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Die Königin der Stille

 

ZDF / © Agnieszka Zwiefka

ZDF / © Agnieszka Zwiefka

Dancing Queen

„Dieser Film ist ein Märchen“, sagt Regisseurin Agnieszka Zwiefka über ihren Dokumentar-film „Die Königin der Stille“. Im Fokus steht das Roma-Mädchen Denisa – die Welt, in der sie aufwächst, ist von Armut geprägt. Denisas mitreißende Antwort: Sie tanzt.

 

Sie lebt im polnischen Breslau in einem Barackendorf ohne Strom und fließendes Wasser: eine Gemeinschaft von 80 Roma. Unter ihnen ist Denisa, zehn Jahre alt, gehörlos – und leidenschaftliche Tänzerin. Der Härte des Alltags setzt sie die Welt Bollywoods entgegen, imaginär, bunt und glamourös. Die Dokumentarfilmerin Agniezska Zwiefka drehte mit „Die Königin der Stille“ einen sensiblen, ungeschönten Film. Das ARTE Magazin sprach mit ihr über die Roma, diese ungeliebte Minderheit mitten in Europa, und eine rebellische Heldin, die für die Nöte ihres Volkes steht: Denisa.

 

ARTE: Wie kamen Sie dazu, einen Film über die Roma zu drehen?

Agnieszka zwiefka: Wir sehen die Roma auf den Straßen betteln, haben eine Meinung von ihnen, wissen aber nicht viel über die Ursachen und Umstände ihrer Lebensform. Sie leben isoliert, schotten sich ab. Ich wollte einen Blick hinter die Mauer werfen und herausfinden, wie es ist, ein Roma zu sein. Filme über Roma gibt es einige, aber keinen, der ihr Leben aus ihrer Perspektive zeigt.

ARTE: Wie konnten Sie denn so unbehelligt filmen?

Agnieszka zwiefka: Ich habe drei Jahre in dem Camp verbracht. Zuerst nannten sie mich „die Verrückte“, weil ich ankam und sagte „Ich bin Agnieszka und möchte einen Film über euch machen.“ Heute sind sie nicht mehr „die Roma“ für mich, sondern Parola, Irena, Marta. Ich war auch in schwierigen Momenten bei ihnen, wenn sie seit Tagen nichts gegessen hatten. Ich dachte, dass es das im Europa des 21. Jahrhunderts nicht mehr gibt.

ARTE: In „Die Königin der Stille“ steht eine Zehnjährige im Mittelpunkt, die weder hört noch spricht: Denisa. Warum sie?

Agnieszka zwiefka: Das war unausweichlich. Ich besuchte das Dorf seit einem Jahr, als Denisa dort ankam. Von da an war es unmöglich, jemand anderen zu filmen als sie. Ständig sprang sie vor die Kamera. Wir haben Witze gemacht, dass sie die Co-Regisseurin ist. Genau das war ihre Idee: Sie wollte die Kamera benutzen, um sich mitzuteilen. Sie ist ein starker, positiver Mensch, ein Powerpaket, eine Kämpfernatur und ein Symbol für die Roma.

ARTE: Inwiefern?

Agnieszka zwiefka: Sie ist eine Ausgestoßene unter Ausgestoßenen, und das mehrfach: als Mädchen in einer männerdominierten Gesellschaft, als behindertes Kind und als Roma, illegal in Polen.

ARTE: Warum ist ihre Familie illegal in Polen?

Agnieszka zwiefka: Sie sind Rumänen. Rumänien ist Mitglied der EU, aber nicht des grenzfreien Schengen-Raums. Sie dürfen drei Monate in Polen bleiben, danach ist der Aufenthalt illegal.

ARTE: Haben sie Pässe?

Agnieszka zwiefka: Einige von ihnen. Manche Kinder haben gar keine Papiere, nicht einmal eine Geburtsurkunde. Das macht es noch mal schwieriger, eine Aufenthaltserlaubnis zu beantragen. Und kaum jemand von ihnen kann lesen und schreiben.

ARTE: Bekommen sie Hilfe vom Staat?

Agnieszka zwiefka: Nein, nichts. Für die polnischen Behörden existieren diese Menschen nicht.

ARTE: Denisa sorgt mittels Ihres Films dafür, dass sie sehr wohl wahrgenommen wird. Wie dreht man mit jemandem, der gehörlos und stumm ist?

Agnieszka zwiefka: Denisa kann nicht sagen, was sie fühlt, sie beherrscht keine Gebärdensprache. Tanzen ist für sie eine Möglichkeit, sich zu äußern. Sie tanzt immer und überall. Wir waren dabei, als sie ausrangierte Bollywood-DVDs aufstöberte und begann, sich für diese Welt zu begeistern. Sofort war klar, dass der Film zwei Ebenen haben würde: eine strikt dokumentarische und eine tänzerische, als Musicalebene in der Ästhetik von Bollywood. Dafür haben wir den Choreografen Maciej Florek engagiert. Er trainierte mit Denisa und den anderen Kindern sowie erwachsenen Laien und Profis.

ARTE: Sind die Tanzszenen ein Gegengewicht zur traurigen Lebenswelt der Kinder?

Agnieszka zwiefka: Spiel und Tanz sind ihre Überlebensstrategie. Für Denisa gilt das noch einmal mehr. Alle Kinder im Camp verwandeln die Wirklichkeit mit ihrer Fantasie in etwas weniger Furchteinflößendes, in etwas, das ein Mensch überleben kann. Das wollte ich zeigen. Sie geraten sehr oft in kritische Situationen; ich rede nicht nur von Hunger, sondern von der Feindseligkeit der Bevölkerung. Ich war dabei, als eine rechte Gruppierung Feuer legte. Als schließlich alles vorbei war, wollte ich die Polizei rufen, doch die Kinder fingen an zu spielen. Der Film zeigt das Leben der Roma, wie es ist – und wie ein Kind es sieht. Er ist ein Märchen.

ARTE: Ihr Film zeigt Bettelszenen und Kinder, die in Kleidercontainern wühlen. Bestätigt er Vorurteile?

Agnieszka zwiefka: Natürlich zeige ich all das, es ist Teil ihres Lebens. Aber man sieht diese Szenen auch aus der Perspektive der Roma: wie es ist zu betteln. In einer Szene wirft ein Passant der Großmutter eine Kupfermünze vor die Füße, ein Hohn.

 

ZDF / © Agnieszka Zwiefka

ZDF / © Agnieszka Zwiefka

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ARTE: Wie würden die Roma gerne leben?

Agnieszka zwiefka: Man kann sie nicht über einen Kamm scheren. Manche entsprechen den Klischees, andere nicht. Denisas Vater ist einer von denen, die arbeiten und in eine Wohnung ziehen möchten. Aber niemand stellt ihn ein. Und niemand möchte „Zigeuner“ als Nachbarn.

ARTE: Was kann man also tun?

Agnieszka zwiefka: Ich denke, man muss bei den Kindern ansetzen. Mein Traum wäre, sie alle in die Schule zu schicken. Die Kinder haben sich verändert, während wir im Camp waren. Unser Choreograf sagte, uns sei das Unmögliche gelungen: Alle kamen pünktlich zur Probe, das wäre am Anfang undenkbar gewesen. Vielleicht, weil es nachher Pizza gab oder weil sie Aufmerksamkeit von jemandem erfahren haben, der nicht im Camp lebt.

ARTE: Warum haben wir bis heute keine Lösung gefunden, mit Sinti und Roma zu leben?

Agnieszka zwiefka: Politiker arbeiten für Wähler und „Zigeuner“ wählen nicht. Man kehrt das Pro-blem unter den Teppich. Frankreich weist Sinti und Roma aus, aber sie kommen zurück, die Grenzen sind offen. Es ist nicht leicht, das Problem zu lösen. Aber es zu ignorieren, hilft nicht weiter.

ARTE: Im Film sieht man, dass das Camp von der Räumung bedroht ist. Wo sind die Roma heute?

Agnieszka zwiefka: Im Camp. Der Prozess wurde eingestellt, weil wir mit HBO/ARTE drehten. Die Stadt Breslau wollte keine negative Publicity.

ARTE: Die Familie schickt Denisa am Ende des Films allein nach Rumänien. Warum?

Agnieszka zwiefka: Denisa ist ein Störenfried, eine Rebellin, eine lausige Hilfe im Haushalt und sie bettelt schlecht. Sie interessiert sich nur fürs Tanzen. Wenn Betteln nicht genug einbringt, um alle Kinder satt zu bekommen, schicken sie eines nach Rumänien. Aus unserer Sicht ist das hart.

ARTE: Wie hat Denisa reagiert?

Agnieszka Zwiefka: Sie war traurig. Dann beschloss sie, das Beste aus der Situation zu machen. Und sie ließ ihr Hörgerät in Polen, das sie dank einer NGO bekommen hatte. Sie will nicht hören in dieser Welt. Ich fand das so erstaunlich für ein Kind von zehn Jahren, dass klar für mich war: Sie ist „Die Königin der Stille“.

 

 

Katja Ernst für das ARTE Magazin

 

 

 ARTE INTERVIEW

Agnieszka Zwiefka, geboren 1978 in Breslau, ist Autorin und Filmemacherin. 2010 gründete sie ihre Firma Chilli Productions. „Die Königin der Stille“ ist ihr zweiter Dokumentarfilm

 

ARTE PLUS

Sinti und Roma in Europa

10-12 Millionen Sinti und Roma leben in Europa, davon sechs Millionen als EU-Bürger; sie sind hier die größte ethnische Minderheit

70.000 Sinti und Roma besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft; 80.000 bis 140.000 leben in Deutschland

2011 forderte die Europäische Kommission von den EU-Ländern Strategien der Integration bis 2020

50 Prozent aller Deutschen denken, dass Sinti und Roma durch ihr eigenes Verhalten Feindseligkeit hervorrufen, so eine Studie der Anti-diskriminierungsstelle des Bundes (2014)

 

 

 

ARTE Dokumentation

Die Königin der Stille

Freitag, 22.5.,22.40

 

 

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Kategorien: Mai 2015