THEATER

Richard, der Wolf in uns?

ARTE France / © La Compagnie des Indes/Arno Declair

ARTE France / © La Compagnie des Indes/Arno Declair

Keiner ist so amoralisch wie Shakespeares mordender Krüppel Richard III. Was hat dieser Bösewicht mit uns zu tun? Regisseur Thomas Ostermeier über
seine Inszenierung mit Lars Eidinger als Richard, die nun bei ARTE läuft. Ein Interview.

 

Richard, Herzog von Gloucester, ist hässlich, missgestaltet – und skrupellos. Noch ist sein Bruder Edward auf dem Thron, dank diverser Morde, die Richard begangen hat. Doch auch er wird Richards Opfer auf dem Weg an die Macht – und nicht nur er. Mit dem zutiefst amoralischen Helden aus „Richard III.“, einem der frühen Stücke Shakespeares, betrat der Prototyp des Bösewichts die Weltbühne. Thomas Ostermeier hat „Richard III.“ für die Berliner Schaubühne inszeniert und gastiert nun beim Theaterfestival Avignon. Das ARTE Magazin traf den international beachteten Regisseur in Berlin und sprach mit ihm über Erfolg und Anspruch, das Böse als Komplize des Publikums und wie es ist, von den Franzosen geliebt zu werden.

 

ARTE: Was interessiert Sie daran, vor allem Klassiker, zuletzt Shakespeare, zu inszenieren?

THOMAS OSTERMEIER: Polemisch gesagt: dass es keine Klassiker sind. Vor dem Hintergrund der Diskussion über altes Theater, konventionelles Theater, Texttheater, postdramatisches Theater und Textflächen ist Shakespeare der Dichter, der am collagenhaftesten arbeitet, der die meisten Stile zusammenbringt. Man muss das Komische beherrschen, die Intrige, Liebesszenen, Rampentheater und die Tragödie. Für mich ist Shakespeare kein klassischer Autor, sondern ein riesiges Bergwerk mit Bodenschätzen, in dem jede Generation ein bisschen an der Wand kratzt.

ARTE: Warum „Richard III.“?

THOMAS OSTERMEIER: Es ist eine Herausforderung, diese auf den ersten Blick lineare Geschichte eines Bösewichts so zu durchdringen, dass man vielleicht begreift, woher seine Motivation kommt, wie er sozialisiert wurde. Und mich hat auch der Entertainment-Charakter von Richard sehr interessiert, also Richard als Komplize des Publikums.

ARTE: Inwiefern?

THOMAS OSTERMEIER: In den allegorischen Morality Plays, den Vorläufern des elisabethanischen Volkstheaters, hatten die Tugenden ihre Auftritte von der Seitenbühne, das Laster seinen Auftritt aus dem Publikum heraus. Das Laster war, und das ist meine Lesart für „Richard III.“, ein Vertreter des Publikums auf der Bühne. Richard lebt stellvertretend etwas aus, was wir als abgründige Triebe – Todestrieb, Gewalttrieb, amoralischer Trieb – in uns tragen, das aber glücklicherweise durch die Zivilisation im Zaum gehalten wird. Das Theater ist der Ort, an dem man all das ausagieren kann. Mit „Richard III.“ funktioniert das sehr gut.

ARTE: Wie interpretieren Sie das Phänomen Richard? Wie würden Sie den Satz vervollständigen: Mein Richard ist …?

THOMAS OSTERMEIER: Zunächst einmal ist mein Richard nicht. Er ist nicht etwas, von dem ich weiß, was es ist, sondern was ich versuche, in der Aufführung zu erfahren. Wahrscheinlich ist er der Wolf, der in mir schlummert, der in jedem von uns zum Vorschein kommen kann. Ich finde, vordergründige historische oder gesellschaftskritische Analogien sind für einen so schillernden, komplexen Stoff immer eine Reduktion auf eine Boulevard-Titelzeile.

 

ARTE France / © La Compagnie des Indes/Arno Declair

ARTE France / © La Compagnie des Indes/Arno Declair

 

ARTE: In Shakespeares Globe Theatre spielten Schauspieler in unmittelbarer Nähe zum Publikum. Der Bühnenbildner Jan Pappelbaum hat das für Ihre Inszenierung nachempfunden. Warum?

THOMAS OSTERMEIER: Im Theaterbau von Jan Pappelbaum kann man die Figuren aus dem Publikum heraus auftreten lassen. Richard kann mit den Zuschauern in Kontakt treten. Jeder im Raum hat das Gefühl, wenn er die Hand ausstreckt, kann er ihn berühren. So wird erzählt: Ich bin einer von euch, ich bin euer Unterbewusstes, das freigelassen wird wie ein Kettenhund – hier darf er frei laufen. Durch die Nähe entsteht Komplizenschaft. Im besten Fall bekommt der Zuschauer Lust, Richard in seinen abgründigen Taten zu folgen. Das, finde ich, ist die beunruhigende Erfahrung am Theater. Nicht zu sagen, was richtig und was falsch ist, sondern verführt zu werden, bei Dingen mitzugehen, die nicht okay sind. Damit man aus der moralischen Haltung herauskommt, die sagt: „Ich würde so was nicht tun“, und feststellt: Wir alle würden so etwas tun.

ARTE: Aber beim Festival in Avignon geht diese spezielle Raumsituation verloren …

THOMAS OSTERMEIER: Wir hatten angedacht, dort ein eigenes Globe Theatre bauen zu lassen, das in der Folge von anderen Regisseuren bespielt werden kann, aber das hätte zu viel gekostet. In Avignon können wir dafür ein simples Guckkastentheater bespielen. Indem wir mit der Spielfläche in den Zuschauerraum hineinrücken, entsteht durch die vier Galerien etwas Kesselartiges und eine sehr ähnliche Atmosphäre.

ARTE: Sie arbeiten immer wieder mit Lars Eidinger zusammen, der seit 1999 Ensemblemitglied der Schaubühne ist. Was zeichnet ihn aus?

THOMAS OSTERMEIER: Dass er ein hervorragender Schauspieler ist.

ARTE: Es gibt immer wieder die Kritik, Sie würden Lars Eidinger zu sehr den Show-Teppich ausrollen, und dass er alle anderen an die Wand spiele. Was sagen Sie dazu?

THOMAS OSTERMEIER: Es stimmt nicht, dass Lars eine One-Man-Show macht. Mit „Richard III.“ ist ein kleines Ensemble am Start, eine Gruppe von neun Leuten spielt 20 Rollen. Auch wenn immer wieder versucht wird, von außen einen Keil reinzutreiben: Lars ist ein Ensemblespieler, glaubt an dieses Ensemble und steht für dieses Ensemble ein.

ARTE: Kritische Stimmen sagen auch, Sie würden Ihre Inszenierungen als internationale Verkaufsschlager kalkulieren …

THOMAS OSTERMEIER: Wenn ich das könnte, würde ich das machen. Ich weiß nur, dass ich in der glücklichen Situation bin, dass das, was mich an Stoffen, Schauspielern und an Schauspielarbeit interessiert, viele Zuschauer anspricht, mittlerweile – toi, toi, toi – nicht nur im Ausland, sondern auch in Berlin.

ARTE: Was bedeutet es für Sie, dieses Jahr mit „Richard III.“ nach Avignon eingeladen zu sein?

THOMAS OSTERMEIER: Das bedeutet mir sehr viel. Avignon ist das wichtigste Theaterfestival der Welt und hat eine einzigartige Atmosphäre. Wenn man den Glauben ans Theater als eine Kunstform, die etwas mit dem Publikum zu tun hat, verloren hat, sollte man nach Avignon fahren und gucken, wie eine ganze Stadt drei Wochen lang das Theater feiert. Es ist ein sehr volksnahes Festival, es kommen unglaublich viele, ganz normale Leute. Der Geist des „théâtre populaire“ des Festivalgründers Jean Vilar lebt dort weiter. Ich mag es total gerne.

 

ARTE France / © La Compagnie des Indes/Arno Declair

ARTE France / © La Compagnie des Indes/Arno Declair

 

ARTE: Die Zeitung „Le Monde“ nannte Sie im März den „französischsten aller deutschen Theaterregisseure“. Können Sie das nachvollziehen?

THOMAS OSTERMEIER: Das liegt nur daran, dass ich häufig in Frankreich bin. Und ich esse sehr gern. Ich glaube, sogar lieber und öfter als die Franzosen.

ARTE: 2010 wurden Sie mit dem höchsten französischen Kulturorden geehrt, dem Grad des „Commandeur dans l’Ordre des Arts et des Lettres“. Frankreich feiert Sie als „génie“, Frankreich liebt Sie. Lieben Sie Frankreich?

THOMAS OSTERMEIER: Natürlich. Das ist auch nicht schwer, wenn man in Deutschland lebt. Frankreich hat Riesenprobleme. Aber auch eine große Leidenschaft, verallgemeinernd gesagt. Ich bin da wirklich gerne. Und natürlich ist es einfach, da zu sein, wo man geliebt wird.

ARTE: 2014 sagten Sie in einem Interview mit „Le Monde“: „Theater ist nicht dazu da, Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen.“ Welche Frage schwirrt Ihnen aktuell durch den Kopf?

THOMAS OSTERMEIER: Da kann ich mit Büchner antworten: „Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“

ARTE: Was sind Ihre nächsten Projekte?

THOMAS OSTERMEIER: Ich bin in der nächsten Spielzeit möglicherweise in der Situation, nichts Eigenes zu inszenieren.

ARTE: Ist das eine schöne Aussicht?

THOMAS OSTERMEIER: Ja. Da wir viele Gastspiele haben, könnte ich mit diesem Theater Weltreisender werden. Aber ich denke darüber nach, bei den nächsten Gastspielen nicht mitzufahren. Ich versuche gerade, ein bisschen runterzuschalten.

ARTE: Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Theaterregisseur geworden wären?

THOMAS OSTERMEIER: Schiffskoch.

ARTE: Weil Sie so gerne essen?

THOMAS OSTERMEIER: Nein, als Schiffskoch könnte ich reisen und kochen.

ARTE: Was bedeutet Erfolg für Sie?

THOMAS OSTERMEIER: Auch wenn das kokett klingt: Ich habe nicht das Gefühl, Erfolg zu haben.

ARTE: Das klingt nicht kokett, sondern unglaubwürdig.

THOMAS OSTERMEIER: Ich weiß, aber ich habe noch immer nicht das Gefühl, der Regisseur zu sein, der Schauspieler entfaltet. Wirklich ärgert mich, wenn es heißt, die Schaubühne sei das Theater der neuen Bürgerlichkeit. Mein Anliegen ist, ein Ereignis herzustellen, in dem Schauspieler glaubwürdig auf der Bühne in eine Auseinandersetzung kommen.

ARTE: Sind das dann Glücksmomente?

THOMAS OSTERMEIER: Ja, absolut.

ARTE: Gibt es sie auch bei fremden Inszenierungen?

THOMAS OSTERMEIER: Es gibt sie vor allem bei fremden Inszenierungen.

 

Katrin Ullmann für das ARTE Magazin

 

 

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Thomas Ostermeier: Stücke und Auszeichnungen

Als Regisseur und Künstlerischer Leiter der Baracke am Deutschen Theater Berlin (1996 –1999) sorgte Thomas Ostermeier unter anderem mit seiner Regiearbeit „Messer in Hennen“ („Friedrich-Luft-Preis“ 1997) für Aufsehen.

1998 wurde die Baracke „Theater des Jahres“.
Seit 1999 ist Ostermeier Regisseur und Mitglied der Künstlerischen Leitung der Schaubühne Berlin, seit 2010 Präsident
des Deutsch-Französischen Kulturrats.

2011 erhielt er den Goldenen Löwen
der Biennale Venedig; im selben Jahr wurde sein „Hamlet“ in Chile als „Beste Internationale Inszenierung“ mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet sowie
das Stück „Maß für Maß“ mit dem Friedrich-Luft-Preis als „Beste Berliner Theateraufführung“.

2012 bekam Ostermeier den Ehrenpreis des 18. Istanbul Theatre Festivals.

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(Auswahl)

ARTE THEATER

RICHARD III.

MONTAG · 13.7. · 22.05

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Kategorien: Juli 2015