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Jeder spielt die erste Geige

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Jeder spielt die erste Geige

Musiker von internationalem Renommee, ein Chefdirigent mit unverwechselbarem Charme und ein demokratisches Selbstverständnis:
Die Berliner Philharmoniker sind so exzellent wie eigensinnig. Blick in den Orchestergraben.

 

Sie sind musikalisch brillant, ein wenig exzentrisch und weltweit beliebt: Die Berliner Philharmoniker oder „The Monsters“, wie sie der britische Starviolinist Nigel Kennedy ihrer Fulminanz wegen nennt. Dort, wo sie auftreten, gehört ihnen die Stadt, ob Taipeh, Warschau, Leipzig, New York – oder Baden-Baden, wo sie während der diesjährigen Osterfestspiele gastieren. Neben ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle dirigieren bei diesem Anlass auch Bernard Haitink und Riccardo Chailly.

Der eigenen Stellung ist sich das gefeierte Orchester schon lange bewusst. Seit jeher verleiht es symbolträchtigen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen einen feierlichen Anstrich. Das war bereits 1955 so, als die Musiker zum ersten Mal in die USA reisten, um sich für den Einsatz der Rosinenbomber während der Berliner Blockade zu bedanken. Das war beim Mauerfall so – und wird auch beim Europakonzert 2015 in Athen so sein. Mit diesem feiern sie jedes Jahr an einem europäisch signifikanten Ort ihre Gründung am 1. Mai. „Wir verstehen uns als Kulturbotschafter“, sagt Martin Hoffmann, seit 2010 Intendant der Stiftung Berliner Philharmoniker. Aktuell bereiten sich die Musiker auf eine neue Ära vor. Im Mai wählen sie einen neuen Chefdirigenten; 2018 wird der charismatische Brite Simon Rattle nach 16 Jahren seinen Abschied feiern. Genau diese Wahl ist Ausdruck einer ausgeprägten, weltweit einzigartigen demokratischen Selbstverwaltung. Kein Chefdirigent, der nicht vom Kollektiv bestimmt wird. „Es gibt keine Hierarchien. Jeder ist eine herausragende Persönlichkeit“, so Hoffmann.

 

Geboren aus der Rebellion. Zusammenhalt und Entscheidungsgewalt hatten sich die Musiker bereits bei der Gründung des Orchesters 1882 geschworen. Am Anfang des erfolgreichen Ensembles stand eine Rebellion für bessere Arbeitsbedingungen. Damals beschlossen 54 Musiker aus Protest gegen die Kürzung ihrer Gagen unter dem damaligen Dirigenten Benjamin Bilse, ein neues Orchester zu gründen. Sie wollten sich selbst verwalten: Die Berliner Philharmoniker waren geboren. Heute sind sie als öffentlich-rechtliche Stiftung organisiert, die 2002 mit dem Amtsantritt von Simon Rattle gegründet wurde. Das Land Berlin subventioniert die Stiftung mit rund 14 Millionen Euro pro Jahr, der Eigenanteil liegt bei knapp über 60 Prozent. Hinter den Kulissen ist es Stiftungsintendant Hoffmann, der dafür sorgt, dass auf der Bühne und für die Musiker alles läuft. Einer dieser Musiker ist Daniel Stabrawa, seit fast 30 Jahren Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. „Wir fühlen uns zwar als starke Einheit, haben untereinander aber auch diverse Vorstellungen, die wiederum nicht immer kompatibel sind mit dem, was der Dirigent oder der Intendant will.“ Dann seien Diplomatie und Nervenstärke gefragt. Auch Kompromisse mit den Kollegen zu finden, ist harte Arbeit, im Orchester sitzen schließlich 128 Individualisten. Diese gehen teilweise exzentrischen Hobbys nach. Einer sammle Schmetterlinge und habe mittlerweile über 60.000 Exemplare, erzählt Oboist Christoph Hartmann, wegen seines Bürstenhaarschnitts im Orchester auch „Kaktus“ genannt. Er selbst betreibt eine Radmanufaktur. „Um die Anspannung zu bewältigen, braucht man privat ein anderes Feld, auf dem man sich austobt.“

 

© SWR/Todd Rosenberg

© SWR/Todd Rosenberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Pultherrschern und Teamplayern. Die Geschichte des Orchesters ist auch die Geschichte seiner legendären Dirigenten. Einer von ihnen war Herbert von Karajan, der die Philharmoniker ganze 34 Jahre lang, von 1956 bis 1989, leitete und auf Wilhelm Furtwängler folgte. Karajan war ein Freund des romantisch-schwelgerischen Pathos und prägte den seidenen Sound, der zum Markenzeichen des Orchesters wurde. In seiner Zeit wurde die Philharmonie gebaut und 1963 eröffnet, 1967 die Salzburger Osterfestspiele und 1973 die Salzburger Pfingstkonzerte ins Leben gerufen. Seine Faszination für Technik und die in den 1970er Jahren aufkommenden digitalen Aufnahmeverfahren führten 1982 dazu, dass die vom Orchester eingespielte Alpensinfonie von Richard Strauss zu einer der ersten Audio-CDs weltweit wurde. Karajan galt aber auch als absolutistischer Pultherrscher. Mitte der 80er Jahre kam es zum Machtkampf zwischen den Musikern und ihm. Unter anderem ging es um die Aufnahme der Klarinettistin Sabine Meyer, die er haben wollte, das Orchester aber nicht. Schließlich zog sich der Maestro verbittert zurück.

Simon Rattle gilt dagegen als ausgesprochener Teamplayer. Seine Ära wurde bisher durch bemerkenswerte Leistungen auf unterschiedlichen Gebieten gekennzeichnet, darunter einzigartige CD-Produktionen oder das Education-Programm. Letzteres soll insbesondere Kindern und Jugendlichen Zugang zur Musik verschaffen. Im Jahr 2009 ging das Orchester zudem mit dem Portal Digital Concert Hall online. Dieses überträgt Konzerte und zählt mehr als 20.000 zahlende Nutzer. Mit dem Label Berliner Philharmoniker Recordings, mit DVDs und MP3-Aufnahmen erschließen sich die Musiker darüber hinaus weitere Einnahmequellen.

Im Jahr 2013 verkündete Rattle, dass er seinen Vertrag mit den Philharmonikern über 2018 hinaus nicht verlängern wird. Für die Nachfolge seien bereits große Namen wie etwa Gustavo Dudamel, Daniel Barenboim oder Christian Thielemann im Gespräch. Die endgültige Entscheidung darüber wird am 11. Mai getroffen werden – in einer streng geheimen Wahl, die beinahe einer Papstwahl gleicht. Aus der Versammlung heraus dürfen weder Twitternachrichten noch SMS verschickt werden. Der Auserwählte, der für dieses Amt zuvor nicht einmal Interesse bekundet haben muss, werde dann während der Sitzung telefonisch benachrichtigt. Jetzt heißt es also auf den großen Tag warten. Noch ist über der Berliner Philharmonie kein weißer Rauch aufgestiegen.
Teresa Pieschacón Raphael für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

Die Berliner Philharmonie

Am 15. Oktober 1963 wurde die Philharmonie feierlich mit Beethovens Neunter Symphonie unter Leitung von Herbert von Karajan eröffnet. Erbaut wurde sie von Architekt Hans Scharoun (1893–1972) und galt bereits damals als architektonisch wegweisend für den modernen Konzertsaal. Die Heimstätte der Philharmoniker, am Rande des Berliner Tiergartens, bietet Platz für über 2.400 Besucher

ARTE Konzert

Osterfestspiele 2015 aus dem

Festspielhaus Baden-Baden:

Mit Isabelle Faust, Bernard Haitink

und den Berliner Philharmonikern

Sonntag, 5.4., 17.40

 

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung

finden Sie unter arte.tv/osterfestspiele-baden-baden

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Kategorien: April 2015