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Spiel mir das Lied vom Frieden!

ZDF / © Birgit Herdlitschke

ZDF / © Birgit Herdlitschke

Kann Pop die Welt retten? Er kann die Menschen verändern – sagt Regisseurin Birgit Herdlitschke. In ihrem Film „Give Peace a Chance“ geht sie der Kraft von Friedenshymnen nach. Ein Statement zur Macht der Musik.

In „Strange Fruit“ prangerte Billie Holiday 1939 mit zarter wie durchdringender Stimme den Rassismus in den USA an, mit „Give Peace a Chance“ schuf John Lennon 1969 in klarer Botschaft und simpler Melodie die Friedenshymne schlechthin. Und mit ihrer berühmten Interpretation von „We Shall Overcome“ solidarisierte sich die Folksängerin Joan Baez in den 1960ern mit der US-Bürgerrechtsbewegung. Es sind Songs, die die Massen bewegten und weltweit die Friedensbewegung prägten. Aber haben sie die Welt friedlicher gemacht? Was macht erfolgreiche Protesthymnen aus? Und gibt es sie noch heute? Darüber spricht die Filmemacherin Birgit Herdlitschke im ARTE Magazin. Zum „Summer of Peace“ geht sie in ihrem Dokumentarfilm „Give Peace a Chance – Kann Pop die Welt retten?“ der Kraft der Friedens- und Protestliedkultur nach.

 

» Der Erfolg von Friedens- und Protestsongs hängt von einer gewissen Grundkraft der Künstler ab. Wichtig ist es, eine Meinung zu haben, sie furchtlos rauszuschreien und zu 150 Prozent dahinterzustehen. Das vereinte zum Beispiel grundverschiedene Musikgrößen wie die Jazzlegende Billie Holiday, die Liedermacherin und Pazifistin Joan Baez oder einen Star wie Bob Dylan. Das Gleiche gilt auch für die Reggae-Ikone Bob Marley und für den Friedensaktivisten John Lennon. So mag die Botschaft von Lennons Song „Give Peace a Chance“ erst einmal banal klingen. Aber ich denke, dass genau diese Banalität zum Erfolg dieses Lieds beigetragen hat. Wenn jemand singt „Gib dem Frieden eine Chance!“, dann denkt jeder: „Klar, warum nicht?“ Darauf können sich alle einigen. Es ging um keine konkret geäußerte politische Forderung, das Lied war in keiner Weise unbequem und jeder konnte mitsingen.
Popmusik hat meine Sicht auf die Welt sehr, sehr stark geprägt. Als ich jung war, habe ich zum Beispiel Ska geliebt. Bands wie The Specials waren für mich wichtig. Ein Song wie „Racist Friend“, in dem es heißt „If you have a racist friend, now is the time for your friendship to end“ war ein klares Statement. Zumal die Band auch aus Schwarzen und Weißen bestand. So eine Musikerfahrung vorgelebt zu bekommen, war sehr prägend. Ich dachte mir: „Das sind Leute, die ich cool finde und die machen das so.“ Das beeinflusst die jungen Leute auch heute noch stark – im Guten wie im Schlechten. Musik ist ein sehr kraftvolles Instrument, weil es die Emotionen der Leute so erreicht wie sonst keine andere Kunstform. Wenn sie einen erwischt, dringt so eine Melodie sofort in Herz und Seele. Das wissen natürlich auch die Kriegsführer, seit Jahrtausenden wird mit Musik in den Krieg marschiert. Auch Neonazis nutzen die Kraft der Musik. Bei ihnen ist sie aber zum Glück so stumpf, dass sie alles andere als sexy ist. Die Wirkung von Musik auf Menschen und ihr starker Einfluss – verglichen mit dem aus der Politik oder dem Elternhaus – hängen natürlich auch mit dem Alter zusammen, in dem man anfängt, Musik zu hören. Die Teenagerzeit ist eine entscheidende Phase, eine Zeit, in der man seine eigene Identität erforscht und Erwachsene so wahnsinnig uncool findet. Für Einflüsse aus der Musik sowie von Gleichaltrigen ist man dementsprechend auch empfänglicher.

 

ZDF / © Birgit Herdlitschke

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Musik kann sicherlich nicht den Mangel an politischen Visionen ersetzen. Da würde man ihre Macht überschätzen. Bob Marley zum Beispiel vereinte 1978 beim „One Love Peace Concert“ in Kingston in seiner berühmt gewordenen Geste auf der Bühne die Hände zweier verfeindeter jamaikanischer Politiker. Danach gingen die Streitereien aber weiter. Und dennoch: Denkt man daran, dass John Lennon damals wegen seiner großen Bedeutung als Musiker und seiner pazifistischen Ansichten vom FBI überwacht wurde, also als gefährlich eingestuft und beinahe aus den USA ausgewiesen wurde, dann sieht man klar, wie stark sein Einfluss war.

Musik hat trotzdem nicht mehr die identitätsstiftende Kraft, die sie vor 40, 50 Jahren hatte. Das mag vielleicht daran liegen, dass unsere Welt komplexer geworden ist. Womöglich war es in den 1960ern und 70ern auch einfacher, gute Protest- und Friedenslieder zu schreiben, weil es noch nicht so viele Songs und Musiker gab und der Zynismus nicht so ausgeprägt war. Hinzu kommt, dass es auch nicht mehr die eine große Protestbewegung gibt, alles ist viel fragmentierter. Dennoch bewirkt Musik sicherlich auch heute noch Veränderungen. Jeder kann versuchen, durch sie seinen Standpunkt zu zeigen und sich für etwas einzusetzen. So hat zum Beispiel Beyoncé als Mainstream-Popstar 2014 in ihrem Song „Flawless“ Auszüge aus einer feministischen Rede der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie eingebaut. Das mag weniger radikal sein als das Lied „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ der Rockband Ton Steine Scherben aus dem Jahr 1969 oder der Sex-Pistols-Song „Anarchy in the UK“ von 1976. Und trotzdem erreicht man dadurch vielleicht kleine Veränderungen.
Auch heute noch kann man tolle Songs für eine bessere Welt schreiben. Zum Beispiel hat der Sänger Marcus Wiebusch im letzten Jahr mit seinem Lied „Der Tag wird kommen“ einen Riesenerfolg gefeiert. Es ist eine Hommage an Toleranz und äußert die Hoffnung, dass Homosexualität im Fußball irgendwann zur Selbstverständlichkeit wird. Ich denke auch an den US-Singer-Songwriter John Grant, der mit dem 2013 veröffentlichten Stück „Glacier“ ebenfalls gegen Homophobie protestiert. Und auch die Popmusikerin Lady Gaga macht sich mit ihren schrillen Auftritten für Queerness stark.
Prinzipiell gibt es für gelungene Friedens- und Protestmusik keine Regeln. Sie funktioniert auch genreübergreifend. In der Klassik beispielsweise durch Daniel Barenboims West Eastern Divan Orchestra. Wenn dieses Orchester in seiner besonderen Besetzung von Palästinensern und Israelis etwa Beethovens Neunte mit der „Ode an die Freude“ spielt, dann spielt es für mich eines der kraftvollsten Friedenslieder aller Zeiten. Aber natürlich ist Pop die zeitgemäßere Form, die Massen zu erreichen. Ein nicht zu vernachlässigender Faktor für den Erfolg eines Friedens- und Protestlieds ist meines Erachtens ebenfalls Humor. Ich mag es, wenn auch ernste Themen mit einem Augenzwinkern angegangen werden. Deswegen gefällt mir beispielsweise der Song „I-Feel-Like-I’m-Fixin’-to-Die Rag“ von Country Joe McDonald, den er 1969 beim Woodstock-Festival sang. Darin protestierte er auf ironische Weise gegen den Vietnamkrieg und die US-Politik. Bei allem angemessenen Ernst des Themas darf man eben nicht vergessen, dass Popmusik auch Unterhaltung ist. Deswegen halte ich es für gut und wichtig, eine Leichtigkeit in diese Art von Songs mit hineinzubringen.

 

„Ich weiß nicht, ob Musik die Welt verändert, aber Musik kann die Menschen verändern und Menschen sind die Welt.“ Das sagt der großartige britische DJ und Filmemacher Don Letts in meinem Film. Was also die Frage angeht, ob Musik die Welt besser und friedlicher machen kann, kann ich aus meiner Erfahrung heraus Letts Äußerung genauso unterschreiben. Musik kann die Denkweise von Leuten verändern, den Blick, den sie auf die Welt haben. Das ist, glaube ich, ein sehr entscheiden-der Hebel, um anschließend zu überlegen, ob man vielleicht doch etwas verändern muss, möchte oder kann.

 

Jana Idris für das ARTE Magazin

ARTE SCHWERPUNKT

SUMMER OF PEACE

GIVE PEACE A CHANCE – KANN POP DIE WELT RETTEN? DOKUMENTARFILM
SONNTAG · 19.7. · 22.10

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Kategorien: Juli 2015