FILM

70 Jahre Rainer Werner Fassbinder

SWR / © SWR/RWF Foundation

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„Etwas Geniales blitzte durch“

Genie, Tyrann, Provokateur: Rainer Werner Fassbinder wäre am 31. Mai 70 geworden. Im Interview erinnert sich der gefeierte Kameramann Michael Ballhaus an den Kultregisseur und an die Dreharbeiten zu „Die Ehe der Maria Braun“.

 

Als der Regisseur Rainer Werner Fassbinder und der Kameramann Michael Ballhaus 1971 für ihren ersten Dreh zum Film „Whity“ aufeinandertrafen, war das der Anfang einer einzigartigen künstlerischen Zusammenarbeit: Sie drehten insgesamt 16 Filme. Später feierte der deutsche Kameramann Erfolge in den USA – mit Stars wie Martin Scorsese und Francis Ford Coppola. Mit uns sprach Ballhaus über Fassbinders geballte Energie, einen schlechten ersten Eindruck und das, was er ihm zu verdanken hat.

 

ARTE: Auch 33 Jahre nach seinem Tod ist Fassbinder immer noch groß. Wieso eigentlich?

Michael Ballhaus: Weil er sich sehr für Deutschland interessiert und Deutschlandbilder entworfen hat. Wie eine Zeitung bildete er gesellschaftliche Strömungen und Stimmungen ab. Deswegen funktionieren manche seiner Filme heute auch nicht mehr – und andere umso besser. In diese Deutschlandbilder ist alles eingegangen: sein Blick auf Unterprivilegierte, die sogenannten kleinen Leute, auf Menschen, die wegen ihrer Sexualität oder Hautfarbe diskriminiert werden.

ARTE: Prägte dieser Blick seine Arbeitsweise?

Michael Ballhaus: Ja, und in seiner Auseinandersetzung mit den Machtverhältnissen spiegelten sich wiederum die Machtverhältnisse bei den Dreharbeiten. In der Gruppe, die er sich erschuf, benahm sich Fassbinder manchmal geradezu despotisch.

ARTE: Warum, glauben Sie, tat er das?

Michael Ballhaus: Er wuchs ohne Vater auf, und als seine Mutter einen neuen Lebenspartner hatte, der ihren Sohn nicht leiden konnte, wurde er in ein Zimmer ausquartiert. Da lebte er alleine und ging viel ins Kino. Sein bodenloses Liebesbedürfnis machte ihn verletzlich und ließ ihn später wiederum die Menschen, mit denen er Filme drehte, seine „Familienmitglieder“, verletzen.

 

 

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ARTE: Was war Ihr erster Eindruck von Fassbinder?

Michael Ballhaus: Nicht der allerbeste. Bei unserem ersten gemeinsamen Film „Whity“, den wir 1971 in Spanien drehten, wurde ich von ihm extrem unfreundlich empfangen. Fassbinder wollte mich nicht haben, er wollte einen anderen Kameramann, der nicht konnte. Er nannte mich die ganze Zeit nur „Herr Ballhaus“. In seinen Augen war ich nur der Fernsehheini. Ich hoffte nur, die Dreharbeiten würden schnell vorbeigehen. Aber dann merkte ich, was da für eine Kraft am Werk war.

ARTE: Fassbinder hat seinen engen Mitarbeitern Spitznamen gegeben. Hatten Sie auch einen?

Michael Ballhaus: Sonja! Natürlich musste ich einen Mädchennamen haben. Er wollte wohl unbedingt, dass ich meine feminine Seite entdecke …

ARTE: Wurden Sie von Fassbinder offen so genannt? Oder hinter vorgehaltener Hand?

Michael Ballhaus: Hinter vorgehaltener Hand ist bei Fassbinder überhaupt nichts passiert!

ARTE: Was hat Sie bei der Arbeit mit Fassbinder am meisten beeindruckt?

Michael Ballhaus: Er hat in Bildern und deren Rhythmus gedacht. Beim Dreh einer Szene wusste man schon, wie sie später geschnitten werden würde. Für mich als Kameramann war das sehr wichtig.

ARTE: Nach 16 gemeinsamen Filmen kam es dann zum Bruch. Weshalb?

Michael Ballhaus: Mit Fassbinder einen Film zu drehen war so, als ob man drei Filme mit anderen machte, wegen der geballten Energie und Anspannung, die in dieser Arbeit drinsteckte. Nach so vielen Jahren war es dann einfach genug.

ARTE: Ihr letzter gemeinsamer Film war „Die Ehe der Maria Braun“ im Jahr 1979. Was ist Ihre stärkste Erinnerung an die Dreharbeiten?

Michael Ballhaus: Die innerliche Ablösung von Fassbinder. Meine Frau Helga machte damals die Ausstattung des Films. Und Fassbinder verliebte sich in ihren jungen Assistenten. Das ging so weit, dass er meiner Frau verbot, zum Set zu kommen. Helga und ich wollten eigentlich aussteigen, entschieden uns aber professionell zu sein und weiterzumachen. Fassbinder stand zudem während des Drehs unter Drogen und änderte oft seine Meinung. Das war schwierig, brachte aber auch beeindruckende Ergebnisse hervor. Bei dem Film haben Fassbinder und ich eine Szene besprochen, die in einem Raum spielen sollte, und ich leuchtete alles ein. Dann ging er in seinen Wohnwagen, nahm Koks, kam heraus und sagte: „Wir drehen die Szene draußen.“ Ich sagte: „Wie bitte?“ Aber die Idee war genial. Es ist die Szene, in der Hanna Schygulla mit ihrem schwarzen Liebhaber durch den Garten geht und Englisch lernt. Ein langer Schwenk, in dem
sie die Worte wiederholt. Eine wunderschöne Szene, viel schöner, als wenn wir sie drin gedreht hätten. Plötzlich blitzte bei ihm etwas so Geniales durch, dass mir egal war, wie es zustande kam.

ARTE: In diesem Film hat man den Eindruck, dass Sie Hanna Schygulla mit Licht modelliert haben.

Michael Ballhaus: Bei Hanna Schygulla sagte Rainer: „Du muss sie beleuchten wie eine Diva. Sie ist der Star.“ Dann habe ich sie eben so ausgeleuchtet, dass sie immer schön aussah.

ARTE: Sie scheinen im richtigen Moment nach Amerika gegangen zu sein, als sich der Neue Deutsche Film neu erfinden musste.

Michael Ballhaus: Das habe ich genauso empfunden. Aber ich habe Fassbinder auch einen Gutteil meiner US-Karriere zu verdanken, denn er war dort sehr bekannt. Als wir 1977 für eine Fassbinder-Retrospektive in die USA reisten, brachte am nächsten Tag die New York Times eine ganze Seite, auf der er in den Himmel gelobt wurde.

ARTE: Wenn Fassbinder heute vor Ihrer Tür stehen würde, was würden Sie ihm sagen?

Michael Ballhaus: Wir haben dich sehr vermisst, weil du keine Filme mehr gemacht hast.

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Katja Nicodemus für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

Filmografie

Geboren am 31. Mai 1945 im bayerischen Bad Wörishofen und gestorben am 10. Juni 1982 in München, gilt Fassbinder als einer der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films. Sein filmisches Erbe verwaltet heute die Rainer Werner Fassbinder Foundation um seine Cutterin und Ex-Partnerin Juliane Lorenz

Filmografie

„Querelle“ (1982); „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982); „Berlin Alexanderplatz“ (1980); „Die Ehe der Maria Braun“ (1979); „In einem Jahr mit 13 Monden“ (1978); „Deutschland im Herbst“ (1978); „Faustrecht der Freiheit“ (1974); „Fontane Effi Briest“ (1974); „Martha“ (1974); „Angst essen Seele auf“ (1973); „Welt am Draht“ (1973); „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972); „Händler der vier Jahreszeiten“ (1971)

(Auswahl)

 

 

ARTE Hommage

70. Geburtstag Rainer Werner Fassbinder

Mittwoch, 27.5.,20.15,

Die Ehe der Maria Braun, Melodram, 20.15, Fassbinder, Dokumentarfilm, 22.10

 

 

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Kategorien: Mai 2015