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Die Gitarre lebt!

ARTE © Cal Bernstein/Authentic Hendrix, LLC

ARTE © Cal Bernstein/Authentic Hendrix, LLC

 

Grenzenlos tiefgründig und explosiv – diese Mischung machte aus dem Paradiesvogel Jimi Hendrix den größten Gitarristen des Rock. Im „Summer of Peace“ erinnert ARTE an einen elektrisierenden Klang-Kosmos.

Als Jimi Hendrix am 18. Juni 1967 für sein erstes Konzert auf amerikanischem Boden die Bühne des International Pop Music Festival Monterey betritt, wirkt er wie ein Paradiesvogel des Pop: Mit gelb-weiß gestreiftem Rüschenhemd, einer Federboa, roter Samthose, goldbestickter Weste, goldenen Amuletten und einem um die Hüften geschlungenen Tuch kracht er sofort in den ersten Song „Killin’ Floor“. Die Atmosphäre wird immer hitziger, ein Flächenbrand der Gefühle liegt in der Luft.

 

Meister des Bühnenspektakels.

Nach drei Stücken ist die Gitarre bereits hoffnungslos verstimmt. Doch wen stört das? Die Band The Jimi Hendrix Experience zelebriert eine Minute lang eine kalkulierte Kakofonie aus kreischenden Sounds, pfeifendem Feedback und jaulenden Akkordsplittern. Der Drummer Mitch Mitchell treibt mit wilden Wirbeln das Trio in den Song „Wild Thing“. Und Jimi zieht jetzt alle Register: Er spielt die Gitarre zwischen den Beinen, auf den Knien, hinter dem Rücken. Er knallt sie vor den Verstärker, rammt den Hals in die Lautsprecherboxen, setzt sich rittlings auf das Instrument. Wie von Sinnen reißt Hendrix am Vibratohebel seiner Fender-Strat, zitiert mit nur einer Hand für Sekunden Frank Sinatras „Strangers in the Night“. Dann legt er mit zärtlichem Gestus die Gitarre als Opfergabe auf den Boden, streichelt sie mit seinen Händen und spritzt in fast obszöner Pose Feuerzeugbenzin auf den Instrumentenkörper. Noch einmal – wie zum Abschied – küsst er ihren Hals und zündet die geliebte Gitarre an.
Hendrix kniet sich vor das Kultobjekt und lockt wie ein Voodoopriester die Flammen mit beschwörenden Handbewegungen empor. Dann greift er sich das brennende Instrument, wirbelt es wie einen Baseballschläger durch die Luft und knallt es einmal, zweimal auf den Bühnenboden, bis der Gitarrenhals sich endgültig löst. Die ganze Zeit über bleibt die Gitarre an die Marshall-Verstärkertürme angeschlossen und gibt Geräusche von sich wie ein waidwundes Tier. Am Ende schleudert Hendrix ihre Einzelteile in die Menge. Das Publikum ist fassungslos angesichts dieser brutalen Orgie.

 

ARTE © Cal Bernstein/Authentic Hendrix, LLC

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Wildes Symbol der 1960er.

Was die Gemüter aber vor allem erhitzte, waren die offensichtliche Sexualität und Chuzpe vor laufenden Filmkameras, mit der Jimi an die körperbetonten, afro-amerikanischen Techniken im Rhythm ’n’ Blues gemahnte. „Gitarrenzerstörung“ war mit Hendrix’ Monterey-Auftritt endgültig zu einer künstlerischen Performance geworden. Während auch Pete Townshend von The Who seine Gitarre auf der Bühne gerne zu Kleinholz verarbeitete, erfand Jimi Hendrix die Gitarrenverbrennung, für ihn ein Opferritual: „Man opfert nur die Dinge, die man liebt. Und ich liebe meine Gitarre.“
Diese spektakuläre Aktion, seine Attitüden und sein Gitarrenspiel in den unmöglichsten Posen – hinter dem Kopf, auf dem Boden liegend, mit Zähnen und Zunge – sollte das Bild des Ausnahmemusikers bestimmen. Von seinem Management wurde er schnell zum „wilden Mann des Pop“ stilisiert, war als psychedelischer Prediger und Drogenprophet verschrien. In ihm bündelten sich die 1960er Jahre wie in einem Brennspiegel: rau, rebellisch und vom Glauben an die bewusstseinserweiternde Kraft der Rockmusik beseelt.

Brachiale Sounds für den Frieden.

Zum aufrührerischen Symbol der ganzen Dekade avancierte Hendrix’ Lesart von „The Star Spangled Banner“ beim Woodstock-Festival 1969. Heute weiß man, dass seine brachiale Verfremdung der amerikanischen Nationalhymne zuallererst musikalische Gründe hatte: Hendrix wollte die neuen Ausdrucksmöglichkeiten der E-Gitarre an einer allseits vertrauten Melodie demonstrieren. Erst der Kontext des Love-&-Peace-beseelten Festivals konnte aus seiner Interpretation jene Anklage gegen den Vietnamkrieg und einen versteinerten American Way of Life machen. Nicht nur die Festivalbesucher, auch die Millionen Zuschauer des Films und Hörer des Albums nahmen die Hendrix-Hymne als subversive Friedensdemonstration wahr.

 

ARTE © Cal Bernstein/Authentic Hendrix, LLC

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Die Wiedergeburt der E-Gitarre.

Bald 50 Jahre nach Hendrix’ Tod hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen: Im Mittelpunkt des Interesses steht nicht länger der exaltierte Paradiesvogel als vielmehr die unzerstörbare Substanz seiner Musik, die die Geschichte der E-Gitarre in eine Geschichte vor und nach Hendrix teilt. Natürlich gab es schon vor Jimi begnadete Gitarristen, die ihr Instrument als visionäre Stimme nutzten. Doch als Hendrix mit Songs wie „Purple Haze“ oder „Manic Depression“ in die Rockszene hineinexplodierte, war schlagartig klar: Hier handelte es sich um eine völlig neue Musik jenseits aller Vorstellungskraft. Sie erwuchs aus der E-Gitarre, die nicht länger ein Werkzeug zu sein schien, sondern ein eigener Klang-Kosmos. Hendrix wollte mit seiner Musik, wie er 1970 äußerte, „Bilder der Erde und des Weltraums malen, die den Zuhörer auf eine Reise mitnehmen. Es wird eine Musik sein, die im Innern der Menschen etwas gänzlich Neues zum Klingen bringt.“
Blickt man zurück auf die führenden Rock-gitarristen Mitte der 1960er Jahre in England – von George Harrison über Eric Clapton bis Jeff Beck –, so fällt sofort auf, dass sie bei aller Virtuosität ihr Instrument noch wie eine Art Prothese handhabten. Hendrix dagegen tanzte mit seiner Gitarre und hob die Distanz zwischen seiner Leiblichkeit und dem fremden, äußerlichen Gegenstand auf. Danach war die E-Gitarre ein anderes Instrument geworden, nein, mehr als das: Sie glich jetzt einem Körperteil mit ungeahnten Fähigkeiten. Sie konnte andere Körper in Schwingung versetzen, sie lieb-kosen, verletzen, beruhigen.

Galaktische Klänge, irdischer Blues.

Das Geheimnis von Jimis Faszinationskraft bestand darin, dass er mit den Schallwellen seiner Musik bei den Konzerten die Zuhörer körperlich berühren konnte. Der Sound mit seinen kalkulierten Ober- und Differenztönen „fasste“ sie an, löste im Idealfall mit seinen Schwingungen beim Hören eine „Körperverwandlungskraft“ aus: „Was so viele am Anfang des Hendrix-Hörens als ‚Brutalität‘ empfanden, entpuppt sich als Wärme, als Umschmelzkraft“ (Klaus Theweleit). Dieses Sound-Mysterium, das sich beim Hören von Jimis Platten erst ab einer bestimmten Lautstärke entwickelt, war für viele Besucher seiner Konzerte unmittelbar erlebbar. Kein anderer Rockgitarrist vor oder nach ihm erreichte eine solch schwerelose Einheit von körperlichen Bewegungen und klanglicher Dynamik.
Jimi Hendrix war kein Technikvirtuose, er war ein Gefühlsmensch; kein Ökonom, sondern ein Herzensbrecher. Auf allen seinen Ausflügen in ferne Soundgalaxien behielt sein Spiel die Erdenschwere des Blues. Man kann im Falle von Jimi Hendrix durchaus von einer „zweiten Elektrifizierung der Gitarre“ sprechen. Denn seine Gitarrensounds waren lebendiger, ja sprachähnlicher und zugleich monumentaler als alles, was bis dato von anderen E-Gitarristen zu hören war. Fast ist man versucht, zu sagen: bis heute zu hören ist.

 

Peter Kemper für das ARTE Magazin

 

ARTE SCHWERPUNKT
SUMMER OF PEACE

PICTURES FOR PEACE
KURZFILMREIHE
SAMSTAG · 1.8. · 19.10

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DOKUMENTARFILM
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MUSIKDOKU
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BERLIN LIVE SPECIAL: ERIC BURDON
KONZERT
SAMSTAG · 1.8. · 23.50

PAUL SIMON, GRACELAND: THE AFRICAN CONCERT
KONZERT
SAMSTAG · 1.8. · 00.55

PICTURES FOR PEACE
KURZFILMREIHE
SONNTAG · 2.8. · 19.10

LOCKENDE VERSUCHUNG
WESTERN
SONNTAG · 2.8. · 20.15

KUNDUN
FILMBIOGRAFIE
SONNTAG · 2.8. · 22.35

PICTURES FOR PEACE
KURZFILMREIHE
SAMSTAG · 8.8. · 19.10

NO DIRECTION HOME – BOB DYLAN
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SAMSTAG · 8.8. · 21.50

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ENEMY MINE – GELIEBTER FEIND
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PEACE ‘N‘ POP (1/2)
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SONNTAG · 9.8. · 22.00

PEACE ‘N‘ POP (2/2)
MUSIKDOKU
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PICTURES FOR PEACE
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NIE WIEDER KRIEG!
GESCHICHTSDOKU
SONNTAG · 16.8. · 18.15

PICTURES FOR PEACE
KURZFILMREIHE
SONNTAG · 16.8. · 19.10

SCHREI NACH FREIHEIT
DRAMA
SONNTAG · 16.8. · 20.15

PICTURES FOR PEACE
KURZFILMREIHE
SAMSTAG · 22.8. · 19.10

LIVING IN THE MATERIAL WORLD – GEORGE HARRISON
DOKUMENTARFILM
SAMSTAG · 22.8. · 22.00

JOHN LENNON – THE ONE TO ONE CONCERT FILM
KONZERT
SAMSTAG · 22.8. · 01.30

PICTURES FOR PEACE
KURZFILMREIHE
SONNTAG · 23.8. · 19.10

DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN
ANTIKRIEGSFILM
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HAIR
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SONNTAG · 23.8. · 23.10

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Kategorien: August 2015