GESELLSCHAFT

Allahs junge Rekruten

 

 ZDF / © C-Films/Dominik von Alst

ZDF / © C-Films/Dominik von Alst

Allahs junge Rekruten

Auf offener Straße werben radikale Salafisten Jugendliche an – und machen sie anfällig für religiös motivierten Terror. Ein ARTE-Themenabend deckt ihre Rekrutierungsmechanismen auf. Der Islamexperte Ahmad Mansour schlägt Alarm.

 

„Deutschland wird in naher Zukunft Ziel salafistisch motivierter Anschläge“, sagt Ahmad Mansour. Der Islamexperte ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Hayat, einer vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanzierten Beratungsstelle, die Jugendliche und ihre Familien beim Ausstieg aus der salafistischen Szene unterstützt. Seit der Gründung von Hayat 2011 hat die Berliner Initiative
140 Familien von Jugendlichen betreut, die „religiöse Radikalisierungstendenzen“ zeigen. Viele von ihnen sollten für den Dschihad in Syrien oder im Irak rekrutiert werden. Worin besteht der Reiz dieser radikalen Variante des Islamismus? Und was kann man ihm entgegegensetzen? Bestandsaufnahme mit Ahmad Mansour.

 

Islamismus und Salafismus – sprechen wir hier von ein- und demselben Phänomen?

Islamismus ist im weitesten Sinn eine politische, demokratiefeindliche Islaminterpretation. Eine besonders radikale Strömung des Islamismus ist der Salafismus, bei dem es sich ursprünglich um ein rein theologisches Phänomen handelte. Das arabische Wort „Salaf“ bedeutet schlicht „Vorfahre“. Salafisten orientieren sich an der Zeit des Propheten und den vier Generationen nach ihm. Was der Prophet gesagt hat, muss ihnen zufolge unverändert in die heutige Zeit adaptiert werden. Gefährlich macht sie ihr Buchstabenglaube, die wortwörtliche Auslegung des Korans und seine politische Ausrichtung. Dabei muss man unterscheiden zwischen politischen Salafisten, die Gewalt ablehnen, und denen, die sie befürworten und auch einsetzen. So sind zwar nicht alle Salafisten Dschihadisten; aber der Ursprung von Terrororganisationen wie IS oder Al-Qaida ist ganz klar salafistisch.

 

Der Salafismus übt eine große Anziehungskraft auf Jugendliche in Europa aus. Warum?

Jugendliche in Europa sind anfällig für Religiosität, sie suchen diese geradezu. Eine Ideologie wie
der Salafismus, die in einer pluralistischen Gesellschaft klare Regeln aufstellt, erscheint da vielen wie eine Befreiung. Sie gibt Antworten und Orientierung. Die Jugendlichen müssen nicht überlegen, was sie mit ihrer Zukunft machen, denn sie haben die Gelehrten, die ihnen den Weg zeigen. Der Salafismus bietet ihnen eine Ideologie, mit der sie sich aufwerten und andere abwerten können. Anfällig dafür sind alle, die auf der Suche nach Halt im Leben sind. Wichtig aber ist: Salafismus funktioniert wie jede x-beliebige Ideologie, das heißt, es ist zunächst nebensächlich, ob man von Rechts-, Linksextremen oder eben Salafisten abgehholt wird – das Schema ist dasselbe. Psychologisch entscheidend ist, dass Ideologien Emotionalität und Nähe schaffen. Im Salafismus finden viele außerdem die Vaterfigur, die ihnen zu Hause fehlt. Diese Ideologie bietet ihnen einen Gott, der bestraft, der Regeln aufstellt und sagt, wo es langgeht. Die Anfälligen sind aber nicht nur – wie manche Experten meinen – Versager oder Bildungsferne. Da ist jede soziale oder ethnische Gruppe vertreten, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, vom Gymnasiasten bis zum Hauptschüler.

 

ZDF / © C-Films/Jochen Blum

ZDF / © C-Films/Jochen Blum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ist der Salafismus mit popkulturellen Jugendbewegungen vergleichbar?

Diese „Generation Allah“, wie ich sie nenne, ist definitiv eine Pop- und Jugendkultur. Das sind junge Menschen, die ihre Ideologie frei und selbstbewusst äußern. Der Unterschied zu anderen Jugendkulturen wie beispielsweise Punk ist aber, dass sie ihre Identität aus der Religion schöpfen. Doch Vorsicht: „Popkultur“ klingt harmlos. Salafismus ist eine aggressive Ideologie, die nicht wie normale Jugendkulturen in zehn Jahren wieder verschwunden sein wird. Die Mechanismen sind zwar dieselben – Protest gegen das Establishment –, aber der Salafismus spricht ein viel breiteres Publikum an. Wir haben es hier mit einem regelrechten Generationenproblem zu tun, nicht nur mit ein paar Tausend salafistisch orientierten Jugendlichen.

 

Wie rekrutieren Salafisten ihre Anhänger?

Die jungen Menschen werden angesprochen. Der entscheidende Kontakt findet auf der Straße statt, nicht im Internet oder in sozialen Netzwerken – diese wirken nur verstärkend. Die wichtigste Propagandamaßnahme ist die Straßenaktion „Lies“, bei der Salafisten in Fußgängerzonen den Koran verteilen. An sich ist das eine normale Übersetzung des Korans – aber die Leute, die ihn dort verteilen, sind radikal. Wir wissen ganz genau, dass sie im Hintergrund auch rekrutieren und Kontakte herstellen zu radikalen Gruppen in Syrien und im Irak. Sie arbeiten mit einer vielschichtigen Propaganda, die unterschiedlichste Gruppen anspricht: Frauen, die sich von ihren Eltern befreien und ihre salafistischen Idole heiraten wollen, einfache Menschen, denen man vortäuscht, in Syrien ihren Glauben freier leben zu können als hier, und vor allem Jugendliche, die das Abenteuer suchen – um dann als Kanonenfutter zu enden.

 

Wie kann man diesen religiösen Fanatismus und Gesinnungsterror bekämpfen?

Entscheidend ist die Präventionsarbeit: Wir müssen Jugendlichen eine Alternative zur salafistischen Islaminterpretation anbieten. Das geht nur über Meinungsbildung an Schulen, Jugendzentren und in sozialen Netzwerken. Wenn wir als Zivilgesellschaft nichts tun, übernehmen das die Islamisten. In deutschen Großstädten sind die mittlerweile die besseren Sozialarbeiter, denn sie holen die Jugendlichen dort ab, wo sie sind. Unsere Sozialarbeit hinkt 20 Jahre hinterher. Es muss aber auch eine innerislamische Debatte stattfinden. Ich bin selbst Muslim und trinke ab und zu Alkohol – für die Jugendlichen, mit denen ich arbeite, unfassbar. Und doch sind viele dankbar, wenn man sie von religiösen Dogmen befreit

 

 

Julian Windisch für das ARTE Magazin

 

ARTE INTERVIEW

Ahmad Mansour

Ahmad Mansour, arabischer Israeli, Dipl.-Psychologe und Autor, leitet Jugendprojekte
zu Themen wie Gleichberechtigung, Antisemitismus und Radikalisierung; Programmdirektor bei der European Foundation for Democracy

 

 

 

ARTE Themenabend

Im Sog der Salafisten

Dienstag, 5.5., Dokumentarfilm 20.15, Gespräch 21.45

 

 

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Kategorien: Mai 2015