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„Ich bin und bleibe Olga!“

© Scholzshootspeople

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Am 21. Juni wird weltweit die Fête de la Musique gefeiert. Bei ARTE leuchtet am großen Musiktag ein neuer Stern am Opernhimmel: Olga Peretyatko – in Rolando Villazóns Inszenierung von „La Traviata“. Interview mit der Sopranistin.

Am 21. Juni erklingen große Stimmen und Orchester, rockt und jazzt es aus allen Ecken, denn rund um den Globus wird an diesem Tag die Musik geehrt – mit der Fête de la Musique. Ein idealer Zeitpunkt, auch bei ARTE die Festivalsaison einzuleiten: mit exklusiven Konzerten zur Fête de la Musique aus Paris, Berlin und L. A. sowie einem Kalender der wichtigsten Sommerfestivals. Highlight am 21. Juni: Rolando Villazóns Inszenierung von Verdis „La Traviata“ im Festspielhaus Baden-Baden mit Olga Peretyatko. Das ARTE Magazin sprach mit der Sopranistin über ihre Rolle als Violetta, darüber, warum sie diese acht Jahre lang ablehnte und warum ihr bei Auftritten der rote Gürtel in Karate hilft.

 

ARTE: Man nennt Sie die Anna Netrebko des Nollendorfplatzes in Berlin. Warum?
OLGA PERETYATKO: Journalisten ziehen gerne Vergleiche. An diesem Platz war früher meine Berliner Studentenwohnung. Aber ich bin und bleibe Olga! Was Anna und mich verbindet, ist, dass wir beide sehr hart an unserer Karriere arbeiten.
ARTE: Und der Umstand, dass Netrebko am Mariinski-Theater in St. Petersburg war, als Ihr Vater dort Chorsänger war …
OLGA PERETYATKO: … und ich im Kinderchor sang. Doch mehr Gemeinsamkeiten gibt es nicht.
ARTE: Was wäre passiert, wenn Sie wie Ihr Vater in Russland geblieben wären?
OLGA PERETYATKO: Ich wäre wohl heute noch im Chor. Solistin zu werden, hätte ich in Russland so nicht geschafft. Es geht dort teilweise sehr konservativ zu. Eine Frau gründet eine Familie und ist dann für sie da. Ich bin aber emanzipiert und wollte schon immer etwas anderes.
ARTE: Was führte Sie nach Berlin?
OLGA PERETYATKO: Ich kam 2001 als Touristin. Es war meine erste Reise überhaupt. Mit 21! Ich liebe Berlin, die Stadt gibt dir das Gefühl, alles sei möglich. Sie kann dich aber auch fressen.
ARTE: Ein befreundeter Geiger riet Ihnen, sich an der Musikhochschule vorzustellen. Was kam dann?
OLGA PERETYATKO: Ein halbes Jahr später bestand ich die Aufnahmeprüfung – unter 400 Bewerbern. Dennoch war es nicht einfach. Ich hatte kein Geld, habe an jedem Studentenprojekt mitgewirkt und für ein paar Euro Konzerte im Hospiz, in Krankenhäusern und Altersheimen gegeben. Viele Menschen sagten mir damals, ich hätte sie für einen Moment von ihren Schmerzen und ihrer Angst abgelenkt. Seitdem weiß ich, warum ich das mache.
ARTE: Nun verkörpern Sie im Festspielhaus Baden-Baden selbst eine todkranke Frau, die Violetta aus Giuseppe Verdis „La Traviata“.
OLGA PERETYATKO: Acht Jahre lang habe ich mich geweigert, diese Partie zu spielen.
ARTE: Warum?
OLGA PERETYATKO: Violetta ist ein ganz besonderer Charakter, für den man erst reifen muss – stimmlich wie seelisch.
ARTE: Ein Bonmot besagt, dass man für die Darstellung der Violetta drei Stimmen und drei Interpretinnen braucht. Stimmt das?
OLGA PERETYATKO: Nach meinem Aufritt als Gilda in Verdis „Rigoletto“ wurde ich immer wieder gefragt, wann ich die Violetta spielen würde. Es ist eine komplizierte Partie, bei der viele Maria Callas im Ohr haben. Die sagte aber, wenn man die „agilitá“, eine für das Koloraturfach wichtige Beweglichkeit, nicht hat, sollte man diese Figur nicht spielen, denn gerade im ersten Akt braucht man Höhen und Tiefen. Ich kenne Sänger, die den ersten Akt problemlos schaffen, aber im zweiten und dritten Akt mit kleiner Kinderstimme weitersingen. Meine Lehrerin sagte mir immer wieder: „Warte, warte!“ Ich habe gewartet, bis meine Stimme voluminös genug war. Aber auch Lebenserfahrung ist wichtig.
ARTE: Wagen Sie sich deshalb erst mit 34 daran?
OLGA PERETYATKO: Ja, und das ist gut so! Im zweiten Akt, der sehr lyrisch ist, muss man lange Linien beherrschen, die absolute Kontrolle über den Atem haben. Bei vielen Kollegen erlebe ich, dass sie nach jeder zweiten Note atmen müssen – das hört man.
ARTE: Im dritten Akt der Oper stirbt Violetta. Geht das auch Ihnen an die Substanz?
OLGA PERETYATKO: Meine Oma ist vor Kurzem gestorben, ich war bis zum letzten Tag bei ihr. Sie hatte Krebs. Sie fasste meine Hand, während sie im Bett lag. Auch wenn ich auf solcheErfahrungen nicht bewusst zurückgreifen will, denke ich beim Singen automatisch daran. Das gibt der Rolle dann eine besondere Tiefe. Man darf aber nie vergessen: Das Publikum muss weinen, nicht man selbst.
ARTE: Startenor Rolando Villazón wird „La Traviata“ inszenieren. Woher kennen Sie sich?
OLGA PERETYATKO: Unter anderem auch aus Baden-Baden. Bei den Pfingstfestspielen 2012 sprang ich auf seine Empfehlung hin als Adina in Donizettis „Liebestrank“ für eine erkrankte Kollegin ein.
ARTE: Viele sagen, dass gerade das eine Situation im Leben einer Sängerin sei, für die sie ein absoluter Profi sein muss. Bestätigen Sie das?
OLGA PERETYATKO: Absolut. Um 19 Uhr saß ich in der Garderobe, um 20 Uhr ging es los. Sogar das Fernsehen war live vor Ort. Während ich geschminkt wurde, sagte mir Rolando, der an diesem Abend Regisseur und Interpret zugleich war, kurz, wo ich wann zu stehen hatte und was ich dabei machen sollte. Allerdings nur für den ersten Akt. Im zweiten Teil wusste ich nicht weiter. Ich werde nie vergessen, wie Rolando, als Mexikaner mit Sombrero und Poncho verkleidet, mir unter dem Kostüm mit den Fingern signalisierte, wo ich stehen sollte. Das Publikum bekam alles mit. Es war so lustig!
ARTE: Sie haben am 14. Juli 2014, am französischen Nationalfeiertag, vor dem Eiffelturm gesungen. Haben Sie das als große Herausforderung empfunden?
OLGA PERETYATKO: Ja, ich bin vor 400.000 Menschen aufgetreten! Die Einladung der Franzosen war für mich als Russin eine ganz große Ehre.
ARTE: Wie steht man so einen Auftritt durch?
OLGA PERETYATKO: Das Beste ist, man denkt an gar nichts. Ich habe zum Glück sehr starke Nerven, ich habe den roten Gürtel in Karate und mache
viel Yoga.

 

Teresa Pieschacón Raphael für das ARTE Magazin

 

 

 

ARTE PLUS

Olga Peretyatko

Am 21. Mai 1980 in Sankt Petersburg geboren, begann die Koloratursopranistin Olga Peretyatko ihre Gesangslaufbahn als 15-jährige Sängerin im Kinderchor des Mariinski-Theaters. Sie studierte
Gesang an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin und gewann zahlreiche Preise, darunter 2007 den zweiten Platz beim „Operalia“-Gesangswett-bewerb. Internationale Aufmerksamkeit brachte ihr die Interpretation von Strawinskys „Rossignol“ beim Festival d’Aix-en-Provence 2010 ein. Engagements führten sie u. a. an die Deutsche Oper Berlin, die Staatsoper München und ans Pariser Théâtre des Champs-Elysées.

Diskografie

„Arabesque“ (2013, Sony); „La Bellezza del Canto“ (2011, Sony)

 

 

ARTE MUSIK

FETE DE LA MUSIQUE – ARTE FEIERT MIT

SONNTAG · 21.6.

DANIEL BARENBOIM UND DIE STAATSKAPELLE LIVE AUS BERLIN
KONZERT · 12.55

LA BELLE HÉLÈNE
OPERETTE · 14.55

DIE DREI TENÖRE: DER BEGINN EINER LEGENDE
KONZERT · 17.25

MOZART – MINKOWSKI – BARTABAS: „DAVIDE PENI-TENTE“, ORATORIUM VON W.A. MOZART · MUSIK · 18.40

ROLANDO VILLAZÓN INSZENIERT VERDI: „LA TRAVIATA“: AUS DEM FESTSPIELHAUS BADEN-BADEN · OPER · 20.15

JOHN WILLIAMS GALA AUS DER WALT DISNEY CONCERT HALL · KONZERTGALA · 22.45

MIT CHARME UND WIENER SCHMÄH – SOMMERSONNENWENDE MIT THE PHILHAR-MONICS · KONZERT · 00.25

MEHR INFORMATIONEN KURZ VOR AUSSTRAHLUNG UNTER:
www.arte.tv/traviata-baden-baden

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Kategorien: Juni 2015