TYPISCH FRANKREICH

Der frühe Ernst des Lebens

© Drushba Pankow

© Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche. Am 1. Juni ist internationaler Kindertag. Wie geht Erziehung in Frankreich?

 

Anfang des Jahres titelte das Magazin „stern“: „Eltern, erzieht uns endlich wieder!“ Der Nachwuchs von heute fordert klare Regeln, Konsequenz und Kontinuität, so das Ergebnis einer Befragung der Zeitschrift. Eltern sollen sich nicht wie Kumpels aufführen, sondern wie souveräne Erwachsene, die verlässlich sagen, wo im Leben der Hammer hängt.

Was den Deutschen zurzeit offenbar abgeht, haben Franzosen im Blut. Sie sind streng, manchmal militärisch streng. Kinder gehören ordentlich erzogen, Punkt. Wer zu nachgiebig ist, so die Überzeugung, macht den Nachwuchs orientierungslos. Außerdem: Einem Kind tut es nicht gut, zu lange allein mit Mama oder Papa zusammen zu sein. Es ist am besten in der Gemeinschaft aufgehoben, in der Krippe oder bei der Tagesmutter, unter seinesgleichen, und das möglichst früh. Kinder sind in Frankreich einfach da, viele Kinder. Wo käme man hin, würde man jedes einzeln von Hand betreuen?

Hilfe, sagt der Deutsche, ein Kind ist individuell zu fördern und zu beschützen, die Kindheit ist heilig und darf nicht durch Pflichten gestört werden: Das Kind soll spielen! Bloß nicht zu viel, sagt der Franzose, das Kind „doit rentrer dans le moule“, es muss sich anpassen, damit es im Leben klarkommt. Und daher übt ein französisches Kind eines zuallererst, „attendre“: warten, bis es an der Reihe ist.

Das heißt: Es wird gegessen oder probiert, was auf den Tisch kommt, es wird nicht rumgehampelt, es wird der Tisch mit abgeräumt, und wenn ein Erwachsener spricht, hält das Kind den Mund. Schon die Kleinen, sagt der Franzose, können das lernen: Höflichkeit und dass da andere Menschen sind, die Bedürfnisse haben. Auch ein Baby kann verstehen, dass es nicht der Mittelpunkt der Welt ist.

Und so verabschieden deutsche Väter und Mütter ihre Sprösslinge mit einem launigen „Viel Spaß in der Schule!“, während französische „Travaille bien!“ sagen („Arbeite gut!“) und „Sois sage!“ („Sei brav!“). Deutsche fragen vor dem Abendbrot ihr nörgelndes Kind verständnisvoll „Willst du schon was essen?“ Franzosen mahnen: „Wasch dir die Hände und gedulde dich.“ Deutsche sind stolz, wenn ihr Kind fantasievoll malt. Franzosen loben ihres ganz besonders, wenn es akkurat eine Vorlage ausmalt, ohne über die Linie zu kritzeln, denn dieses Kind kommt klar mit den Aufgaben, die man ihm stellt.

In kaum einem Bereich ist die Kluft zwischen unseren Ländern größer als bei der Erziehung. Und was das eine Land zu viel hat, hat das andere zu wenig. Macht eine freie Kindheit froh? Macht Strenge lebenstauglich? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Deutschfranzosen, könnte man folgern, müssen sehr glückliche Menschen sein.

 

Katja Ernst für das ARTE Magazin

 

Weitere französische und auch deutsche Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30,

Mehr zum Thema unter arte.tv/karambolage

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Kategorien: Juni 2015