TYPISCH FRANKREICH

Typisch Frankreich: Niemals Nackig

© Drushba Pankow

© Drushba Pankow

Niemals Nackig

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche. Im Bademonat Juli: Warum Franzosen sich bedeckt halten. Über Körperkultur.

Da ist sie wieder, die Sommersaison, in der wir schwitzen, baden, uns im Schwimmbad tummeln. Und wer schwimmt, duscht. Wobei Duschen nicht gleich Duschen ist. Viele Deutsche ziehen im Schwimmbad ihre Badesachen aus und waschen sich am ganzen Körper, auch in der Gemeinschaftsdusche. Für Franzosen ein Unding, denn, oh Gott, dabei kann das Ungeheuerliche, das Unvorstellbare, das Hochnotpeinliche geschehen: dass wildfremde Menschen einander nackt sehen.

Franzosen sind prüde, stockprüde. Das ist der Grund dafür, warum sie sich nach dem Schwimmen unter der Dusche nur ein bisschen nass machen und behaupten, sich später zu Hause zu waschen. Über die „guten Sitten“ wachen manchmal auch Schilder mit der Aufschrift „Badebekleidung ausziehen verboten“, „Interdiction d’enlever le maillot de bain“.
Ah, „la pudeur“, die französische Schamhaftigkeit! Schon der große Molière, immer voller ätzender Ironie, brachte es in seinem Stück „Tartuffe“ auf den Punkt: „Bedecken Sie diesen Busen, den ich
nicht sehen darf“, „Couvrez ce sein que je ne saurais voir“, lässt Molière Tartuffe (gespielt?) entsetzt ausrufen, denn, Hilfe, der Anblick einer Frauenbrust wecke sündige Gedanken! Der Ausspruch wurde zum geflügelten Wort und Tartuffe zum Inbegriff der Heuchelei.

Waren Sie schon in Frankreich in der Sauna? Sollten Sie diesen Schritt wagen, lassen Sie bloß Ihre Badebekleidung an. Wenn es eines in Frankreich nicht gibt, sind es Nackte in der Sauna. Allein die Vorstellung ist für Franzosen peinvoll und treibt ihnen die Schamesröte ins Gesicht. Frankreich ist katholisch geprägt; hier sind Körper sexuell, seit Eva den Apfel pflückte. Wer meint, er könne sich eben mal so per FKK vom Trieb aller Triebe befreien, ist naiv, Deutscher oder Skandinavier. Viele Deutsche glaubten an die Freikörperkultur, seit die ersten Naturisten im 18. Jahrhundert das Nackedeitum zum Programm erhoben (und Naturisten waren oft Protestanten). Daher lassen Deutsche ihre Kinder unterm Rasensprenger toben, wie Gott sie schuf, und baden nackt im Baggersee. Sie denken sich nichts dabei. Oder haben sie keine Triebe?

Wie auch immer, Französinnen zeigen im Alltag sehr viel mehr Bein und Dekolleté als Deutsche es tun, und das wiederum ist gesellschaftsfähig. Paradox? Vielleicht ist es so: Deutsche beherrschen die Kunst, unbekümmert in der Öffentlichkeit nackt zu sein, Franzosen sind Meister des Ver- und Enthüllens, ohne je alles zu zeigen. Der Franzose bewahrt das Geheimnis, das unter der Kleidung steckt, und beflügelt die Fantasie des Betrachters. Denn die nackten, nüchternen, unverstellten Tatsachen, das wissen wir alle, laden selten zum Träumen und Verweilen ein.

Katja Ernst für das ARTE Magazin

Weitere französische und auch deutsche

Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30

arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ aus der ARTE Edition

 

 

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Kategorien: Juli 2015