TYPISCH FRANKREICH

Typisch Frankreich: Der Königsweg an die Macht

© Drushba Pankow

© Drushba Pankow

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich?
Das ARTE Magazin folgt im September dem steilen Weg der Eliteschulen.
Und ertappt sich dabei, mehr zurück als nach vorne zu schauen.



Wer in Deutschland aus einer Metzgerfamilie kommt, als Schulabbrecher erst einmal in die außerparlamentarische Opposition geht, um dann Taxi zu fahren, kann immer noch Außenminister werden. In Frankreich dagegen existiert seit Langem ein Bollwerk gegen das Chaos. Zu seinen Hauptpfeilern gehören die „Grandes Écoles“. „Große Schulen“? Der Name für die Eliteschulen kündet bereits vom Dünkel einer angestaubten Parallelwelt.


Doch genau hier und nur hier hindurch führt der Königsweg an die erlesene Machtspitze Frankreichs. Um dieses bizarre System ansatzweise zu begreifen, betreten wir die Zeitmaschine: Nach der Französischen Revolution wurde Louis XVI. 1793 geköpft und mit ihm die Monarchie. Doch die pyramidalen Machtstrukturen lebten unter republikanischen Vorzeichen weiter: Staatliche Kontrolle über Wirtschaft und Modernisierung, Zentralismus, Bürokratie sowie in der Bildung Disziplin und gnadenlose Selektion bereiteten das harte Bett der Eliteschulen, die die Universitäten in die zweite Reihe verbannten. 1794 wurden die „ENS“, die École Normale Supérieure, und die „X“, die École Poly-technique für Ingenieure, gegründet. Es galt, exzellent ausgebildete Staatsdiener heranzuziehen. Eineinhalb Jahrhunderte später erneuerte de Gaulle diese Logik, als er 1945 mit der Gründung der „ENA“, der École Nationale d’Administration, für einen politisch unbelasteten Verwaltungsnachwuchs sorgte.


Seitdem hat der mächtige ENA-Filz die oberen Etagen in Politik und Wirtschaft fest miteinander verwoben und klassenbewusste Familien zusammengeschweißt, die ihre intelligentesten Sprösslinge mit 20 ins Antichambre der Politik dirigieren: An der „Sciences Po“, der Pariser Hochschule für Politik, darf die erste Auslese ihre bürokratische Arbeits- und Ausdrucksweise formen. Was sie nach Jahren der Vorbereitung dann als „Enarchen“ allerdings lernen dürfen, ist vor allem, Dokumentenberge zusammenzufassen und Fragen systematisch zu beantworten. Nicht zu vergessen, ein starkes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Beim Mantra „Ihr seid die Elite!“ und der Aussicht auf hohe Posten in Politik und Privatwirtschaft kann noch der unscheinbarste Nachwuchs den letzten Rest an Bescheidenheit ablegen.


Doch im Olymp warten weder ein Gott noch ein jubelndes Volk, sondern, mon Dieu!, ratlose Politiker, drängende Reformen, aufgebrachte Franzosen. Am Nationalfeiertag marschieren die Studenten der Polytechnique weiter in napoleonischen Uniformen. Ein Systemfehler? Vielleicht müssten die ENA-Studenten weniger lernen, Fragen richtig zu beantworten, als die richtigen zu stellen. Frei nach Joseph Beuys’ Diktum: Mit dummen Fragen fängt jede Revolution an.


Bettina Reichmuth für das ARTE Magazin

Weitere französische und auch deutsche
Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30,
arte.tv/karambolage




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Kategorien: September 2015