GESCHICHTE

Von kurzer Blüte

 

© C-Films Deutschland/Gerrit Gronau/Sandra Müller

© C-Films Deutschland/Gerrit Gronau/Sandra Müller

Berlin in den Goldenen Zwanzigern: aufstrebend, frech, überschäumend. Eine seiner geistreichsten und kritischsten Stimmen ist Kurt Tucholsky. ARTE lässt in einer Doku-reihe diese Ära lebendig werden.

Berlin erwacht. Aufbruchsstimmung prägt das kulturelle und geistige Klima der Stadt in den 1920er Jahren. „Berlin wird nicht von Engeln bewohnt, aber es gibt nur diese Stadt, in der man leben möchte“, wird Kurt Tucholsky (1890–1935) eingangs in der ARTE-Dokumentation zitiert. Nach dem Ersten Weltkrieg, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, ist in der Hauptstadt der wilde Drang einer Generation zu spüren, die, vom Krieg befreit, das Leben genießen will. Auf den Betrachter wirkt die Stadt wie ein riesiger Unterhaltungsbetrieb, der Künstler jeder Couleur anzieht. Vorbei das Pathos der Gründerzeit und die Prüderie der Kaiserzeit, Berlin befreit sich von gesellschaftlichen und moralischen Zwängen, feiert und frönt dem Konsum. Die Menschen strömen in die Kinos, der Sound der Erneuerung und der ungehemmten Lebenslust tönt aus den Tanzlokalen, Nachtrevuen und Kabaretts. Dazu raunzt die Chansonnière Claire Waldoff, eine der frechsten Stimmen der Zeit, mit Berliner Charme und unverwechselbar rauer Stimme ihre schnellen, witzigen, sozialkritischen Lieder. Theater und Varietés sprießen aus dem Boden, der Jazz hält Einzug und Josephine Baker bringt den Charleston aus Amerika nach Berlin, wo er begeistert aufgenommen wird. Während in den Arbeitervierteln Armut und Hunger herrschen, sind für die, die es sich leisten können, diese Zwanziger golden. Der Lebensstil aus rastloser Vergnügungssucht und sexueller Freizügigkeit sei, so der „Spiegel“ 2012, vergleichbar mit dem Motto des Rock ’n’ Rolls: „Live fast, die young.“

Hurra, wir leben! Die kulturelle Blüte der Weimarer Republik spiegelt sich auch in der Printpresse wider: Allein in Berlin gibt es zu der Zeit 147 Tageszeitungen. Einer der scharfzüngigsten und wortgewandtesten Journalisten und Schriftsteller der Zwischenkriegszeit ist Kurt Tucholsky. Doch „falsch geboren“ sei er, so Tucholsky, hinein in das von sich selbst besoffene Kaiserreich. Besonders dessen Militarismus ist ihm verhasst: Mit dem berühmt gewordenen Satz „Soldaten sind Mörder“, provoziert Tucholsky seinerzeit – und polarisiert noch heute. Zuletzt wieder viel zitiert ist sein 1919 im „Berliner Tageblatt“ veröffentlichte Artikel „Was darf die Satire?“, dessen entschiedene Antwort Tucholsky selbst gibt: „Alles!“ Für ihn muss Satire beißen „gegen alles, was stockt und träge ist“. Was stockt, sind in seinen Augen die Republikfeinde und Revisionisten aus Kaisers Zeiten. Rast- und ruhelos wie die Stadt selbst durchstreift der Lebemann und Vielschreiber das politische und kulturelle Berlin nach Geschichten. Für jedes Themenfeld hat er ein anderes Pseudonym. Gerade spöttelte noch sein Alter Ego Peter Panter gegen das Berliner Theaterpublikum, da schreibt schon Theobalt Tiger über die Begebenheiten des Alltags; heiter bis düster sinniert er als Kaspar Hauser über Schmäh und Schande des Daseins, während sein Alias Ignaz Wrobel „mit eiserner Schnauze“, wie er selbst sagt, einen politischen Kommentar abgibt.

© C-Films Deutschland/Gerrit Gronau/Sandra Müller

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Die warnende Stimme. Das Credo der wilden Zwanziger – experimentieren und ausloten von Tabus – ist ganz nach Tucholskys Geschmack. Keine künstlerische Form lässt er aus. Ob Couplets, Gedichte oder Essays: Knapp 3.000 Texte verfasst der promovierte Jurist als Satiriker, Lyriker, Kritiker und Romanautor. Sein wichtigstes Forum ist die Zeitschrift „Weltbühne“, das Organ der intellektuellen Linken, dem er zeitweise als „Oberschriftleitungsherausgeber“, wie er es nennt, vorsteht. Darin prangert er die sozialen Missstände genauso an wie den inneren Widerspruch aus neu gewonnener Lebenslust und alter Stahlhelmmentalität.

Demselben Geist gehören auch andere Intellektuelle an wie etwa der Schriftsteller Bertolt Brecht (1898–1956) oder die Maler Otto Dix (1891–1969) und George Grosz (1893–1959), die mit den Mitteln des politischen Realismus genauso scharfe Kritik an ihrer Zeit üben. Über George Grosz, der die herrschende Klasse in seinen politischen Sittengemälden treffend karikiert, sagt Tucholsky bewundernd: „Wenn Zeichnungen töten könnten, das preußische Militär wäre sicherlich tot.“ Schon früh erkennt und entlarvt Tucholsky die Gefahren, die von den Nationalsozialisten ausgehen: „Sie rüsten für die Reise ins Reich.“ Tucholsky selbst ist Jude und fühlt sich bedroht. Sein Zeitgenosse Erich Kästner sagt über Tucholskys Kampf: „Ein kleiner dicker Berliner wollte mit einer Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten.“ So scharf Tucholsky die braunen Brandstifter kritisiert, so machtlos ist er gegen sie. Er erträgt die politische Situation in Deutschland nicht länger, nach Aufenthalten in Paris geht er 1930 ins Exil nach Schweden. Er hat das Gefühl, dass alles Warnen wirkungslos ist. Und so versiegt die sprudelnde Quelle der Kritik.

1933, zwei Jahre vor seinem Tod, schreibt Tucholsky einem Freund: „Dass unsere Welt in Deutschland zu existieren aufgehört hat, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Und daher werde ich erst einmal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an.“ Es wird dabei bleiben. Und doch, wer genau hinhört, wird merken: Sein Pfeifen ist immer noch zu hören.

 

Julian Windisch für das ARTE Magazin

ARTE Dokureihe

Die wilden Zwanziger

(1) Berlin und Tucholsky

Mittwoch · 22.4. · 21.45

 (2) Paris: Ein Fest fürs Leben

Mittwoch · 29.4. · 21.55

(3) Wien: Ein Tanz am Abgrund

Mittwoch · 6.5. · 21.40

 

 

 

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Kategorien: April 2015