TITELTHEMA
magazin

Reggae, Roots und Rastafari

WDR / © WDR/Manfred Becker

WDR / © WDR/Manfred Becker

Er verkörperte den Sound der Freiheit und
lieh den Unterdrückten der Welt seine Stimme. Noch heute gilt Bob Marley als Friedensbotschafter. Zum „Summer of Peace“ bei ARTE – das Porträt der Reggae-Ikone.

Bob Marleys Gesicht prangt genauso häufig auf T-Shirts wie das von Che Guevara. Sein Einfluss auf die Politik seiner Heimat war größer als der von Fela Kuti, dem Erfinder des Afrobeat, in Nigeria. Er ist so heilig, wie man es im säkularen 20. und 21. Jahrhundert überhaupt sein kann.
Dabei sprachen die Umstände nicht unbedingt für Marleys späteren Weltruhm. Robert Nesta „Bob“ Marley wird 1945 auf Jamaika geboren, sein Vater ist ein alternder britischer Kolonialbeamter, der sich mit einer Feldarbeiterin vergnügt. Und die junge Mutter sitzen lässt. Seine kreolischen Schulkameraden im Slum von Kingston nennen den jungen Bob „Deutscher“, weil seine Haut nicht so schwarz ist wie die der üblichen Nachfahren afrikanischer Sklaven auf Jamaika. Der Junge färbt mit Schuhcreme nach. Er will dazugehören, ist aber ein Außenseiter. Dafür musiziert er mit Freunden, darunter Bunny Wailer und Peter Tosh. Ihre gemeinsame Vokalgruppe, Vorläufer von The Wailers, orientiert sich an gängigen Stilen, dem populären Rhythm’n’Blues aus dem Radio und afrikanischen Rhythmen. Ende der 50er-Jahre versiegt der Nachschub von R’n’B aus den USA, weil dort nur noch Rock’n’Roll produziert wird – zu dem kein Jamaikaner tanzen kann. Aus der Not entwickelt sich aus örtlichen Genres der flotte Ska – das Wort ist dem Arabischen entlehnt und bedeutet „schnell“.

Heiliges Kraut. 1962, im Jahr der Unabhängigkeit Jamaikas, veröffentlicht der damals noch adrett frisierte und „normal“ gekleidete Marley unter dem Pseudonym Bobby Martell seine ersten vier Singles. Die Lieder sind weniger für den Markt bestimmt als für eines der vielen Soundsystems, die als mobile Diskotheken auf Lastwagen durchs Land tingeln und immer häufiger auch Songs von The Wailers spielen. Geld lässt sich damit nicht verdienen, und so folgt Bob Marley seiner Mutter in die USA. Dort steht er unter anderem für Chrysler am Fließband, ein glücklicher Einwanderer wird er nicht.
Marley kehrt zurück nach Jamaika und heiratet seine Jugendfreundin Rita. Sie ist es, die den katholisch erzogenen Marley zum Rastafarismus bekehrt – eine eigentümliche Variante des Christentums mit dem Alten Testament als schriftlicher Basis, Afrika als paradiesischem Sehnsuchtsort und dem letzten äthiopischen Kaiser Haile Selassie als Messias. Als dieser Messias 1966 die Karibik besucht und im offenen Wagen durch Kingston chauffiert wird, will Rita in seiner Handfläche die Wundmale Christi gesehen haben. Das Paar gibt sich ganz der synkretistischen Lehre hin, Marley lässt sich die typischen Filzlocken wachsen und beginnt, öffentlich das „heilige Kraut“ zu rauchen.
Mit The Wailers betritt Marley eines Tages das Studio des exzentrischen Produzenten Lee „Scratch“ Perry, das er in gewisser Hinsicht nie wieder verlassen wird. Perry ist es, der eher zufällig und mithilfe eines Hallgerätes, an das sich auch Gitarren anschließen lassen, aus dem treibenden Ska den lässig wippenden Reggae aus der Taufe hebt. Ein Stil, den Marley beibehalten und um Elemente aktueller Rockmusik und spirituelle Texte erweitern wird. Es ist das erste Mal, dass in der Dritten Welt eine Stimme erklingt, die auch in der übrigen Welt verstanden und damit verkauft werden könnte – wenn die übrige Welt sie nur hören würde. Hier kommt der Plattenboss Chris Blackwell ins Spiel, dem Marley 1972 auf Tournee in London begegnet. Blackwell stammt selbst aus Jamaika und überredet die Wailers, entgegen ihrer üblichen Gepflogenheiten ein Album aufzunehmen. Die erste Platte, „Catch A Fire“ (1973), erntet wohlwollende Kritiken, die Welt horcht auf. Kurz darauf erscheint „Burnin‘“, auf dem sich auch der Song „I Shot The Sheriff“ findet. Als Gitarrengott Eric Clapton das Stück covert, wird Bob Marley auf einen Schlag weltbekannt.

 

ARTE © Shangri-La Entertainment/Tuff Gong Pictures/All Rights Reserved

ARTE © Shangri-La Entertainment/Tuff Gong Pictures/All Rights Reserved

 

Preis des Erfolgs. Tatsächlich wirkt es, als habe die Welt nur auf Marley gewartet, der als ehrlicher Prophet der Geknechteten auftritt und in Liedern wie „Redemption Song“ fordert: „Emancipate yourself from mental slavery!“ Ihre laufende US-Tournee als Vorband von Sly And The Family Stone 1973 müssen die Wailers abbrechen, weil sie erkennbar populärer sind als der Hauptact. Eine Popularität, die Marley allmählich zur Bürde wird. The Wailers lösen sich auf, bleiben aber befreundet. Mit vielen Frauen zeugt Marley viele Kinder, die Dunkelziffer liegt bei 46. Er soll nicht allen ein idealer Vater gewesen sein, bleibt Rita und seinem ehelichen Nachwuchs aber treu. Nebenbei schreibt er Hit auf Hit, vom zartfeministischen „No Woman No Cry“ bis zum antikolonialistischen „Buffalo Soldier“.

Krieg und Frieden. Je relevanter seine Musik, umso ambivalenter wird seine soziale Rolle. Immer tiefer zieht es Marley in den Strudel politischer Gewalt in seiner Heimat, er ist mit der kriminellen Szene vertraut, deren Einfluss bis in die Musikstudios reicht. Und er ist mit Politikern befreundet, deren Unfähigkeit er zugleich in seinen Liedern anprangert. Kurz vor einem Konzert 1976 dringen Unbekannte in sein Haus ein, es fallen Schüsse. Marley kommt knapp mit dem Leben davon – und tritt tatsächlich auf. Auf der Bühne zeigt er seine Wunden, den Tiefpunkt seiner Karriere in einen symbolischen Triumph verwandelnd. Den macht er kaum zwei Jahre später mit einer historischen Geste der Versöhnung komplett, als er die beiden verfeindeten jamaikanischen Politiker Edward Seaga und Michael Manley beim „One Love Peace Concert“ 1978 in Kingston öffentlich zum Handschlag nötigt, als wären es zwei minderjährige Rabauken.
Wenige Tage darauf geht er nach London ins Exil. Da ist er schon erkrankt, Krebs, und wird seine Heimat nicht mehr wiedersehen. Aus religiösen Gründen lässt er sich zu spät behandeln, 1980 auch bei einem Alternativmediziner in Bayern. Bob Marley stirbt am 11. Mai 1981 beim Rückflug nach Jamaika in Florida. Sein Ruhm hat seinen frühen Tod überdauert. Im Pantheon der Popmusik steht seine Büste zwischen Bob Dylan und John Lennon. Er gehört dazu.

 

Arno Frank für das ARTE Magazin

 

ARTE SCHWERPUNKT

SUMMER OF PEACE

MARLEY · DOKUMENTARFILM
SAMSTAG · 18.7. · 21.45

BOB MARLEY: UPRISING LIVE! KONZERT
SAMSTAG · 18.7. · 00.05

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: Juli 2015