GESELLSCHAFT

Wem gehört der Osten?

Firmen, Wohnraum, Ostseebäder und Millionen Hektar Land – in der DDR war all das Volkseigentum. Nach der Wende stand das Land zum Verkauf und lockte Investoren aus aller Welt. 25 Jahre danach zeigt sich: Es sind Geschichten zwischen Erfolg und Scheitern.

 

MDR © Hoferichter & Jacobs

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Am Anfang war das Foto. So schön, dass Anno August Jagdfeld dachte: „So was Schönes kann es gar nicht geben.“ Er kannte nur dieses Foto von der weißen Stadt Heiligendamm. Es ließ den millionenschweren Investor träumen: vom Luxus-See-bad im Osten. Einst war Heiligendamm ein pulsierender Kur- und Ferienort der DDR. Dann wird er zum Millionengrab. Jagdfelds Vision, sie lässt sich nicht in die Realität umsetzen. Vielmehr geht sie als eine der spektakulärsten Fehlannahmen rund um den Aufbau Ost in die Geschichte ein.

Nach dem Fall der Mauer steht plötzlich mehr als die Hälfte Ostdeutschlands zum Verkauf. Zunächst sind es westdeutsche Geldgeber wie Jagdfeld, die das große Geschäft mit dem ehemaligen Volkseigentum wittern. Bald gesellen sich auch internationale Akteure hinzu, die beim größten Umverteilungsprozess im Nachkriegseuropa mitmischen wollen. Es herrscht Goldgräberstimmung. Doch der Rausch hält nicht lange an. Politik und Investoren überschätzen das Potenzial der neuen Länder. Das Wirtschaftswunder Ost bleibt aus, viel Geld wird verbrannt. Auch der Staat macht durch die Sonderabschreibung Ost Verluste, die Steuereinnahmen schrumpfen zwischen 1992 und 1997 von 41 Milliarden auf fünf Milliarden D-Mark.

Was wurde aus den geplatzten Träumen? Wem gehört der Osten heute, 25 Jahre nach der Wende? Die Filmemacher Matthias Hoferichter und Ariane Riecker sind für den ARTE-Themenabend diesen Fragen nachgegangen – und haben festgestellt: Investoren, die die großen Projekte managen, sind mittlerweile häufig Einheimische.

 

Übergang in eine neue Ära

Einer von ihnen ist Jan Kretzschmar. Der Babelsberger ist dabei, mit seiner Firma KW-Development 80 Millionen Euro in ein Areal auf dem ehemaligen Gelände der DEFA-Filmstudios zu stecken. Bis 2017 werden auf dem sogenannten Campus Babelsberg Stadtvillen, Geschäfte, Restaurants und Gewerbeflächen entstehen. Die „Villen am Filmpark“ sollen der Medienstadt Babelsberg, in der unter anderem der Rundfunk Berlin-Brandenburg und die heutigen Filmstudios sitzen, urbanes Leben einhauchen. Dass ein deutscher Investor im Herbst 2015 mit dem Bau von 75 Eigentums- und 134 Mietwohnungen beginnen kann, liegt daran, dass Babelsberg etwas hatte, was Heiligendamm nicht hatte: Zeit. Während an der Ostseeküste Welten aufeinanderprallten – exklusives Wohnen für wenige und historisch gewachsener Tourismus für jedermann –, durfte in Potsdam eine vergangene Welt weiterbestehen und sich allmählich der neuen Ära anpassen. Das dafür notwendige Geld stammte ursprünglich aus jenem Land, das den Ruf für sich gepachtet hat, Heimat einer Cineasten-Nation zu sein: Frankreich. Die Rettung eines mythischen Ortes der Filmgeschichte dank französischen Engagements? Hier könnte die Geschichte vom Aufbau Ost charmant werden. Doch das tut sie erst später.

 

MDR © Hoferichter & Jacobs

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Der französische Traum

Auch für französische Investoren spielen nach der Wende in erster Linie wirtschaftliche Kriterien eine Rolle. Mehr als acht Milliarden Euro investieren sie bis 2003 in die neuen Länder. Der Mischkonzern Compagnie Générale des eaux ist vor allem an Immobilien interessiert. Und am Gelände der ehemaligen DEFA-Studios: an Babelsberg. Marlene Dietrich, Alfred Hitchcock und Billy Wilder arbeiteten hier – ein Mythos, aber auch ein 48 Hektar großes Areal, direkt vor Berlin. Da sich der Konzern für den Erhalt der Studios ausspricht und eine langfristige Standortentwicklung garantiert, erhält er das Areal für 137 Millionen D-Mark, die Hälfte des Schätzwertes. Nur ein Drittel der Fläche darf neu bebaut und verkauft werden. Im Kernbereich soll der Film bleiben und das Fernsehen angesiedelt werden. Ein gewaltiger Plan entsteht. Er beinhaltet die heutige Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und einen großen Entertainment-Komplex mit 24 Kinosälen, aber auch Gebäude mit Wohn- und Büroräumen. Und einen Unterhaltungspark aus Filmkulissen.

Der Mann, der diesen entwickelt hat und bis heute betreibt, ist Friedhelm Schatz. Babelsberg ist sein Lebenswerk. 1993 ließ er sich von Regisseur Volker Schlöndorff bei der Münchner Bavaria Film abwerben, um in Potsdam einen Filmpark aufzubauen. Schlöndorff war zu dieser Zeit Geschäftsführer der Filmstudios. „Ich bin hergeflogen, habe mir das Gelände angeguckt und gedacht: Donnerwetter, hier war Fritz Lang. Ich bekam Gänsehaut“, erzählt Schatz. Obwohl er in der Lüneburger Heide aufwuchs, war seine Lieblingssendung als Kind eine DEFA-Produktion. Schatz war sich damals sicher, dass der Filmpark funktionieren würde, „weil ich einfach wusste, dass so ein Standort wie Babelsberg mit seiner ganzen Ausstrahlung, seiner Geschichte, so viele Geschichten erzählen lässt, dass es viele interessieren muss.“ Er hatte recht. Nicht nur der Filmpark wird mit derzeit rund 350.000 Besuchern pro Jahr ein finanzieller Erfolg. Auch Babelsberg als Medienstadt hat sich mittlerweile entwickelt.

 

Des einen Leid, des anderen Freud

Die Franzosen allerdings sind seit 2004 raus. Denn anfangs blieben die Studios, in deren Kulissen mittlerweile mehr als 350 Kino- und TV-Produktionen zu Gast waren, auch Oscarpreisträger wie Quentin Tarantino und Roman Polanski, zu oft leer. Für den Konzern Générale des eaux, der seit 1998 Vivendi heißt, wird der Mythos Babelsberg ein finanzielles Desaster. Mit 350 Millionen Euro Verlust zieht sich der Konzern zurück und verkauft das Filmstudio für einen symbolischen Euro an zwei Münchner Geschäftsleute. Den Filmpark kauft Friedhelm Schatz. Damit gehört ihm heute gut die Hälfte des Areals. Peu à peu führt er zu Ende, woran die Franzosen vor zehn Jahren scheiterten. „Babelsberg war einer dieser Glücksfälle im Leben.“ Entsprechend wichtig war es ihm, für dieses Areal, auf dem urbanes Leben entstehen soll, einen Investor zu finden, „der so tickt, wie ich mir das dachte, jemanden, der diesen Geist übernommen hat.“ Gefunden hat er ihn in Jan Kretzschmar. Seine 80 Millionen sollen aus Babelsberg mehr machen als Kulisse, mehr als eine schöne Idee: einen lebendigen Stadtteil. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung erscheint Schatz und Kretzschmar die Zeit reif. 75 Prozent der geplanten Immobilien sind bereits verkauft.

MDR © Hoferichter & Jacobs

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Die Geschichte Babelsbergs steht damit prototypisch für ein neu aufgeteiltes Ostdeutschland. Mehr als die Hälfte der Fläche hat heute neue Besitzer. Der größte Umverteilungsprozess im Nachkriegseuropa, er scheint weitgehend abgeschlossen. Die Geschichte von Babelsberg jedoch nicht. Laut Friedhelm Schatz gibt es noch mehr
als 100.000 Quadratmeter Bauland. „Wir sind gerade dabei, den Masterplan 2015 zu überarbeiten.“ Auch Schatz hat einen Traum, doch der basiert nicht nur auf einem Foto.

 

Sandra Zistl für das ARTE Magazin

 

 

ARTE Schwerpunkt

25 Jahre Wiedervereinigung

Deutsche Einheit –
Verpasste Chance?

Themenabend · Dienstag 22.9. · ab 20.15

Zonenmädchen

Dokumentarfilm
Montag · 28.9. · 00.20

 

B-Movie – Das wilde West-Berlin der 80er Jahre

Kulturdoku Samstag · 3.10 · 21.50

Bäm Bäm Westbam –
Der DJ und die Macht der Nacht · Musikdoku

Samstag · 3.10. · 23.25

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter

arte.tv/deutsche-einheit

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Kategorien: September 2015