FILM

„Der Film meines Lebens“

Dieter Hallervorden auf der Zielgeraden zum Charakterdarsteller: Die Rolle eines betagten, doch überzeugten Sportlers scheint dem Schauspieler auf den Leib geschrieben. Das ARTE Magazin traf ihn zum Interview.

 

BR © Neue Schönhauser Filmproduktion GmbH/ Nadja Klier

BR © Neue Schönhauser Filmproduktion GmbH/ Nadja Klier

Eine Ikone der deutschen Comedy feiert am 5. September ihren 80. Geburtstag: Dieter Hallervorden brachte in den 1970ern mit seinen Sketchen ein Millionenpublikum zum Lachen. Mit der Slapstick-Serie „Nonstop Nonsens“ wurde seine tollpatschige Kunstfigur „Didi“ zu einer Art deutschem Louis de Funès. In der Tragikomödie „Sein letztes Rennen“ spielt er nun den ehemaligen Marathonläufer Paul Averhoff, der im Altersheim seine Sportschuhe schnürt und allen Skeptikern zeigt, was noch in ihm steckt. Der Schauspieler selbst hat sich damit endgültig von seinem Komiker-Image freigelaufen. Mit dem ARTE Magazin sprach er über Ziele im Alter, seine Kämpfernatur und sein Motto: „Immer mindestens einmal mehr aufstehen als hinfallen.“

 

ARTE: Mit 80 Jahren spielen Sie zwei Stunden am Stück Molière, Sie sind Leiter des Berliner Schlosspark Theaters und des Kabarett-Theaters „Die Wühlmäuse“. Eigentlich brauchen Sie ja schon im Alltag die Ausdauer eines Marathonläufers. Wie bewältigen Sie dieses Pensum?

DIETER HALLERVORDEN: Mein erster Trumpf ist, dass ich gute Gene habe. Zweitens umgebe ich mich gern mit guten Leuten. Dann kann ich delegieren, weil ich weiß, die Dinge werden in meinem Sinne gehandhabt. Für die Leitung des Schlosspark Theaters ist viel Engagement und Arbeit nötig. Dass ich das Theater vor sieben Jahren aus seinem Dornröschenschlaf erweckt habe, ist aber ein Herzens-projekt. Deshalb arbeite ich dort ehrenamtlich.

ARTE: Gibt Ihnen das Arbeiten also sogar Energie?

DIETER HALLERVORDEN: Ja, bestimmt. Ich habe schließlich einen Beruf ergriffen, der aus einem Hobby entstanden ist und der mir unglaublich viel Spaß bereitet. So viel, dass ich mich heute manchmal noch wundere und mir sage: „Mensch, ich werde dafür ja sogar noch bezahlt. Was hab ich für ein Schwein, so einen Beruf zu haben!“

ARTE: Die Rolle des betagten Marathonläufers Paul Averhoff war seit 20 Jahren die erste große Kinorolle für Sie. Was hat Sie an dieser Figur gereizt?

DIETER HALLERVORDEN: Selten hat mir ein Drehbuch so gut gefallen wie dieses. Es entspricht einfach meiner Lebensphilosophie.

ARTE: Das Lebensmotto von Paul Averhoff im Film lautet: „Weiter, immer weiter. Wer stehen bleibt, hat schon verloren.“

DIETER HALLERVORDEN: Und mein Motto ist: „Immer mindestens einmal mehr aufstehen als hinfallen.“ Das heißt: Kämpfer sein, einen langen Atem und Ausdauer haben. Pauls Motto passt so gut zu mir, dass ich beim Lesen des Drehbuchs dachte, der Autor würde mich ewig kennen. „Sein letztes Rennen“ ist der Film meines Lebens.

 

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ARTE: Wie mühsam war der Weg von der Figur des „Didi“ zu dieser Charakterrolle? 
           
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DIETER HALLERVORDEN: Es war ein langer Weg. Ich habe jahrelang alle TV- und Filmangebote, die in Richtung der „Didi“-Figur gingen, strikt abgelehnt. Natürlich mag ich „Didi“, ich habe ihn ja selbst erfunden. Wenn heute jemand bei mir eine „Flasche Pommes“ bestellt, kann ich mich freuen, dass die Witze von „Didi“ nach so langer Zeit noch funktionieren und schon fast Kulturgut geworden sind. Aber für den Zuschauer ist es doch viel spannender, überrascht zu werden!

ARTE: Wie kamen Sie zu der Rolle in Kilian Riedhofs Film „Sein letztes Rennen“?

DIETER HALLERVORDEN: Riedhof, der mit Marc Blöbaum das Drehbuch geschrieben hat, hatte – wie er sagte – bereits beim Schreiben an mich gedacht. Dabei hatte ich 2012 ja noch eher das „Didi“-Image inne. Wer hätte mir zu diesem Zeitpunkt zugetraut, so eine Charakterrolle zu spielen? Ich bin Kilian Riedhof ewig dankbar, dass er den Mut dazu hatte. Nur dadurch hat sich letztes Jahr meine Rolle in Til Schweigers Film „Honig im Kopf“ ergeben.

ARTE: Wie sehr mussten Sie bei der Vorbereitung auf die Rolle um Ihre Fitness kämpfen?

DIETER HALLERVORDEN: Ich bin ein absoluter Pflichtmensch. Wenn ich einen Vertrag unterschreibe, dann weiß ich, was der Produzent von mir erwartet. Für die Rolle des Paul Averhoff habe ich über ein halbes Jahr lang trainiert. Ich bin jeden Tag gelaufen. Erst kürzere Strecken, dann längere, schneller, gegen die Stoppuhr. Außerdem habe ich in einem Fitnessstudio an Geräten gearbeitet. Ich habe meine Ernährung umgestellt und neun Kilo abgenommen. Die intensive Vorbereitung war auch nötig, denn die Rolle hat mir alles abverlangt. Es war eine große Herausforderung.

ARTE: Fordern Sie die allabendlichen Auftritte auf der Bühne auch noch heraus?

DIETER HALLERVORDEN: Das Herausfordernde beim Theater bleibt, dass das Publikum jeden Abend anders zusammengesetzt ist. Dadurch ist keine Vorstellung gleich. Das Spannende am Schauspielern auf der Bühne ist auch: In dem Moment, in dem das Wort dem Mund entspringt, da gilt es. Theater ist eben die Keimzelle unseres Berufs. Deswegen mag ich es am meisten, obwohl es mir auch am meisten Lampenfieber bereitet.

ARTE: Sie haben Lampenfieber?

DIETER HALLERVORDEN: Wenn ich abends Vorstellung habe, dann habe ich vom Moment des Aufstehens an Lampenfieber – wie verrückt! In meine Garderobe stelle ich immer ein Bild meines Sohnes, als er noch kleiner war. Das sagt mir dann: Es gibt wichtigere Dinge im Leben als einen Versprecher.

 

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ARTE: Während Paul im Film für den Marathon trainiert, basteln seine Heimmitbewohner Kastanienmännchen. Den Alltag im Heim zeigt der Film als trist und unwürdig. Wie sehr entspricht der gefilmte Altersheimalltag der Realität?

DIETER HALLERVORDEN: Ich habe mir vor dem Dreh einige Altersheime angeschaut und ich muss sagen, es hängt tatsächlich am Geld. Ob man sich ein gutes Heim leisten kann und ob es genug Pflegepersonal gibt. Es ist erschütternd zu sehen, wie manche alte Menschen in ihrem Rollstuhl zur Seite geschoben werden. Dazu werden dann zweckoptimistische Lieder gesungen oder Beschäftigungstherapien gemacht. Ich habe anschließend gedacht: Hoffentlich passiert mir das nie!

ARTE: Paul Averhoff setzt sich in seiner letzten Lebensphase gegen alle Widerstände und Konventionen ein vielleicht unerreichbares Ziel. Wie wichtig ist es für ältere Menschen, ein Ziel zu haben?

DIETER HALLERVORDEN: Ich finde es unheimlich wichtig, sich Ziele zu setzen und eine ganz eigene Beschäftigung zu haben. Aber für mich ist es vergleichsweise einfach. Wenn ich das Theater und die Schauspielerei nicht hätte, wäre es schwieriger. Ich hätte keine Lust, mit einer Pinzette Briefmarken zu sortieren, als Hobbygärtner die Rasenkante mit einer Nagelschere zu bearbeiten oder kleine Segelschiffe in Weinflaschen zu stopfen.

ARTE: Ist der Film ein Appell an alte Menschen, sich nicht ins Abseits stellen zu lassen?

DIETER HALLERVORDEN: Appell finde ich ein zu starkes Wort. Ich glaube nicht, dass Kunst die Welt verändern kann. Aber wenn Kinder nach dem Film ihre Großeltern anrufen und fragen, wie es ihnen geht, ist das schon ein Widerhall.

ARTE: Wie werden Sie am 5. September Ihren 80. Geburtstag feiern?

DIETER HALLERVORDEN: Ich werde als Zuschauer zusammen mit meinem Sohnemann im Schlosspark Theater sitzen und mir die Premiere von „Amadeus“ anschauen. Anschließend werden wir sicherlich das eine oder andere Gläschen leeren.

ARTE: Kann Altwerden also auch schön sein?

DIETER HALLERVORDEN: Das Positive am Altwerden ist ja schon mal, dass man nicht jung stirbt. Letztlich ist auch das Altern eine Frage der Lebenshaltung. Ich habe immer Sport getrieben, habe rechtzeitig mit dem Rauchen aufgehört. So bin ich nicht süchtig nach Drogen, sondern nach Leben.
Katrin Ullmann für das ARTE Magazin

 

 

 

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Kurzbiografie

Dieter Hallervorden wurde am 5. September 1935
in Dessau geboren. Er floh 1958 aus der DDR nach West-Berlin. 1960 gründete er die Kabarett-Bühne „Die Wühlmäuse“. Als Komiker feierte er in den 1970ern Erfolge mit der Slapstick-Serie „Nonstop Nonsens“. Ab 1980 wurde er Drehbuchautor und Schauspieler und übernahm ab 2009 auch ernsthaftere Rollen. Er lebt abwechselnd in Berlin und in der Bretagne.

Filmografie

„Die Hochzeitsreise“ (1969), „Alles im Eimer“ (1981), „Didi – Der
Doppelgänger“ (1984),
„Bei mir liegen Sie richtig“ (1990), „Armee der
Stille“ (2009), „Das Kind“ (2012), „Sein letztes
Rennen“ (2013), „Honig im Kopf“ (2014)

 

(Auswahl)

 

 

ARTE Tragikomödie

Sein letztes Rennen

Freitag · 25.9. · 20.15

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Kategorien: September 2015