MUSIK
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Dem Ton auf der Spur

Aufnehmen, sampeln, remixen: Die Dokumentation „Soundhunters“ zeigt, wie Musiker aus Alltagsgeräuschen Klangkunstwerke schaffen. Das ARTE Magazin auf Forschungsreise in ein Universum, das aus der Stille hervorging.

 

SWR © SWR/a-Bahn/Camera Talk Productions

SWR © SWR/a-Bahn/Camera Talk Productions

 

Der Klang der Stille. 1951 machte der junge US-amerikanische Komponist John Cage eine bahnbrechende Entdeckung. Er fand heraus, dass es so etwas wie „absolute Stille“ nicht gibt. Er suchte sie überall, sogar im schalltoten Raum der Universität von Harvard, doch selbst dort hörte er noch einen hohen und einen tiefen Ton. Irritiert machte er den Techniker darauf aufmerksam: „Er erklärte mir, der hohe Ton gehe auf mein Nervensystem zurück und der tiefe komme von meinem Blutkreislauf.“ Unter dem Eindruck dieser Erfahrung komponierte Cage das legendäre „4’33“ – vier Minuten und 33 Sekunden, in denen auf der Bühne nichts gespielt wurde. Zu hören sein sollte stattdessen all das Ignorierte und Zufällige, das sonst von der Musik übertönt wird: das Hüsteln und Räuspern im Publikum; das Knarzen eines Stuhls; das gedämpfte Brausen des Verkehrs vor dem Konzerthaus – die subtile Welt der Geräusche. Die Uraufführung 1952 war ein Skandal.

Cage war nicht der einzige Künstler seiner Zeit, der auf die Existenz eines ganzen Universums aus latenten Ereignissen hinwies – einen Kosmos, den wir normalerweise als störend oder trivial empfinden und deshalb komplett ausblenden. In der Malerei lenkte zum Beispiel Robert Rauschenberg mit seinen reinen „White Paintings“ die Aufmerksamkeit auf das Licht und den Staub, der sich darauf legte. Zur gleichen Zeit kehrte in Frankreich der Ingenieur Pierre Schaeffer der klassischen Komposition den Rücken und erklärte: „Der Wortschatz der Natur ist das Geräusch.“ In radikaler Abwendung von allen Regeln der Kunst waren für Schaeffer und seine Gesinnungsgenossen die Klänge aus Umwelt, Technik und Natur eine „musique concrète“. Diese „konkrete Musik“ brauchte keine Instrumente mehr, sondern betrachtete die Welt als unendlichen Möglichkeitsraum. Um diesen Reichtum abzubauen, brauchte es Methoden zur Aufnahme und zum Abspielen und die technischen Mittel, um die akustischen Fundstücke zu organisieren. Der technische Wandel machte dieses Klanguniversum betretbar.

 

Klang und Geräusch. Das Rauschen der Brandung in „Yellow Submarine“, das Klingeln der Kasse in „Money“ – Geräusche fanden ihren Weg in den Pop, wo sie die Musik der Beatles oder von Pink Floyd bereicherten. Experimentierfreudige gingen noch weiter.

Jean Michel Jarre, ein Schüler Schaeffers, entwickelte in den 1970ern die „musique concrète“ weiter und komponierte erste Stücke für Synthesizer. Blixa Bargeld machte im Berlin der 80er mit den Schweißbrennern seiner Einstürzenden Neubauten Lärm zu Musik. Sein Credo: „Geschmack ist eine Sackgasse.“ Heute lauschen Musiker wie Cosmo Sheldrake aus London der Festplatte eines Rechners mit dem Stethoskop ein geisterhaftes Sirren ab. Für den Amerikaner Joseph Bertolozzi ist der Eiffelturm ein Instrument, das er mit Klöppeln und Rammböcken bespielt. Und der britische Künstler Matthew Herbert hat auf dem Album „Plat du Jour“ das Leben eines Schweins nachgezeichnet, vom schrillen Quieken bei der Geburt bis zu den Essgeräuschen beim posthumen Verzehrtwerden. Das ist weniger Unterhaltung als eine künstlerische Reaktion auf ethische und gesellschaftliche Fragen – und damit politischer, als ein Songtext es je sein könnte. Und auch im Pop können Geräusche Stilmittel zum Ausdruck politischer Statements sein: Der bedrohlich knackende Rhythmus in Kate Bushs „Army Dreamers“ von 1980 rührt vom Durchladen eines Sturmgewehrs.

 

SWR © SWR/a-Bahn/Camera Talk Productions

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Klang und Bild. Im ARTE-Film „Soundhunters“ macht sich das französische Musiker-Duo Alice Chiaverini und Marc Parodi auf die Suche nach den Erben von John Cage
und Pierre Schaeffer. Die Unternehmung selbst ist eine kolossale Collage, ihr Vehikel sind die Geräusche selbst. Unterwegs lauscht das Paar den Räumen, die sie auf der Reise durchqueren, ihre jeweils eigene Musik ab. Was in Bahnhöfen hallt, gurrt und quietscht, was in Flugzeugen klappert, schabt und summt, was an Stränden kreischt, weht und schäumt – all das wird unter den Händen von Chiaverini und Parodi zu Musik. Es wirkt wie zufällig, ist aber das Ergebnis harter Arbeit. Und so bildet sich die aufregendste Tonspur heraus, die seit Jahren im Fernsehen zu hören war. Das gilt ebenso für die Schauplätze der Reise. Sie erscheinen so verzaubert, als hätte sie ein Regisseur wie Wes Anderson in Szene gesetzt.

Darüber hinaus hat der Film auch eine interaktive Ebene: Statt belehrender Kommentare aus dem Off erzählt sich die Geschichte der Geräuschejäger über die Geräusche selbst. Künstler wie Sheldrake, Herbert und Bertolozzi, die alle ihren eigenen Weg gefunden haben, den akustischen Steinbruch zu erschließen und daraus große Kunst zu machen, kommen zu Wort, nicht aber die beiden Protagonisten Chiaverini und Parodi. Anders als ihre Umwelt, die akustisch in den Vordergrund rückt, bleiben die beiden stumm, sagen kein einziges Wort. Immer sind sie ganz Neugierde, „ganz Ohr“. Ihre Reise nach Berlin, Paris, London, Malmö und Baltimore unternehmen sie stellvertretend für den Zuschauer, der so eintaucht in dieses Universum des vermeintlich Alltäglichen.

 

Klang und Welt. Die Geschichte der Klangjäger ist längst nicht zu Ende erzählt. Der Vielfalt scheinen keine Grenzen gesetzt. Mal gestalten die Klangkünstler aus dem Vorgefundenen tanzbaren Pop, mal psychedelischen Folk, mal gedankenschwere Konzeptmusik für die Galerie oder die Akademie. Sie sind Forscher und Futuristen, die dem schon Vorhandenen einen Auftritt verschaffen – frei nach John Cage, der einmal sagte: „Ich habe keine Angst vor neuen Ideen. Wovor ich mich fürchte, das sind die alten Ideen.“

Es geht um Antworten auf neue Fragen. Wie hängen Stille und mangelnde Aufmerksamkeit für die Geräusche, die doch immer da sind, zusammen? Ist Lärm keine akustische Umweltverschmutzung mehr, sobald er organisiert ist, wenn sich das Chaos vom Klang trennt? Was passiert mit einem Geräusch, wenn ein Künstler Schwingungen bis in ihre Moleküle hinein manipuliert und etwa aus dem fernen Grollen einer explodierenden Fliegerbombe eine Meditation von mehr als 40 Minuten arrangiert? Ist ein Geräusch ohne Kontext reiner Klang?

Unsere Welt schwingt und teilt sich so unseren Sinnen mit. Das bewusste Wahrnehmen fordert jedoch Eigeninitiative. Und so kommt es auch bei den Geräuschen darauf an, inwiefern wir sie überhaupt erfassen, wie wir sie beurteilen wollen und was wir daraus machen. Für John Cage jedenfalls sind seine vier Minuten und 33 Sekunden niemals zu Ende gegangen. Noch Jahrzehnte später lauschte er täglich beglückt hinein in die unterdrückte, unbekannte, unerhörte Welt der Geräusche.

 

Arno Frank für das ARTE Magazin

 

ARTE Kulturdoku

Soundhunters

Donnerstag, 19.9. · 22.40

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter arte.tv/soundhunters

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Kategorien: September 2015