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Der Traum vom Gold

BR © Patrick Orth/Schramm Film

BR © Patrick Orth/Schramm Film

Der Ritt ins Ungewisse auf der Suche
nach Glück: Thomas Arslans Western „Gold“ besticht durch leise Töne, die einzigartige Stimmung vor der Kulisse Kanadas – und eine starke Nina Hoss in der Hauptrolle.

 

Im Sommer 1898, kurz nachdem die Kunde gewaltiger Goldfunde zum berühmten Goldrausch am Fluss Klondike im Norden Kanadas führte, schließt sich die Bremerin Emily Meyer, gespielt von Nina Hoss, mit fünf Landsleuten dem Treck des Geschäftsmanns Wilhelm Laser an. Er soll das halbe Dutzend Goldsucher 2.500 Kilometer nordwärts an die Grenze zu Alaska führen und bietet ihnen eine Route abseits jener Pfade an, die viele Tausende Glücksritter bereits ausgetreten haben: kürzer, billiger, aber – was er natürlich verschweigt – auch wesentlich unwegsamer und strapaziöser.

 

Ein fragiles Gefüge. Die Geschichte seines Westerns erzählt Thomas Arslan, Regisseur der Berliner Schule, die für reduzierte Bilder und karge Dialoge steht, in ruhigen Bildern und langsamem Rhythmus. So reiten die Glückssucher im Schritt los: Emily Meyer, die zuvor in Chicago als Hausmädchen gearbeitet hat, der schweigsame Carl Boehmer (Marko Mandic), der als Packer der Gruppe angestellt ist, der reizbare Reporter Gustav Müller (Uwe Bohm), der verzweifelte Familienvater Rossmann (Lars Rudolph) sowie das Ehepaar Dietz, das die Truppe bekocht, gespielt von Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser. Eine Zweckgemeinschaft, zusammengeschweißt allenfalls durch die Aussicht auf Erfolg ihrer Odyssee, geführt von einem Scout, dem sie Besitz und Leben anvertrauen und von dem sie – das mag kaum überraschen – rasch enttäuscht werden. Denn Laser ist ein Betrüger, zudem ohne besondere Ortskenntnis. Bei erster Gelegenheit versucht er, sich mit dem Geld für die künftigen Goldgräberlizenzen seiner Mitreisenden aus dem Staub zu machen und leitet so den Zerfall der Gruppe ein, deren Ziel sich mit jeder Meile, die sie voranschreiten, zu entfernen scheint. Thomas Arslan greift die klassischen Themen des Westerns auf, in dem Siedler, Trapper, Abenteurer im Planwagen die Zukunft erobern; doch er orchestriert die Suche nach Glück und einem besseren Leben als stille Symphonie des Scheiterns. Und kreiert Dramatik aus der Stimmung, der Stille.

 

Universale Geschichte der Einwanderer. Es ging ihm darum, sagte der Regisseur zum Kinostart 2013, zu erzählen, was der immense Kraftaufwand einer „wahnwitzigen Entfernung mit Individuen macht“. In diesem Fall einer Schar europäischer Flüchtlinge, die der amerikanischen Wirtschaftskrise jener Jahre durch erneute Flucht entkommen wollen – nur diesmal innerhalb Amerikas, das seine Verheißungen gleichfalls gebrochen hat. Diese Immigrationsgeschichte, sagt Arslan, Sohn türkischer Einwanderer, sei sein Link zu „Gold“: eine Handvoll jener sechs Millionen Leute zu beschreiben, die ihre Heimat wie einst seine Eltern ihr Land verlassen haben, in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Fremde. Wie für Arslans Familie auch ist für die Protagonisten nicht der Weg das Ziel. Es geht ihnen ums Glücksversprechen vom Yukongebiet im Norden Kanadas, bezahlt mit den letzten Dollars, erreichbar nur unter Lebensgefahr, und doch alternativlos.

 

BR © Patrick Orth/Schramm Film

BR © Patrick Orth/Schramm Film

 

 

Kein klassischer Western. Was das Westerngenre sonst ausmacht, steht in „Gold“ höchstens teilnahmslos am Wegesrand: Indianer, die ihr heiliges Land bewachen, skelettierte Leichen früherer Trecks, ein einsamer Irrer am Wegesrand, die Natur im kanadischen Yukon, die von hinreißender Schönheit ist, wofür die sieben Glückssucher aber kein Auge haben. Auch daher nennt Nina Hoss ihren Berlinale-Beitrag 2013 „Low-Budget-Arthouse-Film“, der eher wie ein „Roadmovie auf Pferden“ anmutet, ohne die dem Genre Western eigene Dramatik und Ästhetik.

Die Mimik der fabelhaften Hauptdarstellerin füllt allein ganze Kinosäle und ist Teil der dem Film ganz eigenen Sprache: reserviert, fast abwesend, gemäß der Zeit, in der der Film spielt. Wenn der dubiose Müller Emily eigennützig vor der Zudringlichkeit anderer warnt, wäscht sie weiter stur die Wäsche und weist ihn mit knapper Bitte um einen Moment Einsamkeit zurück. So positioniert sich die alleinstehende, also angreifbare Frau in einem abweisenden, aber zudringlichen Umfeld exakt zwischen Mut und Demut, die seinerzeit das Überleben sicherten. „Ich habe nichts, wofür es lohnen würde, zurückzukehren“, antwortet sie auf die Frage, ob sie den Treck bereue; das klingt daher wie ein Konzentrat aller Siedlerschicksale jener Zeit – und überhaupt aller Flüchtlingsschicksale zu jeder Zeit. Für diese distanzierte Empathie hat sich die Schauspielerin Hoss mit Reisebiografien, Filmklassikern, gar einer Reise zur Goldgräberstadt Dawson vorbereitet, was ihrem Spiel viel Authentizität verleiht. Mehr aber noch entsteht daraus eine weibliche Sicht, die der Männerdomäne Western sonst eher wesensfremd ist.

 

Allmächtige Natur. So reiht sich „Gold“ in die kurze Liste von Western mit femininer Handschrift ein: wie „Meek’s Cutoff“ von Kelly Reichardt, der 2011 den ereignislosen Zug dreier Familien gen Westen mit so furioser Intensität schildert, dass jede Schießerei dagegen einschläfernd wirkt;
wie auch Monte Hellmans „The Shooting“ von 1966 mit dem jungen Jack Nicholson als Auftragskiller der für damalige Verhältnisse ungebührlich toughen Hauptdarstellerin Millie Perkins, die Thomas Arslan offen als Inspirationsquelle für „Gold“ lobt; oder auch wie der Film „Bull Arizona“, der 1919 unter deutscher Regie erstmals Frauen im Treck thematisierte, wie seinerzeit üblich ohne Worte oder Farbe, also ähnlich wie „Gold“.

Anders als in den Sonnenuntergangsfilmen vom Technicolor-Western von John Ford bis zu Romanzen von Rosamunde Pilcher sorgt die eindrucksvolle Fotografie von Kameramann Patrick Orth allerdings nicht für Schauwert, sondern für Atmosphäre. Dem gelobten Land wird selten über goldene Prärien entgegengeritten, sondern durch dichtes Unterholz oder schneegepuderte Höhen. Unablässig raunt die Natur den matten Reitern zu: Ich bin stärker als ihr – ob als überwältigende kanadische Wildnis oder als destruktive Natur in den Protagonisten selbst. Zur monotonen Neil-Young-Gitarre aus Jim Jarmuschs Meisterwerk „Dead Man“ verläuft die Dämmerung daher gern ins Schwarz der drohenden Nacht und zeugt von Orientierungslosigkeit, Isolation, Angst vorm Morgen und dem Zerplatzen des Traums. Das „Gold“ im Titel bleibt da bloß fahles Licht der Verheißung. Ob es am Ende jemand finden wird, bleibt offen. Nina Hoss erzählte vor der Premiere des Films, dass die Stadt Dawson noch heute voller Goldschürfer sei. Nur ihre Gerätschaften seien moderner. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt.

Jan Freitag für das ARTE Magazin

 

ARTE plus

Klondike-Goldrausch

Der Goldrausch am Klondike River im kanadischen Yukon an der Grenze zu Alaska gilt als der größte der Geschichte. 1896 wurden dort erstmals größere Mengen Gold gefunden.
Als die Neuigkeit Monate später die Außenwelt erreichte, brachen geschätzt 100.000 Goldsucher in die Region auf: zunächst Westküstenbewohner, die vor der Wirtschaftskrise flohen und hofften, ihr Glück mit Gold zu machen, später dann auch Europäer und Asiaten. Für die Mehrheit von ihnen endete das Abenteuer tödlich, was den Strom der Glückssucher aber nicht abreißen ließ. Bis heute suchen Menschen am Klondike River nach Gold, insgesamt wurden laut dem Yukon-Ministerium für Energie, Bergbau und Ressourcen rund 600 Tonnen des Edelmetalls von dort in Umlauf gebracht

ARTE Western

Gold

Mittwoch · 10.6. · 20.15

 

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Kategorien: Juni 2015