Oper
magazin

Die Scala hebt ab

Ein Flughafen wird zur Opernbühne: Am 17. September wird Donizettis „Liebestrank“ in Mailand-Malpensa inmitten der Fluggäste aufgeführt. Mit dabei sind Orchester und Chor der Mailänder Scala sowie Tenor Vittorio Grigolo in der Hauptrolle.

 

Seamilano

Seamilano

Noch geht alles den gewohnten Gang in Mailand-Malpensa, dem zweitgrößten Flughafen Italiens: Zehntausende Menschen rollen täglich ihre Trolleys durch die Hallen, an manchen Tagen bis zu 80.000. Sie geben Gepäck auf, checken ein, warten auf den Flieger – Flughafenroutine eben.

Doch am 17. September wird sich für einen Tag einiges verändern. Dann heißt es: Große Oper am Flughafen, die Mailänder Scala spielt Gaetano Donizettis komische Oper „L’elisir d’amore” („Der Liebestrank”) in Malpensa! Dann übertönen Arien und Orchestermusik nüchterne Ansagen und Warnhinweise, eine Check-in-Halle wird zum Orchestergraben und ein Flughafenrestaurant zur Opernbühne. Und mittendrin: Passagiere und Passanten, die spontan und ahnungslos zu Komparsen in einer Inszenierung der besonderen Art werden. Fast wie in einem Flashmob. Denselben Überraschungseffekt wünschen sich zumindest der Intendant der Mailänder Scala Alexander Pereira und das Produzententeam. Dieses setzt sich zusammen aus dem Schweizer Fernsehen SRG SSR, dem italienischen Sender RAI und ARTE sowie der Expo 2015 in Mailand – und natürlich den Musikern der Scala. Diese Aufführung ist ein komplexes Projekt, das nicht nur hohe Ansprüche an Technik und Interpreten stellt, sondern auch eine Herausforderung für die Logistik und Sicherheit des Flughafens bedeutet.

 

Stolperfallen

Schließlich soll Donizettis zweiaktige Oper von 1832 an ganz unterschiedlichen Orten des Flughafens stattfinden. „Wir sind alle sehr aufgeregt“, sagt Francesca Nesler von der RAI, die verantwortlich für die Fernsehregie ist. „Wir dürfen die normalen Abläufe des Flughafens nicht stören und hoffen, dass kein Passagier über die kilometerlangen Kabel stolpert.“ An ihrer Seite steht Theaterregisseur Grischa Asagaroff, der „L’elisir“ für die Zürcher Oper und die Mailänder Scala inszenierte und derzeit an einer neuen, speziell auf „die Szene des Airports“ zugeschnittenen Fassung arbeitet. „Alles ist etwas komplizierter als sonst, auch da wir die akustischen Bedingungen des gerade renovierten Flughafens noch nicht einschätzen können“, sagt Nesler.

 

Eine Oper, die jeder versteht

Unkompliziert scheint derzeit nur die Handlung der Oper: Der schüchterne Bauernjunge Nemorino verehrt leidenschaftlich die Gutsbesitzerin Adina. Diese aber ignoriert ihn und bandelt mit Sergeant Belcore an. In seiner Verzweiflung bittet Nemorino den Quacksalber Dulcamara, ihm einen Liebestrank zu verkaufen, um Adina zu erobern. Dulcamara versieht kurzerhand eine Weinflasche mit entsprechendem Etikett und verkauft ihm diese als „elisir d’amore“. Im zweiten Akt wird Nemorino wider Erwarten und ohne sein Wissen durch eine Erbschaft reich und alle Frauen des Dorfes stellen ihm jetzt nach, auch Adina. Nur Nemorino glaubt immer noch, es läge am Liebestrank. Eine „wunderbare, lustige Oper, die jeder versteht“, sagt der italienische Tenor Vittorio Grigolo, der den Nemorino verkörpert. „Über zwei Stunden Vergnügen. Stellen Sie sich vor, es wäre der Ring des Nibelungen!“

Noch wird nur Pizza verspeist, wo im September der erste Akt der Oper stattfindet: Im Gastronomiebereich des Flughafens wird Adina, gespielt von Eleonora Buratto, zur Chefin der Pizzeria Rosso Pomodoro. Hier trifft sie auf den aufschneiderischen Belcore in Polizistenuniform, während Nemorino singend den Kellner macht. Ein weiteres Highlight der Oper wird die Landung von Dulcamara im (echten!) Flugzeug mit Pauken und Trompeten.

 

Sopranistin Eleonora Buratto, Ribaltaluce Studio 2011

Sopranistin Eleonora Buratto, Ribaltaluce Studio 2011

 

Orchester im Check-in

Allmählich wird sich dann das Sängerensemble in Richtung Halle 17 bewegen, dem Check-in von Emirates. Dass die Abfertigungshalle einer der größten Fluggesellschaften der Welt zum Schauplatz einer Oper wird, die in einem kleinen idyllischen Dorf im Baskenland spielt, hat praktische Gründe. „Hier finden alle 80 Musiker des Orchesters und Teile des Chores Platz“, sagt Malpensa-Sprecher Alessandro Locarno, der zusammen mit seiner Kollegin Lucrezia de Nicolò die Koordinierung des Projekts übernommen hat.

Donizetti selber klagte seinerzeit beim Einstudieren des „L’elisir“ über die Sänger: „Wir haben eine deutsche Primadonna, einen stotternden Tenor, einen Buffo mit einer Ziegenstimme und einen französischen Bass, der nichts taugt.“ Mit der Malpensa-Besetzung hingegen wäre der Meister sicher zufrieden. Hier besteht eher die Gefahr, dass die Sänger nicht synchron mit dem Orchester unter der Leitung von Fabio Luisi sind, da beide sich nur selten am selben Ort aufhalten. Deshalb trägt jeder Sänger drahtlose Sender im Ohr, um in Verbindung zu bleiben. Nemorino-Darsteller Vittorio Grigolo kennt das bereits von seinem Auftritt aus dem Jahr 2008, als er den Alfredo in „La Traviata“ am Hauptbahnhof Zürich sang. „Ich muss dann ein bisschen auf Popsänger machen“, sagt der Tenor und lacht. „Im rechten Ohr habe ich das Orchester, im linken meine Stimme“. Er hoffe nur, dass bei seiner romantischen Arie „Una furtiva lagrima“ nicht wieder geweint wird, wie er es schon des Öfteren erlebt hat. „Das ist eine Liebesarie, aber doch keine tragische! Nemorino ist ja nicht unglücklich.“

Malpensa4

 

Technische Herausforderung

Der technische Aufwand ist immens: Über hundert Scheinwerfer und ebenso viele Mikrofone sind im Einsatz, sowie 16 Kameras, darunter auch Kräne für den „fliegenden Blick“. Kopfzerbrechen bereitet Fernsehregisseurin Nesler noch der letzte Teil der Oper, der im Sicherheitsbereich stattfinden wird. Die Protagonisten müssen dabei durch die Sicherheitsschleuse. Noch weiß sie nicht, wie Mikrofone und Metalldetektoren aufeinander reagieren. „Stellen Sie sich vor, es gibt Interferenzen und wir sind plötzlich im Tower!“, sagt sie und schmunzelt.

Letzte Frage an die Mitwirkenden: Was wird denn in dem Becher mit dem „Liebestrank“ sein? „Cola“, grinst Vittorio Grigolo. „Bordeaux natürlich!“, antwortet Regisseur Asagaroff. „Das sagt ja Dulcamara sogar zu seinem Assistenten.“ Und Francesca Nesler fügt hinzu: „Den brauchen wir danach auch!“

 

Teresa Pieschacón Raphael für das ARTE Magazin

 

 

ARTE Plus

Die Mailänder Scala

Das Teatro alla Scala in Mailand ist eines der bedeutendsten und traditionsreichsten Opernhäuser der Welt. Der Name geht auf die Kirche Santa Maria alla Scala zurück, die abgerissen wurde, um an ihrer Stelle das Opernhaus zu errichten. Nach nur 23 Monaten Bauzeit wurde die „Scala“ 1778 mit Antonio Salieris Oper „L’Europa riconosciuta“ eingeweiht. Seitdem wird in Mailand Operngeschichte geschrieben. Insbesondere Giuseppe Verdi ist eng mit der Scala verbunden, hier feierte er mit „Nabucco“ seinen ersten großen Erfolg. Auch Claudio Abbado gab hier sein Debüt als Dirigent

 

 

ARTE Live

Die Scala am Mailänder Flughafen: Gaetano Donizetti: L’elisir d’amore

Donnerstag · 17.9. · 20.15

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: September 2015