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Schwerpunkt Cannes – Xavier Dolan

ARTE France / © Shayne Laverdière

ARTE France / © Shayne Laverdière

Xavier Dolan – Grenzenlos

Konformität und Bescheidenheit? Nichts für das Regiewunderkind Xavier Dolan. Porträt des Jungstars, dessen vielfach prämiertes
Drama „Laurence Anyways“ ARTE im Rahmen des Cannes-Schwerpunkts ausstrahlt.

 

Vor einem halben Jahr, sein Film „Mommy“ kam hierzulande gerade in die Kinos, sorgte Regisseur Xavier Dolan bei seinen zahlreichen Fans für eine Schrecksekunde: Im Gespräch mit der Münchner Abendzeitung diagnostizierte sich der da noch 25-Jährige freimütig ein Burn-out. „Fünf Filme in fünf Jahren: Mit diesem Nonstop-Tornado ist jetzt Schluss“, bekannte er und kündigte eine schöpferische Auszeit an. Dieser Begriff scheint im fabelhaften Schaffen des Xavier Dolan jedoch relativ zu sein, denn ein neuer Film ist längst in der Pipeline. Titel und Thema sind bereits bekannt: „The Death and Life of John F. Donovan“ soll das Drama eines Hollywood-Jungstars (Kit Harington, „Game of Thrones“) schildern, dem die angreifbare Korrespondenz mit einem Elfjährigen zum Verhängnis wird. Kinostart für diesen ersten englischsprachigen Film des Frankokanadiers ist voraussichtlich 2016 – so viel zum Thema Auszeit.

 

Hemmungslos selbstbewusst. Seit 2009 hat Xavier Dolan fünf Filme gedreht, zu denen er die Drehbücher schrieb, sich gerne als Hauptdarsteller besetzte und am liebsten noch die Kostüme und den Schnitt besorgte. Das Ergebnis ist massives, überwältigendes, manchmal die Grenze zur Hysterie streifendes Emotionskino. So feiert der gebürtigen Montrealer wunderbar verschwenderische Feste der Vitalität, wenn in seinen Filmen mit derart wild wuchernder Umgangssprache um sich geworfen wird, dass auch Frankofone immer wieder Untertitel benötigen. Oder er zelebriert regelrechte Soundtrack-Orgien, wenn in „Laurence Anyways“ die Musik von Fever Ray auf Beethovens Fünfte oder Brahms auf Céline Dion trifft. Auch spielt er unbekümmert mit den technischen Möglichkeiten des Films, etwa wenn in „Mommy“ kurzum das Bildformat geändert wird, weil die überbordenden Gefühle der Protagonisten dringend die Breitwand erfordern. All das platzt höchst selbstbewusst und provokant hinein in die Universen gemächlichen Filmemachens. „Soll man nun begeistert sein oder schwer genervt?“, fragte 2013 die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, um sich schließlich für vorsichtige Zustimmung zu entscheiden.

Bei den Filmfestspielen von Cannes, Dolans Bühne zum Welterfolg, war die Begeisterung von Anfang an groß. 2009 präsentierte er in der unabhängigen Nebenreihe „Quinzaine des réalisateurs“ sein Debüt „I Killed My Mother“, das von Hassliebe zur Mutter überschattete Coming-out eines Jugendlichen, mit Anne Dorval und Xavier Dolan selbst in den Hauptrollen. 2010 und 2012 landete er mit „Herzensbrecher“ und „Laurence Anyways“ in der Wettbewerbsjuniorreihe „Un certain regard“. Ein Jahr später präsentierte er „Sag nicht, wer du bist“ beim Festival in Venedig – eine klare Kampfansage an Cannes, das den so selbstsicheren Filmemacher trotz allen Lobs bislang nicht zum Hauptwettbewerb eingeladen hatte.

Letztes Jahr dann das einstweilige Happy End: „Mommy“ holte in Cannes den Preis der Jury, gewissermaßen die Bronzene Palme. Dolans bislang auch kommerziell größter Erfolg ist wie auch sein Debüt eine Mutter-Sohn-Geschichte, allerdings eine der vertrackteren Art. Diesmal verkörpert Anne Dorval eine hochvitale, mit prekärsten Verhältnissen zurechtkommende Frau, die sich aus der ödipalen Verstrickung mit ihrem ADHS-kranken Sohn (Antoine-Olivier Pilon) herauswindet.

 

Jenseits der Norm Wie nahezu alle Werke des offen homosexuell lebenden Regisseurs spielt auch „Laurence Anyways“ freudig mit den Geschlechtergrenzen. Der Literaturlehrer Laurence eröffnet seiner Geliebten Fred am Vorabend seines 35. Geburtstags, als Frau im Körper eines Mannes geboren zu sein und dieser Person „nicht länger das Leben stehlen zu wollen“. Nach einem Augenblick fundamentaler Irritation beschließt das Paar, daran seine Liebe nicht scheitern zu lassen. Fred begleitet Laurences erste Verwandlungsschritte, kauft ihm eine Perücke, steht ihm bei, als er seinen Job verliert, weil er in Frauenkleidern unterrichtet. Und dann, der Film hat gerade einmal seine halbe Strecke erreicht, kommt der Riss doch. Wie Melvil Poupaud und Suzanne Clément diese nicht totzukriegende Liebe spielen, ist sensationell. Am Ende ist Laurence eine elegant gekleidete, gefeierte Schriftstellerin, die beim Glamour-Interview mit tiefer Stimme eine coole ältere Journalistin verzaubert – und wer in solchem Rollenspiel Dolans erträumtes Alter Ego erahnt, tritt ihm gewiss nicht zu nahe.

In seinen bislang stärksten Filmen „Laurence Anyways“ und „Mommy“ überlässt das Allround-Genie das Schauspielen den anderen. Als Regisseur scheint er seinen festen Platz am Set gefunden zu haben. Und auch wenn das Etikett des Wuschelkopfs und Wunderkinds, oszillierend zwischen Kindlichem und Kindischem, dem 26-Jährigen bis heute anhaftet, die Zeit des Staunens ist vorbei. Die Vorfreude auf die Filme des erwachsenen Xavier Dolan, sie strahlt umso heller.

 

Jan Schulz-Ojala für das ARTE Magazin

 

 

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Kategorien: Mai 2015