ENTDECKUNG

Zurück in die Wildnis

ZDF © ZDF/Dr. Dirk Rohrbach

ZDF © ZDF/Dr. Dirk Rohrbach

Auf den Spuren des Goldrauschs fuhr Reisejournalist Dirk Rohrbach in einem Birkenrindenkanu 3.000 Kilometer durch Kanada und Alaska. Was ihn auf den Yukon River zog und was er dort fand, erzählt er im Interview

Manche waren nicht sicher, ob sie ihn nach den drei Monaten wiedersehen würden. Wie kann man 3.000 Kilometer alleine von Kanada bis zum Beringmeer paddeln, in einem selbst gebauten Boot aus Birkenrinde, durch gefährliche Stromschnellen und um alte Schiffswracks herum? Reisejournalist Dirk Rohrbach blieb zuversichtlich und wagte den Weg in die Wildnis. Ein Abenteuer der besonderen Art, das ARTE in einer fünfteiligen Reihe zeigt.

 

ARTE: Sie sind auch nach dem Dreh für ARTE wieder in der Wildnis Alaskas unterwegs und schwer zu erreichen. Was haben Sie heute erlebt?


Dirk Rohrbach: Ich bin derzeit wieder mit dem Birkenrindenkanu auf dem Yukon, aktuell kurz vor Russian Mission, also für die Verhältnisse in Alaska nicht mehr sehr weit vom Beringmeer entfernt. Diesmal mache ich Fotos für einen Bildband und komme gerade aus einem Camp der Fischereibehörde, wo Lachse mit Sendern versehen werden, um Daten zu erheben.

 

ARTE: Sie haben in zwei Wochen mit einem Bootsbauer ein Kanu gezimmert und dann 3.000 Kilometer auf dem Yukon zurückgelegt. Was reizt Sie an einem solchen Abenteuer auf diesem Fluss?


Dirk Rohrbach: Es ist das langsame Vorankommen aus eigener Kraft. Das gibt mir auch die Zeit, alles um mich herum intensiv wahrzunehmen. Und entlang des Yukons bin ich die meiste Zeit in unberührter Wildnis.

 

ARTE: Welches war Ihr schönstes Naturerlebnis?


Dirk Rohrbach: Die Mitternachtssonne zu sehen, die niemals untergeht und den Himmel in immer neue Farben taucht. Und später im Jahr dann die Polarlichter, die schon im August tanzen können.

ZDF © Dirk Rohrbach/ZDF

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ARTE: Verändert sich das Verhältnis zur Natur auf einer solchen Reise?


Dirk Rohrbach: Ganz eindeutig. Man wird demütiger, weil man ihr so hautnah ausgesetzt ist, und dankbarer für die Schönheit. Zumindest mir geht es so. Und ich kenne niemanden, bei dem der Yukon nicht ähnliche Gefühle hinterlassen hätte.

 

ARTE: „Der Yukon ist ein guter Lehrmeister“, sagt ein hessischer Auswanderer in der Serie, den Sie getroffen haben. Was hat der Yukon Sie gelehrt?


Dirk Rohrbach: Dass man ihn niemals unterschätzen darf, weil sich Wetter und Bedingungen jederzeit ändern können. Der Yukon ist Natur und die Natur ist mächtig. Wir sollten uns nicht einbilden, sie beherrschen zu können. Stattdessen sollten wir ein bisschen mehr Respekt zeigen.

 

ARTE: Wie arrangieren sich die Menschen am Yukon mit der Wildnis?


Dirk Rohrbach: Der Yukon ist wie ein großer Supermarkt, sagen sie. Er bietet alles zum Überleben: Nahrung durch Jagen und Fischen und die Möglichkeit, sich im Boot oder mit dem Motorschlitten fortzubewegen. Ein Highway durch die Wildnis! Aber die Ureinwohner haben eben auch über Jahrtausende gelernt, sich auf den Fluss einzustellen.

 

ARTE: Sie haben auch die alten Zentren der Goldsucher gesehen wie zum Beispiel Dawson City. Herrscht dort noch immer Goldgräberstimmung?


Dirk Rohrbach: Ein bisschen schon. Es wird noch immer geschürft, allerdings geht es meist mehr um den Lifestyle als um das richtig große Geld. Das kann man heute nicht mehr machen.

 

ARTE: Ist vom alten Reichtum noch etwas übrig?


Dirk Rohrbach: Nein, nichts mehr. Manches Dorf entlang des Yukons, das zu Goldrauschzeiten viele Hunderte Einwohner hatte, besteht heute nur noch aus ein paar Häusern. Es gibt zu wenig Arbeit in den abgelegenen Dörfern und die meisten junge Leute zieht es heutzutage in die Städte.

ZDF © Viktor Stauder/ZDF

ZDF © Viktor Stauder/ZDF

ARTE: Welche Menschen leben heute am Yukon?


Dirk Rohrbach: Vor allem Athapasken-Indianer und im Delta Yupik-Eskimos, die vom Fischen und Jagen leben. Dazu ein paar Aussteiger und Freigeister, von denen ich einige getroffen habe.

 

ARTE: Welche Begegnung hat Sie am meisten beeindruckt?


Dirk Rohrbach: Die Begegnung mit Jake in Galena, der dort auch „The Mad Russian“ genannt wird. Manche halten ihn für verrückt. Er führt ein einfaches glückliches Leben ohne Besitz und sagte mir, der Yukon präge die Menschen mit seiner Weite und Majestät. Er ist ein wahrer Lebenskünstler.

ARTE: Haben auch Sie auf der Reise das einfache Leben für sich entdeckt?


Dirk Rohrbach: Ja, es gab immer wieder die Erkenntnis, wie wenig man zum Glücklichsein braucht, wie simpel und erfüllt das Leben sein kann, und wie sehr eine solche Reise und die Begegnungen einen erden. Und wie herzlich und hilfsbereit die Menschen sind, die am Fluss leben.

 

ARTE: Die Launen der Natur lassen sich nicht einplanen. Wie kann man sich auf eine solche Reise in die Einsamkeit vorbereiten?


Dirk Rohrbach: Mit guter Ausrüstung und viel Essen! Gesunder Menschenverstand hilft auch. Und ein sehr großzügiger Zeitplan.

 

ARTE: Gab es trotzdem gefährliche Momente?


Dirk Rohrbach: Der Yukon ist sicher nicht der gefährlichste aller Flüsse. Aber man darf ihn auch nicht unterschätzen. Wenn Wind und Wellen ins Spiel kommen, dann sollte man das Schicksal nicht in einem Kanu aus Birkenrinde herausfordern. Und hungrige Bären können einem durchaus auch begegnen. Ich wurde einmal beim Anlegen eine ganze Weile von einem Bären beobachtet. Als ich ihn endlich bemerkte, verzog er sich – zum Glück! So etwas kann aber auch unlustig enden, wenn der Bär länger nichts gefressen hat.

 

ARTE: Sie reisen nicht nur aus reiner Abenteuerlust. Was wollen Sie Ihren Zuschauern vermitteln?


Dirk Rohrbach: Ich möchte die Menschen inspirieren und ermutigen, ihre Träume zu leben. Und die wohltuende Weite und Freiheit der Wildnis zu erfahren. Von ihr können wir lernen, an ihr können wir wachsen.

 

 

Bettina Reichmuth für das ARTE Magazin

 

 

 

ARTE PLUS

DIRK ROHRBACH

1968 in Hanau geboren, studierte Dirk Rohrbach Medizin, arbeitet heute jedoch hauptberuflich als Journalist, Autor und Fotograf, vor allem in Nordamerika

DER YUKON RIVER

Der Yukon („Großer Fluss“) entspringt im westkanadischen Marsh
Lake, fließt durch Alaska und mündet ins Beringmeer. Mit seinen über 3.000 Kilometern Länge ist er der fünftgrößte Flusslauf Nordamerikas. Er wurde schon von den Ureinwohnern als Transportweg genutzt. Während des Goldrauschs am Nebenfluss Klondike erlangte er ab 1896 kurzzeitig Berühmtheit als Zufahrtsweg. Heutzutage wird er vor allem touristisch zunehmend attraktiv

ARTE DOKUREIHE

3.000 KILOMETER
YUKON – MIT
DEM KANU ZUM
BERINGMEER

VON MONTAG · 24.8. BIS
FREITAG · 28.8. · 16.00

(1) DAS KANU

(2) AUF DEM FLUSS

(3) WILLKOMMEN IN ALASKA

(4) AM POLARKREIS

(5) AM ZIEL

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Kategorien: August 2015