ZEITGESCHICHTE

„Ich bin kein Held!“

ZDF © David Høgsholt

ZDF © David Høgsholt

Nie war die Welt einem Atomkrieg so nahe wie im Herbst 1983. Ein sowjetischer Oberst verhinderte die Katastrophe. ARTE verfilmt in einem Dokumentarfilm die wichtigsten Minuten im Leben des Helden, der keiner sein will.

 

Es ist dunkel, Glas splittert, und langsam, fast majestätisch erhebt sich eine Rakete senkrecht aus ihrem unterirdischen Depot, dann folgen weitere. Bald darauf fegt eine glühende, orange-rote Feuerwolke über die Erde. So muss es wohl sein, das Inferno, wie es in den ersten Bildern des Dokumentarfilms „The Man Who Saved the World“ zu sehen ist. Und vielleicht wäre es so gekommen, wenn an jenem 26.9.1983 nicht Stanislaw Petrow Nachtdienst im Gefechtsführungszentrum bei Moskau gehabt hätte.


Atomarer Irrsinn.


In Zeiten von Eurokrise, Bürgerkriegen und Flüchtlingsströmen ist längst in Vergessenheit geraten, vor welchem Abgrund die Welt 1983 stand. Es war die Hochzeit des Kalten Krieges, der um ein Haar kurz und sehr heiß geworden wäre. UdSSR und USA rangen um Macht und Einfluss in der Welt. Während die einen in Afghanistan einmarschierten, besetzten die anderen die Karibikinseln Grenada. Und ihre führenden Repräsentanten, der greise Leonid Breschnew und der „Cowboy“ Ronald Reagan, glichen unversöhnlichen Sturköpfen. 1983 war das Jahr, in dem beide Länder in Europa Atomwaffen stationierten und Reagan den Aufbau eines Schutzschildes gegen Interkontinentalraketen im Weltraum ankündigte. In einer Fernsehansprache bezeichnete er die Sowjetunion als „Reich des Bösen“. Die wiederum machte diesem Namen zweifelhafte Ehre, als sie eine koreanische Passagiermaschine mit 269 Menschen an Bord wegen angeblichen Eindringens in ihren Luftraum abschoss. Die Lage war äußerst angespannt. „Der kleinste Funke hätte die Zerstörung unserer Zivilisation bedeuten können“, sagt Petrow. „Die Welt spielte verrückt. Eine falsche Bewegung, und sie wäre untergegangen.“ Er hat diese Sätze oft gesagt, seit die Menschheit darauf aufmerksam wurde, was er verhindert hatte.


Auf Messers Schneide.


Petrow ist ein kleiner bescheidener Mann mit gütigem Blick und bisweilen aufbrausendem Gemüt. Im Film, eine bemerkenswerte Dokumentation mit Spielszenen, ist das mehrfach zu sehen. Er ereifert sich, etwa wenn ihm Fragen zu privat sind, und fährt oft unvermittelt aus der Haut. Zugleich aber sind da das warme, unsichere Lächeln, die Freude über die späte Anerkennung und der kindliche Stolz, etwa in den USA sein Idol Kevin Costner zu treffen. Die Szene zählt zu den stärksten Momenten des Films: Wie Costner den Raum betritt, und Petrow nach langen Momenten des Schweigens erzählt – von der atomaren Bedrohung und der Schönheit der Erde. Auf einmal kehren sich die Verhältnisse um: Jetzt ist Petrow der Held, der vermutlich auch dem Kinostar damals das Leben rettete.
1983 ist Stanislaw Petrow Oberst der sowjetischen Luftverteidigung und lebt mit seiner Familie 50 Kilometer südlich von Moskau. Sein Dienst ist streng geheim; offiziell arbeitet er im „Zentrum zur Beobachtung von Himmelskörpern“. Was nach Astronomie klingt, dient der Abwehr militärischer Bedrohung. Petrow arbeitet im Gefechtsführungszentrum. Sollte es einen Nuklearangriff geben, muss er binnen Minuten den Gegenschlag veranlassen.

 

ZDF  © Anders Lövet Löfstedt

ZDF © Anders Lövet Löfstedt

 

Am 25. September 1983 übernimmt er außerplanmäßig die Nachtschicht. Von seinem Platz blickt Petrow auf 200 Offiziere, die an den Steuerpulten der Raketen sitzen. In ihrem Tagesbefehl hat die Armeeführung abermals auf die angespannte Lage hingewiesen, doch bis kurz nach Mitternacht läuft alles normal. Um 00.15 Uhr gibt es Alarm, eine Sirene heult, und auf der Anzeigetafel blinkt in roten Lettern „Raketenstart“, mit maximaler Wahrscheinlichkeit von einer Militärbasis der USA. Petrow ist wie vom Blitz getroffen, die Offiziere blicken zu ihm. In weniger als 20 Minuten würde die Rakete über der Sowjetunion sein. Petrow zögert. „Der Computer meldete eine einzelne Rakete. Wir hatten erwartet, dass der Gegner massiv zuschlägt“, erzählt er. Die Reaktion auf einen Massenstart hatten sie oft geprobt: Während amerikanische Raketen Richtung Moskau flögen, würde Moskau Raketen nach Washington schicken. „Die Amerikaner hätten nur wenige Minuten länger als wir gelebt“, sagt Petrow. „So war die verrückte Logik des Kalten Krieges.“ Man rechnete damals mit 20 Millionen Toten auf beiden Seiten. Mit den Bomben von Hiroshima und Nagasaki waren die modernen Sprengköpfe nicht zu vergleichen, jeder einzelne besaß mehr Zerstörungskraft als alle Bomben des Zweiten Weltkriegs zusammen.
Petrow meldet einen Fehlalarm und noch während des Telefonats mit seinem Vorgesetzten heult die Sirene abermals; der Computer meldet eine zweite Rakete, bald darauf eine dritte, vierte, fünfte, alle mit maximaler Wahrscheinlichkeit. Die Offiziere drängen Petrow zum Handeln, aber er zweifelt. Er weiß, dass seine Entscheidung niemand mehr korrigieren würde. „Die ganze Verantwortung lag bei mir.“ Schließlich entscheidet er, keinen Gegenschlag zu veranlassen. 17 schier endlose Minuten dauert es bis zur Gewissheit: Es war ein Fehlalarm. Nicht auszudenken, hätte in jener Nacht ein Hitzkopf, von denen es auf beiden Seiten etliche gab, das Kommando gehabt. „Es ist unvorstellbar, was mit unserem Planeten passiert wäre“, sagt Petrow. Was genau den Fehlalarm auslöste, wurde nie geklärt. Möglich, dass Satelliten von der Erde reflektierende Sonnenstrahlen als US-Raketenstart interpretiert hatten.


Späte Anerkennung.


Dank oder gar Lob erhielt Stanislaw Petrow lange nicht; der Vorfall wurde geheim gehalten. Petrow schied bald darauf aus dem Militärdienst aus, um sich um seine kranke Frau zu kümmern. Erst 1993 berichtete die „Prawda“ über ihn, doch seine Landsleute nahmen kaum Notiz. Inzwischen Witwer, lebte Petrow verarmt und zurückgezogen in einer kleinen Plattenbau-Wohnung in einem Moskauer Vorort. Anerkennung widerfuhr ihm erst Jahre später im Ausland: 2006 wurde er in die USA eingeladen, von der UNO erhielt er den „World Citizen Award“ und reiste anschließend durch Amerika. Er wurde als Held gefeiert, und immer wieder vorgestellt als „Der Mann, der die Welt rettete“. Petrow, das zeigen die Dokumentaraufnahmen, war der Rummel sichtlich unangenehm. Ab und an aber blitzte auch Stolz auf, Stolz auf die späte, doch umso größere Anerkennung. „Aber ich bin kein Held“, wiederholte er. „Ich war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

 

Stefan Locke für das ARTE Magazin

 

 

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ATOMWAFFEN WELTWEIT

WIE VIELE?

Das „Nuclear Notebook“, ein von amerikanischen Wissenschaftlern jährlich herausgegebener Bericht zum Bestand von Atomwaffen,
listet für 2014 16.300 Atomsprengköpfe weltweit auf, die in insgesamt 14 Ländern stationiert sind

UNSERE ATOMARE WELT

Die USA (7.300) und Russland (8.000) verfügen nach wie vor über das größte Arsenal an atomaren Sprengköpfen weltweit; Frankreich besitzt 300, China 260, Großbritannien 225, Pakistan 110, Indien 100, Israel 80 (geschätzt) und Nordkorea sieben Atomsprengköpfe.

EINE FRAGE DES RECHTS?

Der Atomwaffensperrvertrag teilt die Staatengemeinschaft in drei
Kategorien: offiziell anerkannte Atommächte (USA, Russland, GB, China, Frankreich); Staaten ohne Atomwaffen, aber mit Recht auf zivile Nutzung von Atomkraft (alle restlichen 191 Unterzeichnerstaaten); und De-facto-Atomstaaten (Indien, Pakistan, Israel, Nordkorea)

AB- ODER AUFRÜSTUNG?

Mit dem „New START“-Vertrag (2011) verpflichteten sich die USA und Russland, den Bestand an
strategischen Nuklearwaffen auf je 1.500 Stück zu reduzieren, doch es wird kräftig investiert: So planen die USA, 350 Mrd. Dollar in die Modernisierung ihrer Waffen zu stecken

ENDE IN SICHT?

„Global Zero“ bezeichnet allgemein das Ziel vollständiger nuklearer
Abrüstung und ist gleichzeitig der Name einer zivilgesellschaftlichen Bewegung mit Führungspersönlichkeiten aus Politik und Militär, die sich für eine schrittweise multilaterale Abrüstung einsetzt

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70 JAHRE HIROSHIMA UND NAGASAKI
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COUNT-DOWN IN EIN NEUES ZEITALTER: HIROSHIMA

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JOHN VON NEUMANN:
DER DENKER DES COMPUTER-ZEITALTERS

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THE MAN WHO SAVED THE WORLD:
DER MANN, DER DIE WELT RETTETE

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Kategorien: August 2015