TYPISCH FRANKREICH
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Typisch Frankreich: Eine Stange fürs Leben

© Drushba Pankow

© Drushba Pankow

Eine Stange fürs Leben

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin folgt im August dem Duft einer großen Liebe. Warum können die Franzosen ohne ihr Baguette nicht leben?

Noch im schönsten Urlaubsparadies haben die Deutschen ein Problem: Es gibt kein gutes Brot. Kein einziges ihrer über 3.000 Sorten. Den Franzosen dagegen fehlt nur eins: „la baguette“, „die kleine Stange“. Ein paar Scheinvarianten, je nach Maß „flûte“ (Flöte) oder „ficelle“ (Faden), „bâtard“ (Mischling) oder einfach „pain“ (Brot) genannt, ändern nichts daran, dass die traditionellen Zutaten sich auf Weizenmehl, Wasser, Salz und Hefe beschränken, sie beim Abbrechen fürchterlich krümeln und so gut schmecken, dass 82 Prozent der Franzosen laut einer nationalen Umfrage nicht ohne sie leben könnten. Wahre Liebe also?

Da kann es sich nur um eine Dame handeln. Tatsächlich ist „la baguette“ weiblich – für Französischanfänger eine Alltagsfalle. Denn im Duft einer „boulangerie“ kann einem die Grammatik schnell mal entfallen. Von der Oberfläche des Baguettes schwärmte schon der Dichter Francis Ponge in seiner Prosasammlung „Im Namen der Dinge“: „Als lägen einem Alpen, Taurus und Kordilleren in der Hand.“ Denn außen springen nach dem Backen knusprige Gebirgszüge auf, innen bleibt es luftig und weich. Allerdings: Kaum ist es Abend, beißt man auf Stein. So backen die Bäcker nicht umsonst mehrmals täglich.

Und das seit 1830: Als in Frankreich das „Wiener Brot“, ein helles langes Brot mit Bierhefe und Milch, eingeführt wurde, war es steuerfrei und verbreitete sich schnell. Ohne Milch wurde es noch günstiger – das ideale Brot des Arbeiters. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg trat es seinen Siegeszug durch alle Klassen an. Sein Preis blieb aber noch bis 1986 geschützt.

Inzwischen ist das Baguette zum knusprigen Nationalsymbol avanciert. Selbstredend braucht es dafür Idealmaße, festgelegt zwischen 50 und 70 Zentimetern sowie 240 bis 340 Gramm. Und einen Backwettbewerb, der darüber entscheidet, welcher Pariser Bäcker den Präsidenten im Elysée-Palast ein Jahr lang beliefern darf. Dass diesen 2010 ein Bäcker senegalesischer Abstammung gewann, zählt wohl zu den Überraschungen der französischen Kolonialgeschichte.

Schließlich ist der Franzose längst zum „Homo baguettensis“ mutiert: Morgens liebt er sein Brot als „tartine“ mit Butter und Marmelade; mittags als schnelles Sandwich; nachmittags, mit einem Riegel Schokolade dazwischen, versorgt es die Kinder als „goûter“; und zum Abendessen ist es der perfekte Begleiter, ob im schicken Bistro oder im Altenheim, wo in die Suppe getunkt aus der Knusperkruste schnell ein gaumenfreundlicher Schwamm wird. Kein Wunder also, dass sich Franzosen auf Reisen nach ihrem Baguette verzehren. Denn selbst die deutschen Brotexperten, soviel ist sicher, kriegen es einfach nicht gebacken.

Bettina Reichmuth für das ARTE Magazin

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arte.tv/karambolage

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Kategorien: August 2015