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Tom Schilling: das coole Gesicht des deutschen Films

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© HR/Philipp Kirsamer

„Ich will geliebt werden“

Im Erfolgsfilm „Oh Boy“ überzeugte er als zarter Verweigerer, wir haben das coole Gesicht des deutschen Kinos in Berlin getroffen: Tom Schilling über einen schicksalhaften Brief, Erwartungen des Publikums und elterliche Ambitionen.

 

Niko Fischer gehört zu der Generation, deren größter Konflikt in der Konfliktlosigkeit liegt: Abgesichert durch das Elternhaus, aber erdrückt von der Fülle an Möglichkeiten, ist er vor allem mit sich selbst beschäftigt. Gespielt von Tom Schilling schlittert der Protagonist des Erfolgsfilms „Oh Boy“ vor der rauen Großstadtkulisse Berlins ziellos von einer bizarren Situation in die nächste. Seine Rolle in Jan Ole Gersters Tragikomödie brachte Schilling 2013 den Deutschen Filmpreis für die beste männliche Hauptrolle und eine Nominierung für den Europäischen Filmpreis ein. Der Running Gag im Film: Im Laufe seiner Odyssee versucht der Endzwanziger immer wieder vergeblich eine Tasse Kaffee zu trinken. In einer Bar in Prenzlauer Berg trafen wir Tom Schilling Anfang Januar – ohne Kaffee, aber bei Ingwertee mit Honig.

 

ARTE: Es heißt oft, Sie hätten viel gemeinsam mit der Figur des Niko Fischer. Dessen Vorliebe für Kaffee teilen Sie aber offensichtlich nicht?

TOM SCHILLING: Nein, Kaffee brauche ich nicht.

ARTE: Im Film sagt Niko Fischer nach einer Reihe seltsamer Begegnungen: „Die Leute kommen mir so merkwürdig vor, aber vielleicht bin ich ja verrückt.“ Teilen Sie diesen Gedanken manchmal?

Tom Schilling: Ich fühle mich auch nicht viel kongruenter mit der Welt als Niko Fischer, aber anders als er bin ich mehr bei mir selbst. Vielleicht noch narzisstischer.

ARTE: Sie waren längst ein Name, als Jan Ole Gerster noch nicht bekannt war. Wie haben Sie und Gerster sich kennengelernt?

TOM SCHILLING: Er ist einer meiner ältesten Freunde. Wir haben uns vor 14 Jahren kennengelernt, als er beim Dreh von „Good Bye, Lenin!“ Regie-assistent war. Das war damals im Wohnwagen von Daniel Brühl, mit dem ich befreundet bin. Anfangs mochten Jan Ole und ich uns nicht so sehr, aber dann hat er mich gefragt, ob ich in seinem Kurzfilm mitspielen würde, mit dem er sich an der Filmhochschule bewerben wollte.

ARTE: Einige Jahre später, für die Hauptrolle in „Oh Boy“, haben Sie sich dann bei ihm beworben …

TOM SCHILLING: Ja, in einem langen Brief, den ich damals bei ihm eingeworfen habe – wir sind schließlich fast Nachbarn. Letztes Jahr habe ich den Brief noch einmal gelesen. Er ist nicht verkehrt, gut sogar. Wenn Jan Ole eine große Karriere macht, wird der Text vielleicht irgendwann abgedruckt.

ARTE: Was stand denn drin?

TOM SCHILLING: Ich glaube, ich habe gesagt, der Film sei sehr vergeistigt. Und dass das Durchdringen der Figur wichtiger sei als Äußerlichkeiten. So hat Jan Ole selbst damals gedacht. Als wir dann gedreht haben, musste er mir den Film nicht mehr erklären. Das war sehr wichtig.

ARTE: Im Jahr 2011 haben Sie mit den Dreharbeiten in Berlin begonnen …

TOM SCHILLING: Nein, sogar schon 2010, der Film war zwei Jahre lang im Schneideraum. Und das war gut, weil er so noch einmal komplett neu entstanden ist. Ein Film kann völlig zerfallen, wenn er den falschen Ton trifft. Heute wird häufig viel zu schnell geschnitten. Das ist schade.

 

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© HR/Philipp Kirsamer

ARTE: Im Kino hatte „Oh Boy“ großen Erfolg – 350.000 Zuschauer bei einem Budget von nur 300.000 Euro – und Sie haben gleich den Deutschen Filmpreis gewonnen. Hat Sie das überrascht?

TOM SCHILLING: Offen gestanden, überrascht hat mich das nicht, aber extrem glücklich gemacht. Dass „Oh Boy“ ein starker Stoff mit großem Drehbuch ist, wusste ich schon vorher. Jan Ole macht eben nichts halb.

ARTE: Seit Ende März läuft Oskar Roehlers „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“ im Kino, mit Ihnen in der Hauptrolle. Ein Ausbruch aus dem Klischee des zarten Verweigerers?

TOM SCHILLING: Natürlich will ich als Schauspieler vom Publikum geliebt werden. Und ich glaube, meine Zuschauer wollen nicht immer dasselbe von mir sehen, sonst könnten wir gleich „Oh Boy 2“ machen. Aber auch die Rolle in Roehlers Film hat viel mit mir persönlich zu tun, mit dem Westberlin der 1980er Jahre und meinen großen Helden Nick Cave und Blixa Bargeld. Schon als Teenager war ich ein bisschen aus der Zeit gefallen; während die anderen alle Grunge und Hip-Hop hörten, ärgerte ich mich, dass ich in meinem Geburtsjahr 1982 nicht schon 16 oder 17 war. Die 80er waren die tolle Zeit. Meine hat mich nicht so richtig interessiert.

ARTE: Haben Sie Vorbilder in der Filmbranche, von denen Sie keinen Film verpassen?

TOM SCHILLING: Von richtig guten Regisseuren sind auch die schlechteren Filme immer noch sehenswert. Ich schaue mir alles von Andreas Dresen an, mit dem ich wirklich gerne einmal zusammenarbeiten würde. Oder auch von Christian Petzold. Der Schauspieler wegen gehe ich nicht ins Kino. Ich finde viele gut, aber vor ihnen habe ich nicht so eine Hochachtung wie vor Regisseuren. Die Könige, das sind sie.

ARTE: Ihr erstes Casting hatten Sie mit sechs. Waren Ihre Eltern sehr aktiv dabei, Sie auf Ihre berufliche Bahn zu bringen?

TOM SCHILLING: Ja, meine Mutter, absolut. Vor den ersten kleinen Theaterrollen in der Schule war ich schon filmerfahren und hatte regelmäßig Castings. Da musste ich immer hin und fand es furchtbar. Allerdings hat mich meine Mutter – so sehe ich das heute – grundsätzlich zu etwas hingeführt, das ich gerne mache und auch beherrsche. Sie ist sehr stolz auf mich und genauso ehrgeizig. Deshalb ist eine Nominierung für einen Filmpreis zwar schön und gut, aber den sollte ich dann auch gewinnen.

ARTE: Sie hatten auch einmal überlegt, Maler zu werden. Warum?

TOM SCHILLING: Vielleicht weil ich schon viel zu früh in diesem Beruf steckte, mit all der Verbindlichkeit und der Verantwortung, die er verlangt. Da war das Malen ein Gegenentwurf, angenehm autonom, einfacher und auch tröstender. Beim Schauspielen strengt es schon sehr an, etwas vorzuführen und immer direkt bewertet zu werden. Das fällt den meisten schwer. Ich bin da keine Ausnahme, ich habe ein großes Schamgefühl. Das wird auch nicht einfacher mit den Jahren.

ARTE: Und Ihr Vater?

TOM SCHILLING: Mein Vater ist sehr wichtig in meinem Leben. Er gibt mir das Urvertrauen. Das Gefühl, dass alles gut ist, was ich mache.

 

Jan Schulz-Ojala für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

Filmografie

„Woman in Gold“ (2015); „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“ (2015); „Who Am I – Kein System ist sicher“ (2014); „Unsere Mütter, unsere Väter“ (2013); „Woyzeck“ (2013); „Oh Boy“ (2012), Deutscher Filmpreis und Bayerischer Filmpreis als bester Darsteller; „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008); „Tatort – Der frühe Abschied“ (2008); „Pornorama“ (2007); „Napola – Elite für den Führer“ (2004);  „Crazy“ (2000), Bayerischer Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller

 (Auswahl)

 

 

ARTE Tragikomödie

Oh Boy

Mittwoch, 15.4.,20.15

 

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung

finden Sie unter arte.tv/oh-boy

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Kategorien: April 2015