SERIE

Es war einmal in Dänemark

ZDF © Per Arnesen

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1864 provoziert Dänemark einen Krieg gegen
Preußen. Der Kampf endet in der Niederlage – und wird zum Ground Zero für die Dänen. Die TV-Saga „1864“ erzählt von Liebe, Verlust und dem Irrsinn dieses Krieges. Interview mit dem Regisseur.

 

 

Er sollte Dänemark groß machen und wurde zum Fiasko: der Deutsch-Dänische Krieg von 1864. Stein des Anstoßes war Schleswig, das von Dänemark annektiert worden war. Die Dänen verloren den Krieg, ein Drittel des Landes und ihre Identität. 150 Jahre später macht das dänische Fernsehen aus dem nationalen Trauma eine TV-Saga, die ab dem 11. Juni bei ARTE läuft. „1864 – Liebe und Verrat in Zeiten des Krieges“ ist mit einem Budget von 23 Millionen Euro die teuerste Serie des Landes, ein gigantisches Projekt, bis in die Schlachtszenen hinein. Dreh- und Angelpunkt ist die Liebesgeschichte zwischen drei Dänen, deren Schicksale den Wahnsinn des Krieges greifbar machen. Das ARTE Magazin sprach mit Regisseur und Drehbuchautor Ole Bornedal über große Stoffe, künstlerische Freiheit und wa-rum „1864“ auch für Deutsche spannend ist.

 

ARTE: „1864“ ist eine opulente, aufwendig produzierte TV-Saga, in deren Zentrum eine fiktive Story steht. Was ist das für eine Geschichte?

Ole Bornedal: „1864“ hat viele Charaktere, doch im Mittelpunkt stehen zwei einfache Bauernsöhne, die Brüder Laust und Peter, sowie die Gutsverwaltertochter Inge, eine für ihre Zeit ziemlich ungewöhnliche junge Frau, die modern und klug für ihre Rechte eintritt. Die drei kennen sich seit ihrer Kindheit, mit der Zeit wird ihr Verhältnis enger – und problematischer: Beide Brüder verlieben sich in Inge. Eine Dreiecksgeschichte bahnt sich an. Und dann kommt der Krieg. Wir zeigen ihn aus der Perspektive der Soldaten. Für mich ist es inte-ressanter, eine Story aus der Sicht derer zu erzählen, die in den Schützengräben liegen, als aus der Sicht größenwahnsinniger Politiker.

ARTE: Wie geht die Serie „1864“ mit den tatsächlichen Kriegsgeschehnissen um?

Ole Bornedal: Alle wichtigen Politiker und Militärs auf dänischer und deutscher Seite treten auf. Doch wie immer bei historischen Spiel- oder Fernsehfilmen der Fall, fällt einigen Charakteren eine übergroße Rolle zu, während andere im Verhältnis den Kürzeren ziehen. Dies ist nötig, damit die Geschichte einen glaubwürdigen Spannungsbogen hat. Wie wir das tun, hängt von der künstlerischen Freiheit ab, die wir uns nehmen.

ARTE: Haben Sie ein Beispiel?

Ole Bornedal: Johanne Luise Heiberg war damals Dänemarks größte Theaterschauspielerin. In der Serie wird sie als dramatische Figur überbewertet: Sie befeuert den dänischen Premierminister Monrad, das Land in den Krieg zu treiben. Heiberg spielte als Künstlerin indirekt eine sehr wichtige Rolle für den Krieg und inspirierte andere. Es ist historisch korrekt, dass die kulturelle Elite diesen Krieg unterstützte – und das versuchen wir zu zeigen.

 

ZDF © Per Arnesen

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ARTE: Was bedeuten der Deutsch-Dänische Krieg und die Niederlage von 1864 für die Dänen?

Ole Bornedal: Er war der letzte große Krieg für Dänemark und degradierte es zu dem winzigen Land, das es bis heute ist. Dänemark war über Jahrhunderte hinweg eine bedeutende Macht in Nordeuropa gewesen. Jetzt schrumpfte es zum ge-demütigten Kleinstaat, der sich aus Sicht der europäischen Politik bis aufs Mark blamierte.

ARTE: Wie konnte es zu diesem Krieg kommen?

Ole Bornedal: Zu jener Zeit träumten die Nationalliberalen in Kopenhagen von Expansion, von der Schaffung eines großen Königreiches durch die Annexion des Herzogtums Schleswig, obwohl dies allen völkerrechtlichen Verträgen widersprach und Preußen sinnlos provozieren musste. Doch durch Dänemark wehte ein frischer Wind, es war eine begeisterte, selbstsichere und starke Nation mit neuen Ideen und einer neuen Verfassung. Die Geschichte dieses Krieges ist eine klassische Geschichte über Macht und Machtmissbrauch und sie endete in Chaos und Leid. Und doch: Die Katastrophe schuf den Boden für einen Neubeginn.

ARTE: Inwiefern?

Ole Bornedal: Das Selbstverständnis Dänemarks und der Dänen beruht heute im Großen und Ganzen auf der Niederlage in diesem sinnlosen Krieg, der auf einem schwachen Fundament nationalistischer Euphorie geführt wurde. Was heute als das „dänische Sozialstaatsmodell“ gilt, mit dem Dänemark für seine Bürger sorgt, hat seinen Ursprung in dem nach 1864 gewandelten Selbstverständnis. Der Verlust und die grenzenlose Demütigung wurden zum Wendepunkt für Dänemark: An die Stelle des nach außen gerichteten Blicks einer einflussreichen europäischen Nation traten Innenschau und die Überzeugung, als Volk eine große Familie zu bilden – in guten wie in schlechten Zeiten.

ARTE: Warum hat es Sie gereizt, diesen Stoff für das Fernsehen zu bearbeiten und zu verfilmen?

Ole Bornedal: Die entscheidende Schlacht von Düppel am 18. April 1864 hat mich schon immer interessiert. Je mehr ich mich in die Geschichte vertiefte, desto anziehender fand ich sie – der Stoff ist so vielschichtig. Ich war stets der Meinung, dass in alldem eine große Geschichte für uns alle schlummert. Liebesgeschichte, Kriegsepos oder Drama, poetisch, faktenorientiert, intim, expressiv oder brutal erzählt, „1864“ schließt all das ein. Ich hatte selten einen Stoff in der Hand, der sich derart für eine tiefgründige, universell gültige Erzählung eignet. Viele Jahre lang hatte ich diese Bilder vor Augen: Angsterfüllte dänische Soldaten unter einem grollendem Gewitterhimmel, der preußische Angriff, ein Sturm der Gewalt, der in wenigen Stunden zwei Generationen auslöschte, Väter und Söhne, und sich für immer in das dänische Nationalbewusstsein eingraben sollte.

ARTE: Warum sollten deutsche Zuschauer sich für diesen Krieg interessieren?

Ole Bornedal: Er war der erste deutsche Einigungskrieg, eine wichtige Etappe auf dem Weg zu dem, was Deutschland heute ist: ein Nationalstaat.

 

Katja Ernst (mit Misofilm) für das ARTE Magazin

 

 

ARTE interview: Ole Bornedal

Ole Bornedal, geboren 1959 in Dänemark, ist einer der bekanntesten Filmemacher des Landes und maßgeblicher Wegbereiter des neuen dänischen Films

 

ARTE plus: Der deutsch-dänische Krieg

1863: Dänemark verwaltet Schleswig, Holstein und Lauenburg und verleibt sich Schleswig im November durch eine Verfassungsänderung ein – ein Verstoß gegen das Londoner Protokoll von 1852

1864: Am 1. Februar überschreiten preußische und österreichische Truppen die Eider, am 18. April erstürmen sie die dänische Festungsanlage Düppeler Schanzen und entscheiden den Krieg für sich. Am 30. Oktober setzt der Friedensvertrag von Wien fest, dass Dänemark Schleswig, Holstein und Lauenburg an Österreich und Preußen abtreten muss

1865: Im Vertrag von Gastein erhält Preußen Lauenburg und Schleswig, Holstein fällt an Österreich

 

ARTE Serie

1864 – Liebe und Verrat in Zeiten des Krieges

Teil 1, 2 und 3:

Donnerstag · 11.6. · ab 20.15

Teil 4, 5 und 6:

Donnerstag · 18.6. · ab 20.15

Teil 7 und 8:

Donnerstag · 25.6. · ab 20.15

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Kategorien: Juni 2015