SERIE

El Capitán Alatriste

ARTE © Beta Film

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Das Madrid der Spätrenaissance wurde für die ARTE-Serie „Mit Dolch und Degen“ in Budapest zum Leben erweckt – mit echtem Staub, falschem Schnee, 2.500 Komparsen und einem begeisterten Hauptdarsteller. Ein Bericht vom Dreh.

Sogar der Schöpfer dieses verwunschenen Ortes verläuft sich hier leicht. „Ich glaube, es geht da entlang“, sagt José Manuel Lorenzo im Gewirr verwinkelter Gassen und Plätze. „Oder nein, doch hierlang.“ Der spanische Filmproduzent lacht über seine Orientierungslosigkeit. Auch 1623 hatte Madrid kaum erkennbare Struktur. „Wie sollte es da jetzt eine haben?“ Wieder das Lachen: „Das wäre ja Geschichtsverfälschung!“ Und mit der Geschichte nimmt es Lorenzos Team genau. Sehr genau. Für die Abenteuerserie „Mit Dolch und Degen“ entstand in den mächtigen Hallen der ungarischen Korda Studios ein altes Madrid, als sei die Zeit vor 400 Jahren stehengeblieben. Die ideale Kulisse für einen Filmhelden, der den Untergang des spanischen Weltreichs im frühen 17. Jahrhundert verkörpert wie kein Zweiter: Diego Alatriste, genannt El Capitán.

Er spielt die Titelfigur in den Romanen von Arturo Pérez-Reverte, einen fiktiven Söldner im Umfeld verbürgter Realpolitik, dessen Erlebnisse weltweit mehr als sechs Millionen Mal verkauft wurden. Schlagkräftig und charmant kämpft sich der Veteran zahlloser Schlachten für König Philipp IV. durch die Wirren des 80-jährigen Krieges gegen die Niederlande. Nach der vernichtenden Niederlage der glorreichen Armada geht das Goldene Zeitalter zu Ende. Die militärischen Siege werden rar, dem Elend der spanischen Bevölkerung steht ein dekadenter Adel gegenüber, dessen Verschwendungssucht im Hofzeremoniell gipfelt. Und mittendrin: Diego Alatriste, ein treuer Soldat im Ruhestand, der für zahlungskräftige Edelmänner dubiose Aufträge annimmt, die er so verschwiegen wie effizient erledigt. Alatriste ist nicht einfach der nächste Superheld in Mantel und Degen, kein weißer Ritter im Dienste der Moral, sondern eine überaus ambivalente Gestalt: unbarmherzig und empathisch, unberechenbar und loyal, impulsiv und anmutig, klug und aggressiv, viril und väterlich.

ARTE © Beta Film

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All diese Gegensätze verkörpert der baskische Schauspieler Aitor Luna mit Leichtigkeit. In seiner Heimat längst eine feste Fernsehgröße, verleiht er seiner Figur die perfekte Mischung aus Ying und Yang, so selbstlos wie selbstsüchtig. Für strahlende Helden zu düster, für wahre Liebe zu flatterhaft, für Posterboys zu ungepflegt, spielt sich der 33-Jährige dennoch direkt ins Herz des Publikums. Und mit ihm seine filmischen Begleiter: Marco Ruiz als Iñigo, halbwüchsiger Sohn eines gefallenen Freundes, den Alatriste großzieht. Dazu die Schauspielerin María (Natasha Yarovenko), unerfüllte Liebe seines Lebens. Oder Francisco, Poet und Schwerenöter mit scharfer Klinge, gespielt von einem Spanier, die in den jungen Korda Studios ohnehin die Mehrzahl bilden. Es sei eine Serie für den globalen Markt, betont der deutsch-tschechische Produzent Jan Mojto in seiner dritten Heimat Budapest. „Die Torwächter der Kulturen sind nicht mehr so mächtig. Ein spanisches Produkt kommt längst auch in Frankreich oder Deutschland an“, sagt er. Zumal beide Länder durch zentrale Rollenbesetzungen vertreten sind: durch den Franzosen Jean-Pierre Bouvier als gottlosen Kardinal Richelieu und den Deutschen Constantin von Jascheroff als Prinz von Wales.

ARTE © Beta Film

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Die Handlung dreht sich um das, was als „Spanish Match“ in die Geschichte einging: den Versuch des protestantischen Anglikaners, Spaniens Infantin María Ana zu heiraten – was der katholischen Kirche zur Zeit der Inquisition ein Dorn im Auge war.

Im Vordergrund stehen nicht nur Adlige und Abenteurer, sondern ebenso Kostüme und Bauten, Maske und Ausstattung – das historisch Verbriefte. Spätestens seit das spanische Geschlecht der Borgia in einer europäischen Großproduktion verfilmt wurde, hat Kostümfernsehen Konjunktur. Ein gehöriger Teil des Budgets, so Produzent Lorenzo, fließe in die Authentizität. Im Palast etwa zeigt er originalgetreue Kopien von Gemälden aus dem Madrider Prado, für die Serie um die Köpfe der Darsteller modernisiert. Jedes Tintenfass, jeder Kerzenstummel, selbst der Schmutz zwischen den Fugen – alles verströmt den Atem der Epoche. Vor der dunstigen Taverne, in der ein Großteil des Geschehens spielt, streuen Helfer für die winterliche Atmosphäre gerade Meersalz aufs Pflaster, als Aitor Luna mit großer Geste aus der Tür tritt. Sein Händedruck ist so fest wie Alatristes Fausthieb. Ein Geschenk sei diese Rolle, sagt er grinsend, „wie Ritter spielen als Kind, nur gut bezahlt“. Er geht zur nächsten Szene, umringt von einer Gruppe jener 2.500 Komparsen, die detailgenau verkleidet für Glaubwürdigkeit sorgen. „ARTE ruft jeden Tag an und will noch mehr Authentizität“, lügt Lorenzo heiter, als Kunstnebel um die verdreckten Komparsenfüße weht. „Und die kriegen sie.“ Auf der Serienreise in längst vergangene Zeiten.

Jan Freitag für das ARTE Magazin

ARTE SERIE

MIT DOLCH UND
DEGEN

VON MONTAG, 6.7., BIS MITTWOCH, 29.7. · JEWEILS AB 17.30

(1) DER WAISENJUNGE

(2) DER INQUISITOR

(3) DER VERLIEBTE PRINZ

(4) RETTUNG IN LETZTER MINUTE

(5) MASKENBALL

(6) IN GEHEIMER MISSION

(7) UNTER ANKLAGE

(8) DIE HEIMLICHE HOCHZEIT

(9) DER VERRAT

(10) DEM VERRÄTER
AUF DER SPUR

(11) TOD IM THEATER

(12) AUF DER FLUCHT

(13) ZWISCHEN ALLEN FRONTEN

(14) DAS SPIEL IST AUS

(15) KLEINE GEFÄLLIGKEITEN

(16) LIEBE IN ZEITEN
DES TODES

(17) ZWISCHEN HIMMEL
UND ERDE

(18) EIN LETZTER AUFTRAG

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Kategorien: Juli 2015