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FASHION WEEKEND: McQueen – Radikal! Genial!

Enfant terrible der Modewelt, umjubelter Stardesigner – unverstandenes Genie? Filmemacher und Fashionexperte Loïc Prigent hat sich auf die Spuren des Modeschöpfers Alexander McQueen gemacht und wurde vom Kritiker zum Bewunderer. Eine Revue.

 

© ARTE

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Alexander McQueens Tod im Februar 2010 war ein Schock für mich. Kurz bevor er sich das Leben nahm, hatten wir noch über mein Vorhaben gesprochen, seine bevorstehende Kollektion „Angels and Demons“ für ARTE zu filmen. Also entschloss ich mich zu einem dokumentarischen Autopsiebericht seiner Karriere. Ich wollte dafür nichts Neues drehen, im Nachhinein keine gezwungen sentimentalen Interviews mit einstigen Weggefährten führen. Deshalb habe ich in den USA, Kanada, Frankreich und England bereits vorhandenes Material zusammengetragen. Anhand von McQueens Stil wollte ich das verstehen, was sich mir als Beobachter seiner Mode zu seinen Lebzeiten nicht erschlossen hatte: wer er war, worin sein Werk bestand. Und warum er sich schließlich das Leben nahm.

 

Mein Verhältnis zu McQueen war anfangs schwierig. Als ich ein junger Reporter bei der französischen Tageszeitung „Libération“ war und McQueen in Paris seine Kollektion für Givenchy vorstellte, verriss ich sie. Ich empfand ihn als frauenfeindlich, halb Skinhead, halb Punk. Mir missfielen auch seine immer wiederkehrenden Obsessionen, darunter die zur Schau gestellte Sexualität. Warum mutete er seinen Models so etwas zu? Aber rückblickend verstehe ich: Genau das Gegenteil war der Fall. Er wollte die Frauen stark machen, ihnen einen Stachelpanzer geben und sie einschüchternd wirken lassen. Romantische Mode empfand er als Beleidigung. In einem Interview, auf das ich bei den Vorbereitungen zu meinem Dokumentarfilm stieß, sagte seine Mutter, ihr Sohn werde nicht verstanden. Mit seinem Äußeren täusche er die Leute bloß.

 

McQueens Besessenheit von bestimmten Elementen hatte ihre Wurzeln in seiner Kindheit: Ritter, Wölfe, Pegasus – all diese Referenzen, die sich einst im Wohnzimmer seiner Mutter befanden, bildeten die Grundlage für das kreative Universum seiner Modenschauen. Spätestens seit seiner Kollektion „Deliverance“ im Sommer 2004 galt Alexander McQueen als absolutes Genie. Doch ab den 2000er Jahren sprach er auch von einem Beklemmungsgefühl. Obwohl sein Geschäft florierte, fühlte er sich im Modebusiness gefangen. In seinen Kollektionen prangerte er den Konsum an, machte aber weiter, da langjährige Mitarbeiter von ihm abhingen.

© ARTE

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Ich habe den Eindruck, dass sich in seinen letzten vier Kollektionen der Wunsch zu gehen schon ankündigte. Er machte sich darin von Obsessionen der vorangegangenen Kollektionen frei und wagte, bevor er endgültig ging, noch einmal etwas Neues. 2006 hatte er in einer Männermodenschau auf die Ausbeutung der Massen angespielt und Geschäftsleute mit Gesichtern aus Kunststoff in Szene gesetzt, ihre Blicke hinter Kontaktlinsen völlig entseelt. Er arbeitete damals für einen Luxuskonzern und sah, wie die Leute gefeuert wurden.

Es folgte „Horn of Plenty“, seine von der Apokalypse inspirierte Herbst-Winter-Kollektion 2009. Er warf darin alles Bisherige über Bord und ließ verschiedene Motive aufeinanderprallen: My Fair Lady, japanisches Kabuki-Theater, Natur, Schwäne, Umweltverschmutzung, klassische Vermeer-Por-träts mit weißen Plastikhauben.

Dann kam „Plato’s Atlantis“ im Frühjahr/Sommer 2010. Eine grandiose Show und das erste Kapitel einer neuen Karriere. Aber auch ein sehr pessimistischer Blick auf die Welt: Die Menschen mutieren zu Amphibien, weil die Städte untergehen. Schuld daran sind sie selbst. Ölpest, anatomisch veränderte Frauen, die anstelle von Schläfen Kiemen haben und wahnwitzig hohe Schuhe tragen müssen. Seine neuen Formen waren atemberaubend, er entwarf Stoffe, die Schmetterlinge, Schlangen und Korallenriffe aus der Vogelperspektive imitieren. Eines der Outfits, das eine Frau in ein technisch aufwendiges Wrack-Kleid hüllte, kostete etwa 65.000 Euro. Trotz solcher Preise fanden die meisten Kreationen dieser Kollektion Abnehmer.

Seine letzte Präsentation war „The Bone Collector“ (Herbst/Winter 2010). Eine so brutale Männermodenschau hatte ich noch nie gesehen, eine echte Höllenfahrt. Das Gefühl der Enge, des Erstickens war spürbar, von den Anzügen schien Lehm zu rieseln, Totenköpfe und Stricke zierten Dreiteiler. Schon bei seiner ersten Show hatte McQueen den gewaltsamen Tod mit blutroten Flecken thematisiert. Doch dieses Mal hatte er es unheilverkündend zugespitzt.

 

© ARTE

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McQueens Abschiedsgruß mit leicht gesenktem Kopf am Ende der Show „The Bone Collector“ war alles andere als fröhlich. Seine Mutter lag im Sterben. Es war, als hätte er ihren Tod abgewartet, um selbst gehen zu können. Die letzte Kollektion „Angels and Demons“ vom Herbst/Winter 2010/2011 hatte er noch selbst entworfen, die fertigen Stickereien sah er nicht mehr. Ein Trauma für das Modehaus. Die Mitarbeiter beendeten seine Kreationen mit unbeschreiblichem Schmerz. Nachfolgerin Sarah Burton gab keine Interviews. In der Kollektion kamen das Jüngste Gericht, Gemälde von Hieronymus Bosch und Erzengel vor. Während die vorherige Schau futuristisch war, mutete diese religiös an. Die Stickereien ähnelten Klimt-Motiven, die Models heiligen Jungfrauen bei Memling.

Mode ist vergänglich. Manche Kollektionen sind bereits nach zwei Minuten wieder vergessen. Die besten inspirieren sechs Monate lang, bis ihre Abwandlungen in den Geschäften auftauchen. Bei McQueen dagegen darf man wohl von einem Œuvre sprechen, denn seine Kollektionen spiegeln verschiedene Epochen unserer Zivilisation wider. Das erklärt meines Erachtens auch den Erfolg der Ausstellungen über ihn. Ich denke, dass er heute besser verstanden wird als zu Lebzeiten.

Natürlich bedauere ich, dass ich Alexander McQueen nicht selbst filmen konnte. Ich habe noch nie jemanden Stoff auf diese Art und Weise zuschneiden gesehen, mit dieser unglaublichen Hingabe und Entschlossenheit. Mit drei Scherenhieben verwandelte er ein Stück Stoff in eine Jacke – und lachte schallend dabei. Er sagte, er entwerfe keine Kleider, sondern schaffe Illusionen.

Letztlich kann ich sagen, dass ich bei meiner Arbeit einen sanften und liebenswerten Menschen entdeckt habe, der sich zunehmend fehl am Platz fühlte. In sein Privatleben bin ich nur wenig vorgedrungen. McQueens Drogenkonsum etwa habe ich in meinem Film nur angesprochen, wenn sich seine Rauschzustände auch in seinen Kleidern wiederfanden. Welche Hölle er in Wirklichkeit durchlebte, war mir nicht bewusst. Auch wenn ich anfangs einen eher psychologischen Film im Sinn hatte, am Ende ist es doch ein romantischer geworden.

 

Pierre Olivier François für das ARTE Magazin

 

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Alexander McQueen

Lee Alexander McQueen (1969–2010) gehörte zu den bedeutendsten britischen Modedesignern.

Er erlernte das Handwerk des Herrenschneiders im Alter von 16 Jahren in der Londoner Traditionsschneiderei Anderson & Sheppard. Nach einem Modestudium gründete er sein eigenes Label „alexandermcqueen“ für Damenmode. Später wurde er Designer für Haute Couture beim französischen Modehaus Givenchy. McQueen war für seine exzentrisch-irritierenden Modenschauen bekannt und entwarf u. a. Kostüme für Lady Gaga.

Im Februar 2010 nahm er sich, einen Tag vor der Beerdigung seiner Mutter, in seiner Londoner Wohnung das Leben.

 

 

 

ARTE Schwerpunkt

Fashion Weekend

Das Testament des Alexander McQueen

Dokumentarfilm

Samstag · 26.9. · 21.40

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter

creative.arte.tv

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Kategorien: September 2015