube schon, obgleich nicht jedem die Komplexität des Mafiaproblems bewusst ist. In Deutschland sieht man vielleicht niemanden auf der Straße herumballern, aber trotzdem erleben viele Menschen eine Welt, in der man offenbar ohne Korruptheit und Einschüchterung nichts erreicht. Die Regeln machen die mit der Macht und den Knarren. Bei der Mafia ist diese Logik nicht anders als bei manchen großen Konzernen.

ARTE: Was hat Ihre Recherche geändert?

ROBERTO SAVIANO: Der frühere Capo Antonio Iovine, einer der Pentiti, also ein ehemaliger Mafioso, der als Kronzeuge vor Gericht aussagt, hat bestätigt, dass meine Arbeit ein Störmanöver für die Clans darstellt. Sie können nicht wie gewohnt ihren Geschäften nachgehen, weil nun Scheinwerfer auf sie gerichtet sind. Das beginnt bei den Gerichtsverfahren. Iovine sagt, dass ein Richter normalerweise käuflich sei. Ein Clan lege
250.000 Euro auf den Tisch, und der Fall sei erledigt. Nun geht das nicht mehr, weil der Richter unter öffentlichem Druck steht.

ARTE: Warum hat man dann den Eindruck, dass sich so gut wie nie etwas ändert?

ROBERTO SAVIANO: Weil das Ausmaß unglaublich ist. Die Clans sind internationaler geworden. Der Kampf gegen sie läuft nach dem Prinzip: zwei Schritte vor, einer zurück. Aber es gibt auch Erfolge. Zum Beispiel die Wahl im Sommer 2014 von Renato Natale zum Bürgermeister von Casal di Principe, der Hochburg der Camorra. Ein Anti-Mafia-Kämpfer und ein Mann, der zum Glück in keiner Weise der etablierten politischen Kaste verpflichtet ist.

ARTE: Sie stehen permanent unter Polizeischutz, müssen alle paar Monate ihren Wohnort wechseln. Als Sie vor knapp zehn Jahren Ihr Buch „Gomorrha“ veröffentlichten, hatten Sie eine Ahnung, was die Konsequenzen sein würden?

ROBERTO SAVIANO: Nicht im Geringsten. Ich war ehrgeizig. Ich wollte etwas bewirken, wollte ein Buch schreiben, das anders war. Aber diese Konsequenzen habe ich nicht erwartet.

ARTE: Ist es eine zynische Ironie, dass Sie heute immer auf der Flucht sein müssen, wie die Verbrecher, über die Sie geschrieben haben?

Roberto Saviano: Ja, darüber habe ich sehr oft nachgedacht. Und damit machen sich die, die mich gern aus dem Weg haben wollen, auch lustig über mich: Ha, ha, dein Leben ist ja noch viel mieser als unseres, sagen sie dann.

roberto saviano, munich 2014 PHOTO: FRANK BAUER

© Frank Bauer

ARTE: Bereuen Sie es? Wenn Sie heute noch einmal die Zeit zurückdrehen könnten: Würden Sie wieder so handeln?

ROBERTO SAVIANO: Nein. Ich würde zwar wieder genau so ein Buch über die Mafia schreiben. Aber mit sehr viel mehr Umsicht. Langsamer. Vorsichtiger. Ich bin zum Beispiel sofort nach Casal di Principe gefahren, um die Leute dort damit zu konfrontieren. Das hätte ich vielleicht besser nicht getan. Es ist ein Krieg, in dem seit meiner Geburt mehr als 4.500 Menschen umgebracht wurden. Ich habe mich mit dem Projekt, Teile dieses Krieges zu dokumentieren, leider auch selbst verbrannt.

 

Marten Rolff für das ARTE Magazin

 

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KURZBIOGRAFIE

Der heute 35-Jährige wuchs in der Nähe von Neapel auf, einer Hochburg der Camorra. Für sein Buch „Gomorrha“ ließ sich Saviano verdeckt als Hafenarbeiter anstellen, verkehrte mit Schmugglern und Dealern. Sein Buch wurde 2008 fürs Kino verfilmt. ARTE zeigt die Serie als Free-TV-Premiere.

ARTE Krimiserie

Folge 1: Der Unsterbliche

Donnerstag, 8.10. | 21.00

Folge 2: Das erste Mal

Donnerstag, 8.10. | 21.55

Folge 3: Poggioreale

Donnerstag, 15.10. | 21.00

Folge 4: Schwarz und Weiß

Donnerstag, 15.10. | 21.50

Folge 5: Kleingeld

Donnerstag, 22.10. | 21.00

Folge 6: Russisch Roulette

Donnerstag, 22.10. | 21.50

Folge 7: Die Festung

Donnerstag, 29.10. | 20.55

Folge 8: Keine Wahl

Donnerstag, 29.10. | 21.40

Folge 9: Der gute Soldat

Donnerstag, 5.11. | 21.00

Folge 10: Alles wird gut

Donnerstag, 5.11. | 21.45

Folge 11: Die alte Garde

Donnerstag, 12.11. | 21.00

Folge 12: Krieg

Donnerstag, 12.11. | 21.50

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Kategorien: Oktober 2015