SERIE

Drei Schweden und ein Todesfall

© Sveriges Television/Baldur Bragason

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Ein dunkles Familiengeheimnis, eine entschlossene Mutter und drei zerstrittene Geschwister – vor großartiger Kulisse zieht uns die fesselnde Geschichte der schwedischen Erfolgsserie „Blutsbande“ in den Bann. Ein Meilenstein des „Nordic Noir“!

 

Mit dem Fernsehen verhält es sich seit ein paar Jahren ein wenig wie mit dem Pop. Was wirklich ein fesselndes Ereignis ist und nicht in den USA oder Großbritannien gedreht wurde – das kommt aus Skandinavien. Zu gefeierten Produktionen wie „Die Brücke – Transit in den Tod“, „Borgen“ oder „Real Humans“ gesellt sich nun mit „Blutsbande“ eine Serie, die in jeder Hinsicht ebenbürtig ist.

Auf der Inselgruppe Åland zwischen Schweden und Finnland betreibt Ana-Lisa Waldemar zusammen mit ihrem Sohn Oskar und dessen Frau eine altmodische Pension. Zur Eröffnung der Saison lädt sie, ohne Oskar einzuweihen, seine Geschwister Lasse und Jonna auf die Insel. Es gäbe, schreibt sie ihnen, etwas Wichtiges mitzuteilen. Jonna Waldemar ist eine aufstrebende Theaterschauspielerin, Lasse Waldemar als Restaurantbesitzer bei den falschen Leuten verschuldet und überdies mit seiner pubertierenden Tochter überfordert. Beide haben kaum mehr Kontakt zu ihrer Mutter. Diese hat, nachdem nun alle vereint sind, nur einen rätselhaften Satz für jedes Kind: „Du musst verzeihen!“, sagt sie zu Oskar. „Du bist nicht ich!“, bekommt Jonna zu hören. Und Lasse trägt sie auf: „Pass auf die anderen auf!“ Bevor die Kinder auch nur ahnen können, was damit gemeint sein könnte, nimmt Ana-Lisa sich das Leben – sie litt unheilbar an Krebs, erfahren die Geschwister im Nachhinein.

Ein dunkles Geheimnis

Was bis dahin schon eine komplizierte Familienaufstellung in idyllischem Ambiente vermuten lässt, nimmt mit der Eröffnung des Testaments erst richtig Fahrt auf. Darin hat Ana-Lisa verfügt, dass Jonna, Oskar und Lasse die Pension bis September gemeinsam führen müssen und die Insel nicht verlassen dürfen – ansonsten werde das Anwesen für einen guten Zweck verkauft.

An diesem Ausgangspunkt hätte aus der Geschichte in den falschen Händen ein Rührstück oder eine Komödie werden können. Niklas Rockström, Drehbuchautor von „Wallander“ und Henrik Jansson-Schweizer, der Produzent der schwarzen Komödie „Der 100-Jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“, haben jedoch einen weiteren Meilenstein des „Nordic Noir“ fabriziert – jenes Genre, das seine Spannung und Relevanz aus dem Gegensatz von sauberer skandinavischer Selbstwahrnehmung und seiner schmutzigen Kehrseite bezieht. Menschen sehen hier aus wie richtige Menschen, Dialoge sind richtige Dialoge. Was als Familiengeschichte beginnt, bleibt bis zum Ende eine Familiengeschichte. Und lässt mit immer dunkleren Wendungen den Zuschauer doch nicht mehr vom Haken. Hinter dem Versuch einer Mutter, ihre in alle Winde verstreute Familie wenigstens posthum noch einmal zusammenzubringen, verbirgt sich ein dunkles Geheimnis. Und das liegt wie ein schwarzer Schatten auf der Sommerfrische.

© Sveriges Television/Baldur Bragason

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Hadern und Hoffnung

Zunächst sind es die entfremdeten Geschwister selbst, die einander das Leben zur Hölle machen. Oskar hat zu Recht erwarten dürfen, Alleinerbe der Pension zu werden. Seine Geschwister hätten beide Besseres zu tun, als einen Sommer auf Åland zu verplempern. Lasse sitzen die Schuldeneintreiber im Nacken, Jonna entgeht eine wichtige Rolle. Darüber hinaus begehrt Lasse noch immer die Frau seines Bruder – seine Jugendliebe – und sie ihn womöglich auch. Weit spannen sich die Gegensätze zwischen Stadt und Land, Familie und Selbstbestimmung, Freiheit und Pflicht, Versuchung und Diziplin. Nicht nur den hervorragenden Hauptdarstellern glaubt man jeden Hader, jede Hoffnung. Sogar die Nebenrollen sind brillant besetzt, von Lasses zickiger Tochter bis zu Jonnas Freund, einem exzentrischen Regisseur.

Immer mehr rückt allerdings die Nachbarin in den Blick, eine Witwe, die jeden Kontakt mit den Waldemars abgebrochen hatte. Und klar wird allmählich, dass der abwesende Vater eine traumatisch empfundene Leerstelle hinterlassen hat. Um diese Stelle zieht „Blutsbande“ für zehn Stunden immer engere Kreise aus häuslicher Gewalt, Missbrauch und vielleicht sogar Mord. Je düsterer die Handlung wird, umso schärfer wird sie von der landschaftlichen Schönheit kontrastiert. Sonnenlicht fällt durch Blätterdächer, Urlauber lustwandeln durch den verwilderten Garten mit dem unvollendeten Pool. Nur die Musik täuscht nicht, ihre Dramaturgie ist bisweilen verräterisch.

Ästhetik der Kontraste

Für Effekte ist in „Blutsbande“ zwar das Drehbuch zuständig. Das ästhetische Wagnis, fein dosiert, wirkt aber dafür umso heftiger. „Tjockare än vatten“ heißt die Serie im Original, „Dicker als Wasser“, und aus diesem allgegenwärtigen Element schlägt die Regie einige dramaturgische Funken. So ist die Meeresoberfläche wie die der heilen Welt beinahe immer im Blick, mal grün, mal grau, ein immer schillerndes Versprechen wie aus dem Urlaubsprospekt. Hin und wieder aber wagt sich die Kamera unter die Oberfläche. Erinnerungen an die Kindheit sind in Sepia getaucht und wirken zunächst wie Traumbilder, die aber im Laufe der Zeit immer deutlicher und schmerzhafter werden.

In Schweden war die Serie „Blutsbande“ zur Primetime ein großer Hit. Derzeit wird die zweite Staffel gedreht. Bei der üblichen Frage jedes Thrillers, wer eine Tat warum begangen hat, geht „Blutsbande“ noch einen Schritt weiter und lässt sehr lange die Frage offen, was überhaupt verbrochen wurde. Diesen Spannungsbogen überhaupt zu halten, ist schon eine Leistung an sich. Ihm zu folgen, ein pures Vergnügen.

 

ARNO FRANK FÜR DAS ARTE Magazin

 

ARTE Plus

Die Åland-Inseln

6.700 größere und kleinere Inseln und Schären in der Ostsee zwischen Schweden und Finnland bilden das Åland-Archipel. Die autonome Region mit eigener Flagge gehört seit 1921 zu Finnland, die Einwohner sprechen jedoch Schwedisch. Tourismus und Schiffsverkehr sind die wichtigsten Wirtschaftszweige der Inselbewohner

 

ARTE Serie

Blutsbande

10-teilige Serie ab 9.4. immer donnerstags · ab 20.15

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Kategorien: April 2015