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Amerikas Naturwunder

© Doclights GmbH NDR Naturfilm

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Spektakuläre Natur in Bildern mit Wow-Effekt – ARTE zeigt eine
achtteilige Dokureihe über die schönsten Nationalparks der USA.
Wie solche Aufnahmen zustande kommen, erzählt uns der passionierte und mehrfach ausgezeichnete Tierfilmer Oliver Goetzl.

Schon als Kind war Oliver Goetzl tierverrückt, steckte Würmer in die Hosentaschen oder legte seiner Mutter beim Sonnenbaden Eidechsen auf den Bauch. Heute ist der 46-jährige Biologe einer der renommiertesten Tierfilmer Europas. Zusammen mit Kameramann Ivo Nörenberg hat er die begehrtesten Preise des Genres abgeräumt. Für die achtteilige ARTE-Reihe „Naturwunder Amerikas“ war das Team in zwei Nationalparks unterwegs: im Yellowstone im Nordwesten der USA und im kalifornischen Yosemite. Dem ARTE Magazin hat Goetzl seinen aufregenden Beruf beschrieben, in dem vor allem eines zählt: Leidenschaft.

„Yellowstone, der älteste Nationalpark der Welt, fasziniert mich seit meiner Jugend. Überall dampft und brodelt es. Eines der spannenden Naturphänomene dort ist die drittgrößte heiße Quelle der Welt, die Grand Prismatic Spring; sie ist unglaublich farbig durch die Bakterien, die an den Rändern siedeln, ihr Wasser ist karibisch blau … In den extremen Wintern, wenn es bis minus 40 Grad kalt ist, gefriert die Luft und es ensteht der Diamantregen. Davon haben wir schöne Zeitlupenaufnahmen im Film. Außerdem findet man dort eine Großtierwelt wie sonst nur noch in Afrika: Bisons, Wölfe, Braunbären, Schwarzbären, Koyoten.

Bei der Vorbereitung für einen Dreh haben wir als Grundgerüst die sogenannten „key species“ im Kopf, die Arten, die ein Muss für eine bestimmte Gegend sind – in Yellowstone sind es Bisons und Wölfe, in Yosemite Rotluchse und Maultierhirsche. Mit Wissenschaftlern vor Ort stimmen wir unsere Vorrecherche ab. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Ansätzen für Geschichten oder aber wir versuchen, Geschichten technisch anders zu erzählen. Seit 2004 haben wir deshalb stets in die Technik investiert, wir waren das zweite Team in Deutschland mit HD-Kamera. Aufnahmen von oben drehen wir normalerweise im Heißluftballon. Im Yellowstone geht das wegen der heißen Quellen nicht, da mussten wir den Helikopter mit Cineflex-Kamera buchen. Damit bekommt man sehr stabile Bilder und kann gut heranzoomen. Da das 20.000 Dollar für ein paar Stunden kostet, muss es allerdings gut geplant sein.

Manchmal harren wir Wochen aus, um ein Tier vor die Kamera zu bekommen. Gefährlich ist das selten, Wölfe beispielsweise haben keinerlei Interesse, sich mit uns anzulegen. Um scheue Tiere zu überlisten, setzen wir Hightech ein – Tarnanzüge mit einer Beschichtung, die unseren Körpergeruch wegfiltert. Außerdem haben wir Tarnzelte und -netze. Damit bauen wir Verschläge mit Loch für die Kamera. Um Vögel zu filmen, lassen wir sie auch durchaus mal eine Woche aufgebaut stehen und hängen eine Flasche davor, damit sich der Vogel an das Spiegeln der Linse gewöhnt. Die Linsen sind das größte Problem, weil man sie logischerweise nicht verdecken kann. Mittlerweile gibt es aber auch daumengroße Linsen für ferngesteuerte Kameras, gerade für Vogelnester ideal. Manche Tiere wollen auch mit der Kamera spielen. Für diesen Fall hat mein Kollege Ivo eine Art Hupe eingebaut. Ein Eingreifen unsererseits könnte sie zum Umzug bewegen und wir wollen das natürliche Verhalten filmen und erreichen, dass die Tiere uns akzeptieren. Das braucht Zeit. Dafür lässt man sich auch mal etwas kaputt machen, es ist uns schon öfter passiert, dass zum Beispiel ein Bär eine Kamera im Fluss versenkt hat.

© Doclights GmbH NDR Naturfilm

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Die 250 Stunden Hauptkamera-Material sowie weitere 200 Stunden des Materials der ferngesteuerten Kamera, das wir für eine solche Dokumentation drehen, versuche ich, so authentisch wie möglich zu schneiden. Kleine Eingriffe sind dennoch unvermeidbar. Beispielsweise die Szene mit dem Bisonkalb, das seiner Mutter beim Flussüberqueren abhandenkommt. Sie veranschaulicht gut unsere Arbeit während des Drehs und bei der Bearbeitung danach. Das Kalb wurde von der Strömung abgetrieben. Am nächsten Tag fanden wir ein Kalb auf einer kleinen Insel. Ich kann nicht garantieren, dass es genau dieses Kalb war, weil das dort täglich passiert, halte es aber für sehr gut möglich … Wir haben in der Nähe der Insel zwei Tage lang gewartet, weil das fünf Kilometer von einer Wolfshöhle entfernt war und wir wussten, dass früher oder später etwas passieren würde. Da wir im Nationalpark weder eingreifen können noch dürfen, waren wir erst einmal gelassen. Doch dann packen einen die Gefühle, wenn man dieses Kleine sieht, wie es, fast am Verdursten, versucht, Wasser zu trinken, was aber nicht gelingt, weil es auf Saugen programmiert ist. Und dann wird es dramatisch, wenn sich der erste Wolf nähert, aber vorbeiläuft, weil der Wind ungünstig steht und er es nicht wittert. Und dann noch einer … Und schließlich der letzte, noch eher unerfahren, der versucht, das Kalb niederzudrücken, es aber nicht schafft, weil es tatsächlich noch die Energie aufbringt, sich zur Wehr zu setzen. Schließlich tauchte wie durch ein Wunder die Mutter auf … An dieser Stelle habe ich zwei Bilder von einer am Fluss entlangtrabenden Bisonkuh hineingeschnitten, aber die echte Mutter kam ganz genauso angetrabt, und wäre eine zweite Kamera an der richtigen Stelle platziert gewesen, hätten wir sie gehabt. Wir hatten aber nur eine Kamera. Später im Schnitt braucht man dann Bilder, die die Situation auffüllen. Das ist Filmemachen. Die Zuschauer wollen keine langatmigen Szenen mit Bildern aus derselben Perspektive und derselben Größe sehen.

Unser nächster Film, der uns die kommenden drei Jahre beschäftigen wird, hat die weißen Wölfe der Arktis in Nordkanada zum Thema. Das ist wirklich der Kindheitstraum schlechthin. Aber man muss auch wissen, dass unser Job auch aus viel Vorbereitung, Gebastel, Recherche, Abstimmung, Schnitt besteht – viel Management einfach. Leidenschaft bleibt dennoch die wichtigste Eigenschaft eines Tierfilmers. Geduld, wie oft vermutet wird, braucht man vor allem bei Behörden, für Drehgenehmigungen und auf Flughäfen … Das Drehen macht vielleicht ein Drittel der Arbeit aus. Und bei diesem Teil wird das Hobby zum Beruf.“.

Nina Vey für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

Das Filmteam

2004 gründeten Oliver Goetzl und Ivo Nörenberg, die sich seit Jugendtagen kennen, ihre Produktionsfirma für Naturfilme Gulo Film Productions. Sie arbeiten u.a. für den NDR, den WWF, die BBC und Disneynature

 

 

ARTE Dokureihe

Amerikas Naturwunder

Montag, 18.5. bis Mittwoch, 27.5.,jeweils 19.30

 

 

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Kategorien: Mai 2015